Die Windows Spieleleiste für Nicht-Gamer

Die Xbox Game Bar hat einen schlechten ersten Ein­druck hinter­lassen. Der zweite Eindruck ist besser: Sie fabri­ziert rasan­te Bild­schirm­fotos und Screen­cast-Auf­zeich­nungen. Und vier Extra-Tipps für Win­dows-Profis.

Theoretisch sei sie eine gute Idee, in der Praxis aber leider unbrauchbar: Zu dieser Einschätzung kam ich vor sieben Jahren, nachdem ich die damals neue Spieleleiste von Windows getestet hatte. Diese Spieleleiste (respektive Xbox Game bar, wie sie offiziell heisst) ist ein Ausfluss von Microsofts Engagement im Spielemarkt. Sie soll demonstrieren, dass Windows auch fürs PC-Gamging gut aufgestellt ist, auch wenn Microsoft natürlich nichts dagegen hat, wenn sich die Kundschaft nebst einem PC auch eine Spielkonsole anschafft – aber natürlich möglichst keine Playstation.

Nun, das könnte mir eigentlich egal sein. Ich habe keine Zeit und Musse, mich zum Spielen an den PC oder eine Konsole zu setzen. Seit sich das Smartphone als hervorragende Plattform fürs Casual Gaming entpuppt hat, bin ich vollauf damit zufrieden, zwischendurch eine Partie mit Microsofts Solitaire Collection zu spielen.

Die Spieleleiste hat mein Interesse dennoch geweckt: Sie kann nämlich Screencasts aufzeichnen – was eine Fähigkeit ist, der ich unbedingt etwas abgewinnen kann. Als Tech-Journi komme ich immer wieder in die Verlegenheit, Vorgänge auf dem Bildschirm audiovisuell dokumentieren zu müssen oder zu wollen. Meine gesammelten Tipps zu dieser Disziplin finden sich im Beitrag So klappt es mit den Screencasts!

Nicht mehr ganz so nutzlos wie vorher

Also, nachdem die Spieleleiste auf meinem alten Computer nutzlos war, weil sie nicht viel mehr gemacht hat, als darauf hinzuweisen, dass eine «nicht unterstützte Grafikkarte eingebaut» sei, habe ich die Gelegenheit wahrgenommen, ihr auf meinem neuen PC eine zweite Chance zu geben. Der hat zwar auch keine Hochleistungs-Grafikkarte – denn da ich vorwiegend Text verfasse, brauche ich die schlicht nicht –, müsste aber dennoch leistungsstark genug sein, damit ich (endlich) herausfinden kann, ob sich die Spieleleiste auch abseits ihrer eigentlichen Bestimmung für alltägliche Aufgaben genutzt werden kann.

Die Spieleleiste erscheint und verschwindet, wenn man die Windows-Taste und «g» drückt.

Die Spieleleiste wird mit der Tastenkombination aus Windows-Taste und g ( g) gestartet. Es erscheint – wie man aufgrund des Namens auch erwartet hat – eine Leiste, die sich horizontal über den Bildschirm erstreckt und die Steuerungsbefehle bereithält. Am linken Rand findet sich ein Knopf für die Widgets: Das sind Panels für die diversen Funktionen, auf die ich gleich noch zu sprechen kommen werde.

Mit einem Tastaturkürzel eine Bildschirmaufzeichnung starten

Das Widget Aufzeichnen enthält einen Knopf für einen Screenshot und einen für eine fortlaufende Video-Aufnahme. Drückt man den Aufnahmeknopf, startet die Aufzeichnung sogleich. Das ergibt Sinn, denn der eigentliche Zweck der Spieleleiste besteht darin, denkwürdige Ereignisse in Spielen aufzuzeichnen, die sich durch Schnelligkeit und Action auszeichnen – wenn man erst die Aufnahme konfigurieren müsste, wäre der denkwürdige Moment vorbei (und man im Spiel auch bereits tot), wenn das nicht ruckzuck gehen würde.

Das kommt allerdings auch mir als Journalist entgegen, denn ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, seltsame Vorgänge, Abstürze und ähnliche Dinge als Video zu dokumentieren. Und auch da kommt es vor, dass sich manche Vorgänge nicht reproduzieren lassen – es ist somit auch in meinem Sinn, wenn ich nur zwei Tasten betätigen muss, damit die Bildschirmaufnahme mitläuft.

Keine Zeit verlieren

Apropos: Die Tastenkombination  Alt r startet die Aufnahme direkt, ohne dass man die Xbox Game Bar erst aktivieren und auf den Aufnahmeknopf klicken müsste. Das ist schon sehr praktisch – und wer jemals in der Situation war, dass sich auf seinem Bildschirm Dinge abgespielt haben, die er gern hätte einfangen wollen, der sollte sich diese Tastenkombination unbedingt merken.

