Altes Schwarz-Weiss-Foto eines Vintage-Computers. Der Computer hat einen grossen Bildschirm mit Text in weisser Schrift auf schwarzem Hintergrund. Darunter befindet sich eine Tastatur mit grossen Tasten. Das gesamte Bild wirkt körnig und ist leicht verzerrt. Im Hintergrund sind Textfragmente sichtbar, die dem Bild eine
Das ITT Terminal 3210 brachte die NZZ dazu, zum ersten Mal den Cursor in gedruckter Form erscheinen zu lassen.

Der erste Auftritt des Bildschirmläufers in der Schweiz

Positions­mar­ke, Peil­an­zei­ger, Fa­den­kreuz, Leucht­punkt oder doch Licht­punkt­zei­ger? Wie dieses blin­ken­de Ding auf dem Bild­schirm heis­sen sollte, war in der Schweiz wäh­rend Jahr­zehn­ten ein Rätsel.

Die heutige Nachforschung führt uns so weit in die Vergangenheit zurück, wie es selten passiert, wenn ich meine Computer-Tech-Brille anziehe und herausfinden möchte, wann ein Begriff aus der digitalen Welt seine mediale Premiere erlebte. Das erste Vorkommen verzeichnen wir am 15. Juli 1855 im «Der Bund».

Ihr werdet jetzt sicherlich vermuten, dass die Bedeutung vor 170 Jahren eine andere war als heute. Damals war die Welt zu hundert Prozent analog. Erst ganz am Ende des 19. Jahrhunderts begegnen wir den ersten Anzeichen kommender Veränderungen. 1896 gründete Herman Hollerith das Lochkartenunternehmen, aus dem später IBM werden sollte.

Ihr habt recht: Der Begriff wurde damals im ursprünglichen Sinn angewandt. Doch charmanterweise passt dieses alte lateinische Wort wunderbar in die heutige Zeit. In Deutsch heisst es Läufer oder Kurier: Und das beschreibt perfekt, was diese kleine Marke tut, wenn sie geschäftig von einer Ecke des Bildschirms zur anderen eilt.

Seit August 1967 patentiert

Der Cursor: Er läuft auf den grafischen Benutzeroberflächen zur Höchstform auf und ist der Software-Zwilling der Hardware-Maus. Aber es gab ihn schon bei den textbasierten Systemen, weil auch dort irgendwie sichtbar sein musste, an welcher Stelle die Buchstaben eingefügt werden, die man auf der Tastatur tippt. Der Cursor als blinkender Punkt auf dem Bildschirm wurde am 24. August 1967 von Charles A Kiesling in Namen des Unternehmens Sperry Rand zum Patent angemeldet:

Bei Anzeigen mittels alphanumerischer Kathodenstrahlröhren ist der Cursor schwer zu erkennen, wenn er über einem bereits angezeigten Zeichen liegt. Daher wird der Cursor und das überdeckte Zeichen abwechselnd angezeigt, wodurch eine Blinkwirkung entsteht. Technik: Ein Vergleicher (Comparator) erkennt, wenn der Cursor dieselbe Position wie ein Zeichen hat. Ein bistabiler Multivibrator (Flip-Flop) steuert das abwechselnde Zeichnen von Cursor und Zeichen. Die Frequenz des Blinkens wird so reduziert, dass beide Symbole mit normaler Helligkeit erscheinen und das Blinken für das Auge gut wahrnehmbar ist (typisch 7,5 Hz statt 60 Hz). Falls kein Zeichen vorhanden ist, wird der Cursor kontinuierlich angezeigt.

