Neonschrift vor dunklem Hintergrund mit den Wörtern «not (so) guilty». «Not» und «guilty» leuchten in Rot, «(so)» in Grün.

Überraschung: Mark Zuckerberg ist nicht an allem Schuld

Ver­schenkte der Facebook-Chef vor 15 Jahren eine ein­ma­lige Chance, als er nicht wie er­war­tet eine Abo­ge­bühr ein­führte? Wären die so­zia­len Netze heute bes­ser dran, wenn wir User nicht den Wer­be­trei­ben­den zum Frass vor­ge­wor­fen worden wären? Die Ant­wort ist er­staun­lich­er­weise ein Nein.

Vor 15 Jahren verging keine Woche ohne ein neues Social-Media-Angebot. Das ging so weit, dass ich im Januar 2010 einen weinerlichen Blogpost veröffentlichte, man komme mit Testen kaum mehr hinterher. Ausserdem kolportierte ich die Falschmeldung, Facebook würde demnächst eine Abogebühr erheben: eine Lüge, die heute noch herumgereicht wird.

Genau dieser Aspekt brachte mich ins Grübeln: Wie sähe die Welt der sozialen Medien aus, wenn das damals keine Ente gewesen wäre und Facebook eine Gebühr erhoben hätte? Wäre diese Plattform heute nicht in einem so desolaten Zustand, weil sich die zahlende Nutzerschaft mehr Verantwortungsbewusstsein aufgebaut hätte als die Horde der Freeloader, die sich heute aufführt wie die Axt im Wald?

Die Rationalisten unter den Leserinnen werden jetzt «Hätte, hätte, Fahrradkätte!» schreien und darauf hinweisen, dass niemand das wissen könne. Das ist unbestreitbar richtig. Obendrein besteht die Gefahr, dass uns dieses kleine Gedankenexperiment traurig macht: Die Wahrscheinlichkeit besteht, dass damals eine historische Chance vergeben wurde.

Das schnelle Scheitern eines optimistischen Gedankenexperiments

Doch nein. Diese Spekulation ist schon zu Ende, noch bevor wir gross anfangen, in Szenarien zu denken. Die Hoffnung auf eine harmonischere Social-Media-Welt – in der der Dialog der Anwenderinnen und Anwender der Existenzgrund der Plattform und nicht bloss das Werbeumfeld ist – platzt schon bei der ersten entscheidenden Frage.

Sie lautet: Wäre Facebook mit Bezahlschranke ein Erfolg gewesen?

Ich wüsste, welche Parloe ich hier hinsprayen würde (Snowscat, Unsplash-Lizenz).

Der Massstab, den Mark Zuckerberg für den Erfolg anlegt, ist kein Geheimnis: Es handelt sich um eine Zahl, die den Umsatz in Dollars angibt. Das zugrunde liegende Rechenbeispiel können wir selbst anstellen: Der ARPU (average revenue per user bzw. der durchschnittliche Umsatz pro Nutzer und Jahr) beträgt für Facebook 49,63 US-Dollar. Das entspricht nicht ganz der präsupponierten Abogebühr von fünf Franken pro Monat, aber fast – nämlich 4,13 Dollar oder ungefähr 3.55 Franken.

Es wäre nicht nur teuer, sondern auch langweilig

Mit anderen Worten: Die Gesamtzahl der gut drei Milliarden aktiven Nutzerinnen und Nutzer müsste ein Abo abschliessen, damit für Meta unter dem Strich das gleiche Ergebnis wie mit der Werbefinanzierung herauskommt. Wenn wir umgekehrt rechnen und grosszügig annehmen, dass immerhin jeder zehnte User willens und in der Lage wäre, eine Abogebühr zu entrichten, wären für Facebook im Monat 35 Franken zu berappen.

Gleichzeitig müssen wir annehmen, dass diese elitäre Version von Facebook dieses Geld nicht im Ansatz wert wäre. Natürlich würde ein Umgangston wie in einem britischen Gentlemen’s Club des 18. Jahrhunderts herrschen. Aber alle von uns, die ohne blaues Blut geboren wurden, würden sich zu Tode langweilen. Denn es wäre nur noch ein Zehntel unseres Freundeskreises anwesend – und nicht unbedingt das interessanteste Zehntel.

Wir kommen zur Erkenntnis, dass bei den sozialen Medien zwei Faktoren in der gleichen Stossrichtung wirken. Ich nenne sie hier die zwei «digitalen Naturgesetze»:

  • Erstens die kühle kapitalistische Überschlagsrechnung:
    Für maximale Einnahmen ist grösstmögliche Reichweite gefragt.
  • Zweitens die Logik der sozialen Netzwerke:
    Sie erfordert minimale Einstiegshürden für eine möglichst breite Verankerung.

