Nein, in der Schweiz gibts keine Selbstmordboxen wie in «Futurama»

Ein an­schau­liches Beispiel, wie eine ir­rele­vante Nach­richt dank der sozia­len Medien über vier Eska­lations­stufen hin­weg den ma­xi­malen Des­in­for­mations­grad er­reicht.

«Eine Sterbehilfekapsel hat eine unabhängige juristische Prüfung bestanden, die zeigt, dass sie mit dem Schweizer Gesetz übereinstimmt. Auf Knopfdruck würde sich die Kapsel mit Stickstoffgas füllen, wodurch der Sauerstoffgehalt rasch sinkt und der Benutzer stirbt.»

Diese Aussage war neulich auf Twitter zu lesen. Sie wurde 5,9 Millionen mal angezeigt, hatte gut 14’000 Likes, ist je über 2000-mal retweetet und kommentiert worden. Es ist klar, was bei Millionen von Leuten hängen blieb: «In der Schweiz kann man sich umbringen, indem man in eine Kapsel steigt und einen Knopf drückt.» Und manch einer wird sich noch ein paar weitere Gedanken gemacht haben: «Vermutlich stehen diese Geräte inzwischen in öffentlichen Gebäuden oder sogar in den Bahnhofshallen. Muss man Geld einwerfen, um den Kasten zu verwenden oder nimmt er auch Apple Pay?»

Nach dem Starbucks zur Suizidbox?

Alles an diesem Tweet ist gruselig.

Dieser Eindruck ist falsch: Sterbehilfe ist hierzulande möglich, aber sie gehört nicht zu den Dingen, die Schweizerinnen und Schweizer spontan nach ihrem Featured Medium Roast Pike Place® Roast bei Starbucks erledigen. Es gibt bei uns keine Suicide Booths à la «Futurama».

Der Tweet stammt von James, dem Twitter-Grossverdiener. Der legt normalerweise keinen gesteigerten Wert auf eine adäquate Darstellung. Stattdessen schaut er zu, dass das Erregungs-Level hoch bleibt. Es drängt sich die Frage auf, ob James ein Ammenmärchen in Umlauf bringt oder ob etwas an der Meldung dran ist.

Und erstaunlicherweise ist etwas dran an der Meldung. Am 8. Dezember 2021 war auf swissinfo.ch zu lesen, dass Exit International diese Sarco-Maschine entwickelt hat und hofft, sie in der Schweiz bald in Betrieb nehmen zu können. Der Erfinder der Kapsel, Philip Nitschke, gibt im Beitrag Auskunft, wie ein assistierter Suizid vonstattengehen würde. Und in der Tat wäre der Ablauf etwa so, wie der Tweet ihn darstellt.

Nicht mehr der Rede wert

Ich halte das für ein spannendes Beispiel eines Online-Shits der Woche – gerade weil es sich nicht um eine eindeutige Fakenews handelt. Im Gegenteil: Am Wortlaut des Tweets ist nichts auszusetzen. Die Formulierung «unabhängige juristische Prüfung» macht klar, dass die Sarco-Maschine keine offizielle Zulassung erhalten hat und auch nicht von Verwendung der Maschine die Rede ist. Es geht nur um eine Vorabklärung, die nichts darüber aussagt, ob jemand die Maschine tatsächlich würde betreiben bzw. nutzen wollen. Ich würde da ein grosses Fragezeichen machen, weil ich keinen Vorteil gegenüber der heutigen Methode mit dem Medikament Natrium-Pentobarbital sehe. Dass es gewichtige Bedenken gibt, lässt sich allein an der Tatsache ermessen, dass die Sarco-Maschine seit Dezember 2021 in der Schweiz keine Schlagzeilen mehr gemacht hat.

