Beitragsbild: Ein Fähnchen im Wind (Windows 95 launch memorabilia von Marcin Wichary/Flickr.com, CC BY 2.0).
Ich habe wieder einmal erfolgreich ein Jubiläum verpasst – nämlich den dreissigsten Geburtstag von Windows 95. Dieses Betriebssystem kam am 24. August 1995 auf den Markt, und es ist nicht übertrieben, von einem Meilenstein zu sprechen.
Der Vorgänger mit dem Programm-Manager, den kurzen Dateinamen und dem primitiven (kooperativen) Multitasking war ein Kind der DOS-Ära. Windows 95 hingegen hatte viele der Merkmale eines «modernen» Betriebssystems. Das Startmenü, die Taskleiste und der Desktop hielten Einzug, Plug-and-Play vereinfachte den Umgang mit externer Hardware und bei der Dateiverwaltung war der Explorer gegenüber dem alten Dateimanager ein deutlicher Fortschritt¹.
Bedeutsam ist allerdings auch, dass in Windows 95 weit und breit nichts von einer Erfindung namens «Internet» zu sehen war. Es gab keinen Browser und keinen TCP/IP-Stack². Stattdessen war Bill Gates auf die Idee verfallen, The Microsoft Network (MSN) in sein Betriebssystem hineinzubasteln. Das war ein proprietärer Einwähldienst wie Compuserve oder AOL, der kein freies Inhaltsangebot erlaubte, sondern nur ein kuratiertes bzw. kontrolliertes Angebot.

Nein, Gates hat das Internet nicht verschlafen
Dieser Umstand wurde in den 1990er-Jahren oft so interpretiert, Microsoft hätte das Internet verschlafen. Doch aus allem, was wir über diesen Konzern wissen, drängt sich eine andere Sichtweise auf: Natürlich hatte Bill Gates dieses Internet auf dem Schirm, und er war sich dessen Potenzial sehr wohl bewusst. Er erkannte es als Bedrohung für das Geschäftsmodell seines Unternehmens. Deswegen kam MSN zusammen mit dem neuen Betriebssystem auf den Markt. Geklappt hat dieser Powermove bekanntlich nicht – zumindest nicht bei der Online-Plattform. Beim Internet Explorer war die Bündelung hingegen so erfolgreich, dass dieser lausige Browser für mehr als zehn Jahre (ungefähr 2000 bis 2012) der Dominator war.
Gates wusste schon vor der Veröffentlichung von Windows 95, dass es MSN nicht gelingen würde, das Internet aufzuhalten. Das ist nicht bloss Spekulation: Bereits im Mai 1995 schrieb er ein ellenlanges Traktat an seine Führungsriege, das als «The Internet Tidal Wave»-Memo in die Geschichte eingehen sollte. In dem hielt er fest:
Eine Kombination aus erweitertem Internetzugang, ISDN, neuen Breitbandnetzen, die sich durch Video-Anwendungen ihre Daseinsberechtigung erhalten, wird innerhalb des nächsten Jahrzehnts kostengünstige Kommunikation für die meisten Unternehmen und Haushalte ermöglichen. Das Internet steht dabei an vorderster Front, und die Entwicklungen im Internet in den nächsten Jahren werden den Kurs unserer Branche für lange Zeit bestimmen.
Noch prägnanter:
Das Internet ist die wichtigste Einzel-Erfindung seit der Einführung des IBM-PCs im Jahr 1981.
Und als Beweis, dass Gates zumindest in der internen Kommunikation zu unerwarteter Selbstkritik fähig war, hielt er fest:
Erstaunlicherweise ist es einfacher, Informationen im Internet zu finden als im Microsoft-Unternehmensnetzwerk.
Gates ist in Panik, weil er im Internet keine Worddateien findet
Die Angst, dass Microsoft die Felle davonschwimmen könnten, ist mit Händen zu greifen:
Beim Surfen im Internet findet man fast keine Microsoft-Dateiformate. Nach zehn Stunden Surfen hatte ich keine einzige Word-DOC-Datei, AVI-Datei, Windows-EXE-Datei (ausser Content Viewern) oder ein anderes Microsoft-Dateiformat gesehen. Ich habe jedoch eine grosse Anzahl von Quicktime-Dateien gesehen.