Naturgesetze, grösser als Mark Zuckerberg

Am Ende besteht die Ironie dieses Gedankenexperiments darin, dass es mich traurig stimmt, obwohl die Einsicht herrscht, dass keine historische Chance vergeben wurde. Mark Zuckerberg ist zwar ein besonders ausgeprägtes Exemplar eines Geld- und Machtmenschen. Wäre er das in weniger ausgeprägtem Sinn, wären sicherlich einige Dinge besser gelaufen: Es wäre bei Meta besser um den Jugendschutz bestellt, es würden weiterhin Faktenchecks betrieben und die Algorithmen wären nicht ganz so unerbittlich auf Krawall gebürstet. Aber Facebook wäre keinesfalls ein Social-Media-Idyll, umringt von einer hohen Paywall.

Mit anderen Worten: Mark Zuckerberg ist zwar ein Bösewicht. Er ist egozentrisch, rücksichtslos und nimmt nicht einmal das Minimum an Verantwortung wahr. Aber er ist nicht schuld an der Misere. Es wäre ohne ihn fast genauso gekommen.

Halten wir es in aller Deutlichkeit fest: Weder die Skrupellosigkeit der Konzerne noch die naive Verführbarkeit von uns Anwenderinnen und Anwendern durch Gratisangebote ist schuld daran, dass in den letzten 15 Jahren keine Social-Media-Plattform mit Bezahlmodell nur ansatzweise relevant wurde.

Es gab sie schon, die Alternativen

Es hat sie nämlich gegeben, die idealistischen Projekte: Ello, Vero, Steemit und vor allem App.net – wer erinnert sich noch? Auch die dezentralen Varianten mit Vertretern wie Diaspora und später dem Fediversum und Mastodon litten nicht an zu wenig Engagement. Ihr Handicap lag nicht daran, dass sie zu früh, zu spät, zu kompliziert oder zu nischig waren. Sie wurden in ihrer Entwicklung durch die beiden oben erwähnten digitalen «Naturgesetze» behindert.

Wobei mir der Begriff nun doch nicht gefällt. Sprechen wir lieber von strukturell starken Entwicklungstendenzen, die in den Wirtschaftswissenschaften mit Konzepten wie economies of scale, Netzwerkeffekt und Pfadabhängigkeit beschrieben werden. Sie haben zur Folge, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit die Megaplattformen obsiegen, in denen wiederum die Enshittification voranschreitet.

Warum haben wir das nicht gesehen? Mit «wir» meine ich die Journalistinnen und Beobachter, die diese Probleme nicht haben kommen sehen. Ich meine vor allem auch mich, weil ich mich – so beweist es mein eingangs erwähnter Blogpost – damals nicht ernsthaft mit der Finanzierung eines sozialen Netzwerks und den unvermeidlichen Konsequenzen beschäftigte. Facebooks ARPU war damals vermutlich nicht bekannt. Die ökonomischen Gesetze waren gleichwohl kein Geheimnis.

Ein fataler Grundlagenirrtum

Die Ursache lag in einem Fehlschluss: Viele von uns glaubten damals – und ich zähle mich explizit dazu –, dass die digitale und die reale Welt zwei so unterschiedliche, getrennte Sphären bilden würden, dass die Gesetze der einen Sphäre in der anderen keine Gültigkeit hätten. Das Internet nahmen wir als Hort des Optimismus und des Gemeinsamkeitsgefühls wahr. Hier würden die Wirkkräfte der realen Welt nicht gelten.

«Ein Glück, dass die Blase platzte», schrieb ich im Januar 2002: Ich war froh, dass die Dotcom-Euphorie an einem abrupten Ende angelangt war. Weil das Internet jetzt wieder viel mehr sein würde als ein riesiges Shoppingcenter. Das war der scheinbare Beweis dafür, dass das Netz den – ich verwende den Begriff trotzdem noch einmal – digitalen «Naturgesetzen» widerstehen kann.

Den «Naturgesetzen» zum Trotz hätte es anders laufen können

Mir geht erst heute überhaupt auf, wie tief dieser Irrtum verwurzelt war. Und wie doppelt fatal er wirkte: Einerseits führte er dazu, dass wir die Gefahren für unser digitales Idyll ignorierten. Andererseits verpassten wir grossartige Chancen. Hey, einer von uns hätte Facebook gründen können! Dieses soziale Netzwerk wäre heute dennoch ein schlimmer Moloch. Doch so desolat wie im Zuckerberg-Paralleluniversum wäre die Situation auf keinen Fall.

Vielleicht hätten wir auf eine Organisationsform als Service public gesetzt? Wir hätten uns ernsthaft für ein adäquates Wettbewerbsrecht engagieren oder auf Interoperabilität beharren können. Unsereins wäre in der Lage gewesen, uns den Kopf über die digitale Grundversorgung oder über Data Commons zu zerbrechen. Und vielleicht hätten wir es entgegen allen hier wohl begründetet Widrigkeiten geschafft, damit erfolgreicher zu sein als die gescheiterten Facebook-Konkurrenten – ihr seht, ein bisschen des alten Idealismus hat sich bei mir gehalten.

Oder – und das hätte wirklich klappen können! – wir hätten von Anfang an darauf drängen können, dass persönliche Daten als das betrachtet werden, was sie sind: als riesiges digitales Kapital, das klug investiert werden will!

Beitragsbild: Diese Leuchtschrift wird dann in Marks Mausoleum hängen (Saher Suthriwala, Unsplash-Lizenz).

Kommentar verfassen