Da ist die Welt noch in Ordnung (Fa Trinca, Unsplash-Lizenz).

Wenn der Bösewicht nicht ganz unrecht hat

«Leben» von Uwe Laub ist ein Thril­ler, der sich für die Bio­di­ver­si­tät in die Bre­sche wirft, sich an der Wis­sen­schaft orien­tiert und es sich am Ende doch zu ein­fach macht.

Die Veränderungen unserer Umweltbedingungen bringen so grosse Risiken für die Menschheit, dass einem angst und bange werden sollte. Aber haben sie als Vorteil wenigstens einen gewissen Unterhaltungswert? Die Frage mag absurd klingen – zumindest, solange uns nicht gewahr wird, dass dystopische Bücher und Filme oft auf beträchtliche Publikumsresonanz stossen. Vielleicht, weil die Leute sich tatsächlich mit der Materie auseinandersetzen wollen. Mutmasslich aber deswegen, weil der Grusel umso wirkungsvoller ist, wenn er mit einer gehörigen Portion Realität gewürzt ist.

Wenn es plötzlich zu schnell verrinnt.

Das war die Prämisse, mit der ich mich an den Thriller Leben von Uwe Laub herangemacht habe. Das Buch setzt sich mit der zweiten grossen Verschlechterung bei unseren Lebensbedingungen auseinander, die uns neben der Klimaveränderung bedroht: dem Artensterben. Am Anfang der Geschichte begleiten wir eine der Hauptfiguren in den Kruger-Nationalpark in Südafrika, wo sich ein riesiges Drama abspielt: Tausende Antilopen, aber auch viele andere Exemplare anderer Spezies sind tot; das Reservat hat sich über Nacht in einen riesigen Friedhof verwandelt. Was heisst das für die Menschheit? Solche Massensterben verheissen nichts Gutes, auch nicht für die dominante Spezies auf dem Planeten.

Altern im Schnellzugstempo

Auch die Menschen sehen sich bedroht: Eine seltsame Krankheit lässt viele von uns frühzeitig altern. Betroffen ist auch die zweite Hauptfigur im Buch, der Pharmareferent Fabian Nowack. Er hat eine schlechte Prognose, doch als Glück im Unglück kann er an einer Studie teilnehmen, die ihm im Idealfall das Leben rettet.

So viel lässt sich über den Inhalt sagen, ohne über Gebühr viele Spoiler anzubringen. Darum zum Fazit: Mir gefällt der sachlich solide Zugang des Autors, obwohl dieser wissenschaftliche Zugang wie schon bei Yrsa Einschränkungen mit sich bringt, wenn sich die Erzählung an der Realität orientiert und sie sich beliebig zurechtbiegt, um das Spektakel zu befeuern. Wer eine Prise Sachbuch in seinem Thriller schätzt, ist gut bedient.

Ein paar Kritikpunkte muss ich anbringen – und dafür sind auch einige Spoiler unvermeidlich. Wer das Buch selbst lesen möchte, sollte hier erst weiterlesen, nachdem das erledigt ist.

Erstens ist das Massensterben am Anfang blosse Staffage. Nach den ersten Kapiteln rückt das Werner-Syndrom ins Zentrum, das die Menschheit pandemisch befällt – und ab da ist das Schicksal der Antilopen und Fledermäuse dem Autor fast egal. Es dient lediglich als Erklärung für das Ziel des Antagonisten Philipp von Cronberg, der aus einer umweltbewussten Familie stammt. Er vertritt die Stiftung «Club of Magyar», die mit dem Club of Budapest ein real existierendes Vorbild hat, das nicht unumstritten ist. Seinen Reichtum verdiente von Cronberg als Besitzer eines Arzneimittelherstellers, dem in der grassierenden Pandemie eine entscheidende Rolle zufällt. VC Pharma hat ein Heilmittel entwickelt, will das aber nicht möglichst vielen Menschen zukommen lassen, sondern nur einem ausgewählten Teil.

Aber einen Punkt hat der Bösewicht schon!

Damit sind wir zweitens bei der guten alten Bevölkerungsreduktion, die die Verschwörungstheoretiker aller Herren Länder in der Wirklichkeit Leuten wie Bill Gates unterstellen. Der umweltbewusste Mann, der im edlen Schloss Lichtenhausen residiert, will die Erde von einer Last befreien und die Zahl der Erdenbürger auf maximal 700 Millionen reduzieren – so wie es Population Matters als weitere real existierende Organisation fordert. Das ist erzählerisch leider eine Frucht, die so tief hängt, dass sie um ein Haar den Boden berührt. Für meinen Geschmack ist ein Plot zu simpel gestrickt, auf einer absolut einleuchtenden Ausgangslage basiert und dann der Spannung wegen eine scharfe Wendung in Richtung Ökofaschismus nimmt (wie schon hier). Ich würde eine differenziertere Schilderung vorziehen, die der Tatsache Rechnung trägt, dass an den Grenzen des Wachstums nicht zu rütteln ist – wie der Club of Rome schon 1972 feststellte.

Drittens hat das Buch das Problem, dass es eine Pandemie schildert und genau zu Beginn der Corona-Pandemie auf den Markt kam. Wenn man es heute liest, weckt es unweigerlich Erinnerungen an jene Zeit. Und diesem Realitätscheck vermag es nicht wirklich standzuhalten. Die Erzählung ist nicht falsch oder unzulänglich. Aber im Vergleich wirkt sie kraftlos und lückenhaft. In Berlin finden zwar tumulthafte Auseinandersetzungen statt. Aber, mit Verlaub, da werden die geschilderten Ereignisse dem Szenario nicht gerecht: Wenn wir uns daran erinnern, zu welchen Verwerfungen Covid-19 geführt hat, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass sich in diesem Szenario ein Bürgerkrieg und ein kompletter Zusammenbruch der Zivilisation vermeiden liesse. Denn eben: Die von Pilzen übertragene Krankheit (Mykose) raubt den Infizierten erst die Jugend und dann das Leben.

Was das Buch trotzdem lesenswert macht, sind einige gelungene Wendungen – dass ausgerechnet einige «Querdenker» unfreiwillig zu Unterstützern von Fabian Nowack und Mark Brenner werden, gefiel mir. Stilistisch ist das Werk kein Hochflieger, und die Figuren hätten ein paar zusätzliche Facetten vertragen. Und für ein echtes Happy End, das über die toten Antilopen hinwegtröstet, hätte zwingend die Biodiversität obsiegen müssen.

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