Nebst Apple werden Netscape und Adobe mit PDF als direkte Konkurrenten genannt. Wenig überraschend finde ich die technische Perspektive, mit der er sich an den Dateiformaten abarbeitet, statt die gesellschaftliche Dimension des freien Informationsflusses zu sehen.
Nach der Lektüre (bzw. dem Querlesen) des «Tidal Wave»-Memos stellt sich die Frage, wie viel früher Gates hätte merken können oder müssen, dass er mit seinem Microsoft Network nicht gegen das Internet würde anstinken können. Die Vertreter der «Gates hat verpennt»-These könnten an dieser Stelle genüsslich darauf hinweisen, dass es eine zehnstündige Surf-Session brauchte, damit der Chef auf den Trichter kam.
War Gates ein Spätzünder? Es gibt Argumente für diese Annahme: Man hätte es am 30. April 1993 kapieren können, als das World Wide Web für die Öffentlichkeit freigegeben wurde. Doch da Windows 95 schon seit Dezember 1992 in Entwicklung war, habe ich Verständnis, wenn wichtige Weichenstellungen bereits früher erfolgten. Die Konkurrenten, die Microsoft mit MSN aus dem Weg kegeln wollte, waren deutlich älter: AOLs Vorläufer startete 1985, Compuserve sogar bereits 1969.
Schon beim Start veraltet
Immerhin, am 26. Mai 1995 erkannte Gates den Sachverhalt – und damit, so würde ich behaupten, deutlich früher als die meisten von uns. Nicht nur das: Die Erkenntnis versetzte ihn regelrecht in Panik. Der Microsoft-Chef ordnete eine Latte von Massnahmen an, u. a.:
Zunächst müssen wir einen geeigneten Client anbieten, der Windows 95-Features nutzt. Das allein wird die Nutzer jedoch nicht dazu bewegen, von Netscape zu wechseln. Wir müssen herausfinden, wie wir Blackbird integrieren und das Surfen in unseren Internet-Client einbinden können. Wir haben uns entschieden, Blackbird-Funktionen offen anzubieten, anstatt sie an MSN zu binden.
«Blackbird» war der Codename von Microsofts Software zur Erstellung von Online-Inhalten. Sie sollte ursprünglich das Publishing-Werkzeug für MSN sein, aber wie Gates hier andeutet, wollte er sie als universelles Werkzeug positionieren.
Gates spricht in seinem Memo viel von Chancen. Doch es bleibt dabei, dass erst der Rückstand auf wichtige Konkurrenten ihn zum Handeln brachte. Damit war Windows 95 – das in einem Düsseldorfer Hühnerhof heute noch Eier sortiert – zwar ein Meilenstein. Doch massiv getrübt wird diese historische Bedeutung durch die Tatsache, dass das Produkt aus Sicht der rasanten Internet-Entwicklung schon beim Erscheinen veraltet war.
Ein Aspekt, der in der Computerhistorie unbedeutend ist, der mich hier dennoch interessiert, ist die Frage: Haben die Schweizer Medien von Windows 95 Wind bekommen und angemessen berichtet?
Die ersten Zeitungen berichteten mit neun Monaten Vorlauf. Schon am 16. November 1994 verkündeten «Der Bund» und «La Liberté» Microsofts Pläne. Die Zeitung aus Freiburg erwähnte als Neuerung sogar besagtes MSN. Dieses Update war in den Schweizer Medien ein so grosses Thema, wie ich es mir bei meinen Archivrecherchen kaum gewohnt bin: Für 1995 verzeichnet E-Newspaperarchives die untypisch hohe Menge von 226 Artikeln.
Windows 95, der Vampir?