Den nicht blinkenden Cursor gab es entsprechend schon vorher. Der dürfte entstanden sein, als die ersten Computer Informationen an Bildschirmen anzeigen und mittels Tastatur interagieren konnten. Das waren Grossrechner im militärischen und wissenschaftlichen Einsatz (Sage, MIT TX-2, IBM 740), sodass sich seine Spuren irgendwo in den 1950er-Jahren verlieren …

Ein Kind des Grossrechners

Der Cursor von 1855 hat, soweit ich die Fraktur entziffern konnte, etwas mit den Vorlesungen am theologischen Seminar an der Universität Basel zu tun. Es ging ums neue Testament. Im modernen Sinn begegnet uns der Cursor zum ersten Mal am 29. März 1974 in der NZZ in einem Bericht zu den Neuerungen an der Basler Mustermesse. Immerhin: Seit der Patentierung in den USA sind nur sieben Jahre verflossen. Wir erfahren:

Unter dem Motto «Computer-Zugriff über das Telefon» zeigt die Standard Telephon und Radio AG, Zürich, zum ersten Mal in der Schweiz das Bildschirmterminal ITT 3210. Dieses ermöglicht, auf bequeme Weise mittels einer Tastatur (ähnlich einer Schreibmaschine) Daten in den Computer einzugeben und/oder Daten aus dem Computer in lesbarer Form darzustellen und wenn nötig via separaten Drucker auf Papier festzuhalten.

Im Internet ist über dieses Terminal nicht sehr viel vorzufinden. Das dürfte daran liegen, dass es kein sonderlich spektakuläres Gerät war, sondern eines, wie es zur Verwendung mit Grossrechnern nötig war – ursprünglich waren Fernschreiber benutzt worden.

Die Anzeige des Terminals – auf der leider weit und breit kein Cursor zu sehen ist.
Endlich günstiger – aber wie viel das Wunderwerk gekostet hat, steht in der Anzeige leider nicht.

Redestoff für die Datenverarbeiter in den Siebzigerjahren

Doch «in der Schweizer Datenverarbeitung gab es zu reden», wie ein ganzseitiges Inserat in der NZZ vom 20. November 1974 verkündete. Und immerhin bot das ITT 3210 dem Cursor die Gelegenheit für den allerersten Auftritt in einer (elektronisch archivierten) Schweizer Zeitung:

Speziell für kommerzielle Anwendung mit Formular- und Tabellendarstellungen gibt es die adressierte Positionierungsmarke (Cursor).

Das war leider schon alles, was die NZZ über diese technische Errungenschaft zu berichten hatte. Die Schweizer Leserinnen und Leser mussten sich weitere 14 Jahre gedulden, bis ihnen eine Zeitung das grundlegende Prinzip erklären würde. Diese Aufgabe übernahm «Der Bund» am 22. März 1988 in einer Erklärung, wie die Maus funktioniert:

Eine Maus ist ein handliches Zusatzgerät zum Computer, das dem Benützer (sic) erlaubt, den Lichtpunktzeiger (Cursor) auf dem Bildschirm fernzusteuern. Jede Bewegung, die der Benützer mit der Maus auf dem Schreibtisch ausführt, wird durch eine Kugel am Mausbauch registriert und – bei der Logitech-Maus: optomechanisch – auf den Bildschirm übertragen wo sich der Cursor synchron mitbewegt. Der Benützer, der beispielsweise eine Textstelle verändern will, kann mit der Maus seinen Cursor blitzschnell zur gewünschten Stelle führen. Die Maus hat die Handhabung des Cursors sehr vereinfacht. Zuvor mussten die nötigen Programmschritte in die Tastatur eingetippt und der Cursor schrittweise an die gewünschte Stelle geführt werden.

Auf den Spuren des Griffels

Das ist schlüssig und leicht verständlich. Sodass uns zum Abschluss nur bleibt, den Lateinern zu danken, dass sie uns mit dem «Bildschirmläufer» ein so prägnantes Wort für dieses blinkende Etwas schenkten. Denn wie es in Deutsch heissen könnte, darüber herrschte in den Schweizer Zeitungen in den 1970er- und 1980er-Jahren maximale Uneinigkeit:

Ein Kommentar zu «Der erste Auftritt des Bildschirmläufers in der Schweiz»:

  1. Faszinierende Reise durch die Geschichte des Cursors! Es ist beeindruckend zu sehen, wie sich die Technologie im Laufe der Jahre entwickelt hat und wie ein einfaches Konzept wie der „Bildschirmläufer“ die Art und Weise, wie wir mit Computern interagieren, revolutioniert hat.

Kommentar verfassen