Das Halbtax Plus der SBB im Praxistest

Das neue Abo für Wenig­pend­ler im Au­gen­schein: Wann es sich lohnt, wo es Vor­tei­le hat und was das gros­se De­fi­zit ist.

Bei vielen Pendlerinnen und Pendler haben sich die ÖV-Gewohnheiten in den letzten Jahren geändert. Die Gründe dafür lassen sich mit zwei Stichworten abhaken: Pandemie und Homeoffice.

Vor der ersten Verwendung muss das Guthaben in der App aktiviert werden.

Die SBB haben mit dem Halbtax Plus auf die veränderten Gewohnheiten reagiert. Das ist kein eigentliches Billett, sondern vielmehr ein Prepaid-Guthaben für ein Jahr. Ist es am Ende der Laufzeit nicht aufgebraucht, zahlen die SBB das Restguthaben zurück. Und es gibt einen Bonus, der gegenüber dem Einzelkauf eine Verbilligung bzw. ein Rabatt darstellt.

Also: Was taugt das Halbtax Plus?

Ein klassisches Abo erfüllt zwei Zwecke:

  • Es gibt uns für die häufige Nutzung einen Rabatt.
  • Und es macht die ÖV-Nutzung komfortabler, indem wir nicht für jede Fahrt ein Billett kaufen müssen, sondern einfach einsteigen können.

Das Halbtax Plus erfüllt diese Ansprüche halb – darum ist der Name (vielleicht unfreiwillig) passend:

1) Lohnt es sich?

Der Rabatt ist gewährt; allerdings nur unter der Voraussetzung, dass wir unser einbezahltes Guthaben aufbrauchen. Wenn wir unter den 800 Franken bleiben, dann verfällt er. Die SBB setzen einen Anreiz, mehr zu pendeln, als wir das aus eigenem Antrieb vielleicht tun würden.

Wie viel Guthaben ist noch auf der Uhr? Die App gibt Bescheid.

Es ist vorab schwer abzuschätzen, ob es sich wirklich lohnt. Was mich angeht, stand ich vor der Frage, weil ich inzwischen ich wieder häufiger ins Büro fahre. Nach der Pandemie hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht, nach Bedarf ZVV-Tagespässe zu lösen¹.

Nach reiflicher Erwägung habe ich das Halbtax Plus 1000 erworben. Es kostet 800 Franken und gibt (im Idealfall) einen Bonus von 200 Franken. Es gibt auch Varianten mit mehr Guthaben und Bonus.

In meiner Konstellation muss ich mindestens 60-mal von Winterthur nach Zürich pendeln, um mein Guthaben aufzubrauchen: Das entspricht etwas mehr als einem Bürobesuch pro Woche. Das ist weniger ist, als ich anstrebe. Ich sollte also in den Rabattbereich geraten.

Im Vergleich: Um den ZVV-Netzpass für ein Jahr für 1922 Franken zu amortisieren, müsste ich drei- bis viermal ins Büro; was bei meinem Teilzeitpensum das Homeoffice weitgehend obsolet machen würde. So gesehen eine ideale Lösung.

Trotzdem die Frage: Ist der Schwellenwert für den Rabatt nicht etwas hoch angesetzt? Ich finde ja, aber das ist vor allem ein Bauchgefühl.

Die Frage, ob es sich denn lohnt, stellt sich auch bei einem klassischen Abo, das ich hier mal Flatrate-Ticket nennen würde. Wenn wir es zu wenig nutzen, rentiert es sich nicht; und da über die Nutzung nicht Buch geführt wird, gibt es auch kein Restguthaben, das zurückgezahlt werden könnte. Ein Plus des Halbtax Plus ist es, für Transparenz zu sorgen: Wir wissen am Ende des Jahres genau Bescheid, wie viel ÖV wir genutzt haben.

Ein weiterer Vorteil des Halbtax Plus besteht darin, dass es für Fahrten in der ganzen Schweiz benutzt werden kann, während der klassische Netzpass nur innerhalb des Gebiets des Zürcher Verkehrsverbunds gilt.

2) Mehr Komfort

Beim Ticketkauf lässt sich das Guthaben, aber auch ein anderes Zahlungsmittel verwrwenden.

Der zweite Vorteil eines Flatrate-Tickets fällt flach: Wir müssen beim Halbtax Plus vor jeder Fahrt ein Ticket buchen oder die Easy-Ride-Funktion anschalten. Das heisst, dass auch die Gefahr nicht gebannt ist, versehentlich zum Schwarzfahrer zu werden, weil das im morgendlichen Dämmerzustand vergessen ging.