Aber natürlich legt es der Tweet darauf an, dass die empörungsbereite Leserschaft diesen Aspekt geflissentlich überliest und sich stattdessen mit wohligem Gruseln dem Kopfkino hingibt, das bei vielen – und nicht nur bei «Futurama»-Fans – in Gang gesetzt wird. Fairness halber muss gesagt werden, dass nicht nur James, der Twitter-Grossverdiener, auf diesen Effekt setzte, sondern auch viele klassische Medien. Der futuristische Grusel-Faktor dieser Sarco-Maschine war so gross, dass diverse etablierte Medien die Meldung aufgriffen und ebenso drehten, als würde der Kasten demnächst in Betrieb genommen¹.

Ein fragwürdiger Tweet, zwei Lehren für uns

Die Lehre aus diesem «Online-Shit der Woche» besteht in der Erkenntnis, wie wichtig der Kontext ist. Wer einen Aspekt aus einer komplexen Angelegenheit herausgreift, kann einen falschen Eindruck erzeugen, selbst wenn der Aspekt selbst untadelig ist. Es handelt sich im Vergleich zu einer simplen Lüge um eine fortgeschrittene Form der Manipulation.

Davon war wirklich nie die Rede.

Es gibt aber noch eine zweite Lehre, die an Godwin’s law anlehnt. Dieses Gesetz sagt, dass Diskussionen im Netz immer mit einem Hitler-Vergleich enden. «Matthias’ Law» besagt demnach, dass eine solche mediale Runde von stiller Post erst zu Ende ist, wenn sie die extremste Form der Missinterpretation erreicht hat. Es brauchte dafür ungefähr die folgenden vier Eskalationsstufen:

  1. Der ursprüngliche Beitrag – schon von Haus aus leicht fragwürdig. Ist «Swissinfo» auf einen PR-Coup von Philip Nitschke hereingefallen oder war man zu unkritisch?
  2. Weitere Medien greifen den Beitrag auf, wobei das Grusel-Level graduell ansteigt. Irgendwann landet die Nachricht bei James, dem Twitter-Grossverdiener.
  3. James verschafft als Grossmeister der viralen Publikumsbespassung einer eigentlich irrelevanten Sache eine riesige Reichweite.
  4. Mit den zitierten Retweets erreicht der Wahnsinn sein Endstadium: «The new age gas chamber created by lunatics», schreibt sie. Oder er hier: «Sollte es Erwachsenen gesetzlich erlaubt sein, sich selbst zu töten? Ja. Sollte es der Regierung erlaubt sein, sie als Alternative zur Behandlung chronischer Krankheiten vorzuschlagen/zu erzwingen? Auf keinen Fall.»

Fussnoten

1) An der grossen medialen Aufmerksamkeit war «Swissinfo» übrigens nicht unschuldig. Der ursprüngliche Beitrag war so missverständlich formuliert, dass die Darstellung übernahmen, die Maschine sei offiziell zugelassen worden. «Swissinfo» hat auch die englische Variante des Artikels um einen entsprechenden Hinweis ergänzt und Nachrichtenagentur AP hat sogar einen Faktencheck veröffentlicht: No, Switzerland has not approved a ‘suicide capsule’.

Beitragsbild: Ganz so funktioniert die Sarco-Maschine nicht (Fox).

One thought on “Nein, in der Schweiz gibts keine Selbstmordboxen wie in «Futurama»

  1. Was mich bezüglich Desinformation mehr ärgert, ist die Tatsache, dass auch vermeintlich seriöse Medien dem Drang nach Schnelligkeit und Klicks verfallen und Falschinformationen verbreiten.

    Ein Beispiel dafür ist die Geschichte über eine angebliche Bettwanzen-Epidemie in Paris. Ein paar Tweets haben gereicht und es wurde ohne Faktenprüfung berichtet. Als sich herausgestellt hat, dass wohl russische Trolls hinter den Meldungen stecken, gab es empörte Artikel über die bösen Russen. Diese waren frei von jeglicher Selbstkritik.

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