Auch ein Bildschirmfoto lässt sich auf diese Weise sofort und ohne weitere Nachfrage anlegen. Dazu betätigt man  Alt Prt Scrn.

Die Aufnahmen werden im Ordner Videos\Captures gespeichert (bei deutsch lokalisierten Windows-Versionen als Videos\Aufzeichnungen angeschrieben). Die Aufnahmen haben eine ordentliche Qualität und lassen sich problemlos in Screencasts verwenden.

Keine Aufzeichnung der Windows Shell

Zwei Nachteile gibt es: Die Spieleleiste zeichnet immer nur das Fenster im Vordergrund auf. Die Windows Shell, also der Explorer, die Taskleiste und das Startmenü sind nie im Bild. Das macht die Aufzeichnungsfunktion für mich in sehr vielen Fällen unbrauchbar, weil es bei mir oft darum geht, Windows und seine Marotten im Video festzuhalten.

Warum es keine Option gibt, die einfach den gesamten Bildschirm aufzeichnet, ist mir ein Rätsel. Fürs Audio gibt es eine solche Option. Sie findet sich in den Einstellungen, die über das Zahnrad-Symbol und die Rubrik Aufzeichnungen zugänglich sind. Hier wählt man bei Aufzuzeichnendes Audio zwischen Spiel (Klangausgabe des Games, plus Mikrofon), Alle und Keine aus.

Und ja, ich habe ausprobiert, ob man die Spielebar austricksen kann: Dazu habe ich eine Anwendung im Vollbild aufgezeichnet und habe dann zu einer anderen App und zum Windows Explorer gewechselt. Doch das funktioniert nicht: Die Aufzeichnung erfolgt weiterhin von der ursprünglich ausgewählten Anwendung, selbst wenn die in den Hintergrund versetzt wird.

Eine Alternative ist bei meinem neuen PC allerdings die App Grafik Kontrollraum von Intel, die mit Core-Prozessoren der sechsten Generation oder neuer verwendet werden kann. Die ist im Windows Store vorhanden, bei manchen PCs wie meinem Spectre-Notebook von HP schon vorinstalliert. Sie hält diverse Einstellungen für die Grafik und fürs Video bereit, und unter System > Hotkeys kann man Tastaturkürzel für die Bildschirmaufzeichnung einrichten. Die Videos im Benutzerkonto im Standardordner Videos abgelegt, sodass diese Anwendung (allenfalls) in Sachen Screencast-Aufnahmen eine gute Alternative zur Spieleleiste sein könnte. Ich werde sie bei Gelegenheit auf alle Fälle separat testen.

Vier Extra-Tipps

Noch kurz zu den anderen Widgets – und zu einigen Tipps, wie man die Spieleleiste hervorragend zweckentfremden kann:

Über die Spieleleiste die Lautstärke pro App steuern.

Das Widget Audio zeigt in der Rubrik Mix das Ausgabegerät und Lautstärkeregler für alle offenen Anwendungen an. Wenn man Musik hört und sich gleichzeitig ein Referat via Youtube reinzieht, dann erlaubt es die Gamebar, die Lautstärken so einzustellen, dass man den gesprochenen Teil gut versteht und die Musik trotzdem nicht abschalten muss.

Auch die Systemsounds kann man leiser drehen oder abschalten, falls die nerven sollten. Das geht über die Tastenkombination ⊞g sehr zügig – was eine interessante Ergänzung zu meinem Beitrag Windows-Anwender, spitzt eure Ohrentrompeten! darstellt.

Das Widget Leistung zeigt den Speicherbedarf und die CPU-Auslastung an, das Widget Ressourcen die offenen Anwendungen und deren Anteil an der Gesamtlast auf dem System an. Das heisst: Mit  g erhält man einen Blick auf diese Systeminformationen, und wenn man  g noch einmal betätigt, ist die Spieleleiste wieder weg – schneller geht das nicht.

Das Widget für Spotify.

Über die Schaltfläche Widget Menü stehen weitere Widgets zur Verfügung, unter anderem ein Spotify-Widget. Über das wählt man Musik und steuert die Wiedergabe. Auch dafür ist die per Tastaturkürzel ohne weitere Umstände zu öffnende Spieleleiste nützlich.

Zu guter Letzt gibt es ein Widget namens Xbox Social, in dem man sieht, wer von seinen Freunden dort online ist und wer nicht – falls das für einen eine Relevanz haben sollte.

Beitragsbild: Sie dürfen die Xbox Game Bar weiterhin benutzen, zumal sie eigentlich für derlei Leute gedacht ist (Fredrick Tendong, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Kommentar verfassen