Das ist für mich der grösste Kritikpunkt – wobei ich auch kein Patentrezept habe, wie er sich aus der Welt schaffen liesse. Am ehesten durch eine technische Innovation, die Easy Ride beim Einsteigen in den Zug automatisch aktiviert.

Fazit: Für mich scheint das Halbtax Plus gut zu passen. Ob es sich auch tatsächlich rechnet, werde ich in einem Jahr berichten.

Hier noch kurz ein paar Worte zum Kauf und Aktivierung: Das Halbtax Plus lässt sich via Web einfach buchen. Nachdem es (frühestens für den Folgetag) gekauft wurde, muss es in der App aktiviert werden – die ist für die Nutzung zwingend.

Nachdem es aktiviert wurde, erscheint es in den Zahlungsmitteln und kann – und sollte – beim Ticketkauf ausgewählt werden. Tippen wir es in der App unter Zahlungsmittel an, sehen wir auch sofort, wie viel des Guthabens aufgebraucht wurde und wann wir in die Bonuszone geraten.

Fussnoten

1) Ich bin ein erklärter Homeoffice-Fan. Die Pendelei aus reiner Gewohnheit und Tradition halte ich für unsinnig. Die Konzentration für einen Schreib-Effort ist zu Hause auf alle Fälle grösser und mit dem Hot-Desking fehlen mir im Büro die Ausdehnungsmöglichkeiten, wie ich sie für Gadgettests brauchen würde. Und aus Gründen der CO₂-Ersparnis ist die Pendelei, bloss um Präsenz zu markieren, unsinnig.

Indes anerkenne ich den Vorteil der physischen Anwesenheit unter Kollegen. Ich arbeite derzeit hauptsächlich im Newsroom des Tagesanzeigers in Zürich, was mir die Gelegenheit für das sagenumwobene Schwätzchen am Wasserspender gibt. Daraus ergeben sich Kontakte zu Leuten, mit denen ich zuvor nie oder nur kurz per Slack zu tun hatte. 

Beitragsbild: Den Billettautomat (links) können wir künftig rechts liegen lassen (Claude Gabriel, Unsplash-Lizenz).

4 Kommentare zu «Das Halbtax Plus der SBB im Praxistest»

  1. Guter Artikel. Vielen Dank. Das hat mich animiert mein Abo als Pendler zu überdenken, da ich nur 2 mal pro Woche nach Zürich fahre.

  2. Ein weiterer Geheimtipp: Das Guthaben mit REKA am schalter kaufen. So hat man noch zusätzliche 20-25% ersparnis.

    Ich habe noch kurz vor meinem 25. Geburtstag zum Launch das Halbtax Plus 1000 CHF für 500 CHF gehört und habe bereits die hälfte verbraucht, folglich sind alle zukünftigen ÖV Fahrten kostenlos.

  3. Für Hin- und Retourfahrten ist das Zonensystem des ZVV nicht ideal. Besser wären Streckenbillette, die es aktuell aber innerhalb von Tarifverbunden nicht gibt. Die Alliance SwissPass erarbeitet derzeit ein neues Tarifsystem. Man bezahlt pro gefahrenem Kilometer und es gibt einen monatlichen Rabatt je nach Umsatz. Auf https://www.myride.ch kann man sich für den Test anmelden. Man checkt daraufhin in der App „SBB Preview“ ein und aus. (Diese wird nach der Anmeldung für myRide blau gefärbt.)

    Bei 4 Fahrten Winterthur – Zürich HB retour im Monat kostet eine Fahrt mit myRide CHF 11.69. 60 Fahrten wären CHF 701.40.

    Mir gefällt dieses Modell besser als Halbtax Plus, da man nicht von Anfang an die richtige Tarifstufe wählen muss. Und es werden nicht Leute ausgeschlossen, die nicht einfach so mal CHF 800 vorschiessen können.

    Bei den Preisen ist es so, dass im ZVV Fahrten nach Kilometertarif günstiger sind (besonders in der doppelt zählenden Zone 110). Der Verbund A-Welle ist aber wohl besser subventioniert. Dort ist eine Tageskarte für alle Zonen schnell einmal günstiger als ein Streckenbillett für eine etwas weitere Strecke. (Wobei myRide sich im Testbetrieb befindet und die Tarife noch angepasst werden. Das Ziel ist eine Vereinfachung und nicht eine Reduktion der Einnahmen.)

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