Einer stammt von «L’impartial». Claudio Personeni besprach am 20. Juni 1995 das Betriebssystem unter dem Titel «Der Vampir hat sich angekündigt». Der Blutsauger im Titel rührt vom französischen Verb «vampiriser», das die Erwartung ausdrückt, Windows werde sich um die vierzig Millionen PCs «hörig machen». Eine nachvollziehbare Begründung für diese harte Formulierung liefert Personeni nicht. Dafür erfahren wir, dass schon zum Start angekündigt war, Windows fürs Internet zu öffnen – wenngleich erst mit Verzögerung und nur indirekt via MSN:
Für eingefleischte «Surfer» ist zu erwähnen, dass Microsoft Network – MSN für Insider – auch die Möglichkeit bietet, auf das Internet, das Netz der Netze, zuzugreifen, zunächst allerdings nur teilweise, da nur die «Newsgroups» zugänglich sind. In der Schweiz stehen vier Zugangsleitungen zu MSN in Bern, Zürich und Genf zur Verfügung. Im Ausland wird MSN in nicht weniger als 35 Ländern in zwanzig verschiedenen Sprachen zugänglich sein.
Doch Gates’ Sofortmassnahme zur Beherrschung des Internets warf bereits ihre Schatten voraus. Die sich anbahnenden Justiz-Probleme schilderte Personeni in Überstrapazierung seiner Metapher als Gefahr für die Schwingen des Flattermanns:
Vorausgesetzt, die amerikanische Justiz schneidet Microsoft in diesem Punkt nicht die Flügel ab. Angesichts der überaus dominanten Stellung des amerikanischen Giganten auf dem IT-Markt und gemäss den im Land geltenden Kartellgesetzen haben die Richter der Vereinigten Staaten kürzlich beschlossen, sich mit dem Fall des weltweiten Telekommunikationsnetzwerks von Microsoft zu befassen.
Immer eine halbe Länge Rückstand auf den nächsten Trend
Fazit: Ich verbrachte 1995 in gespannter Erwartung auf das neue System und habe es bei der ersten Gelegenheit gekauft und installiert. Ich glaube sogar, mich zu erinnern, dass ich vorab für sechzig Franken die Beta-Version gekauft hatte, weil ich so ungeduldig war. Aus heutiger Sicht ist Windows 95 ein eindrückliches Beispiel dafür, wie Microsoft selten echte Innovationen geschaffen hat, sondern vor allem den Trends hinterherhechelte, die als entscheidend fürs eigene Geschäft identifiziert worden waren.
Was die Schweizer Presse angeht, hat die für einmal ein wichtiges Thema nicht verschlafen. Inhaltlich gibt es dennoch nur eine genügende Note: Die Artikel waren vor allem beschreibender Natur. Wir vermissen eine klare Einordnung, prägnante Analyse und scharfe Kritik.
Fussnoten
1) Auch wenn es Leute geben soll, die noch heute dem damaligen Prinzip nachtrauern, die Ordner als Kinderfenster in einem einzigen Hauptfenster anzuzeigen, weil es so möglich war, die über das Fenster-Menü nebeneinander anzuordnen. ↩
2) Daniel weist auf Bluesky darauf hin, dass in Windows 95 ein TCP/IP-Stack vorhanden und tatsächlich schon für Windows for Workgroups 3.11 von 1993 als Add-on kostenlos erhältlich war, während auf Hackernews darüber gestritten wird, ob man dieses Feature separat installieren oder bloss aktivieren musste. ↩
Vor dem Erscheinen dieses nicht 32 Bit OS- welches eigentlich eine Mogelpackung war hatte ich einen KDE Desktop laufen- Optisch war der wie Win 95- nur das der KDE schon etliches früher erschienen ist. Da der Untersatz ja eigentlich immer noch Dos war, konnte man das Dos von Win95 auch unter ein 3.11 basteln. Ich empfand es als wirklich schade, das sich Windows95 gegenüber OS/2 durchdesetzt hatte. OS halbe war in vielem stabiler…
Mein erster Rechner, ein 386er von Vobis, war mit OS/2 ausgestattet, das bekanntlich auch Win-3.1-Anwendungen ausführen konnte – und zwar systembedingt stabiler als Windows selbst. Leider hatte der Rechner so wenig RAM, dass keine rechte Freude aufkommen wollte.