Der Microsoft Store ist noch immer unbrauchbar

Eine der grossen Verbes­serungen von Windows 11 betrifft – so behauptet der Hersteller – den Microsoft Store. Ich habe ihn mir ange­schaut und komme zum Schluss, dass wenig besser, aber einiges schlim­mer geworden ist.

Vor gut acht Monaten habe ich den Microsoft Store als Trauerspiel bezeichnet. Seitdem hat Microsoft Windows 11 vom Stapel gelassen, und für dieses Update einen «neuen, offenen» Software-Laden versprochen:

Es hilft Ihnen, die besten Apps, Spiele, Filme und sogar Sonderangebote zu entdecken und zu installieren.

Es liegt auf der Hand, diesen neuen Store einer Begutachtung zu unterziehen, zumal Microsofts Verheissungen noch weitergehen:

Wir haben den Microsoft Store von Grund auf neu gestaltet, um Platz für mehr Inhalte zu schaffen und die Benutzererfahrung einfach und reaktionsschnell zu halten.

Ich kann nicht verhehlen, dass ich mit einer guten Portion Skepsis an den Test herangehe. Denn das Hauptversprechen hat Microsoft noch nicht eingelöst: Das sind die Android-Apps, die man über den Store für Windows 11 herunterladen können soll. Die sind bislang erst in den USA verfügbar, dort auch nicht gerade das Gelbe vom Ei und hierzulande werden sie frühestens 2023 Einzug halten.

Meine Prämisse ist, dass Microsoft «vill laferet, aber wenig lieferet», wie man hierzulande sagt – sprich: Maulheldentum betreibt.

Aber lassen wir die Fakten sprechen und vergleichen. So sieht die Startseite des Microsoft Store unter Windows 11 aus:

Netflix, Disney+ und Spotify dominieren die Startseite des Stores bei Windows 11.

Und das ist die Startseite, wie sie sich mir für meinen Blogpost im September 2021 präsentiert hat.

Netflix, Prime und Spotify stehen im Store bei Windows 10 zuoberst.

Die Kategorien sind bei Windows 10 am oberen Rand zu finden. Bei Windows 11 stecken sie am linken Rand. Bei der neuesten Betriebssystemversion ist ein Icon für die Bibliothek hinzugekommen. In der finden sich die Apps, die man erworben oder gratis aus dem Store geladen hat, sowie gekaufte Filme und Fernsehserien.

Verschwunden sind die beiden Kategorien Produktivität und Angebote, dafür ist das Suchfeld etwas prominenter geworden.

Ein winziges Schrittlein in die richtige Richtung

Mit anderen Worten: Für einen Store, der, Zitat, «von Grund auf neu gestaltet wurde», sind die optischen Veränderungen höchst bescheiden. Dass es zwei Rubriken nicht mehr gibt, würde ich als Rückschritt bezeichnen. Es gibt indes auch eine kleine Verbesserung: In der Übersicht einzelner Apps ist eine kurze Beschreibung zu sehen – bei Windows 10 hatte ich kritisiert, dass dort nur der Name der App und das Icon ersichtlich ist. Das zwingt einen, bei unbekannten Titeln in die Detailansicht zu gehen, um herauszufinden, worum es sich handelt.

Musik, Musik, Musik, Musik. Ginge das nicht ein bisschen genauer?

Im Store von Windows 11 gibt es eine Unterzeile. Die zeichnet sich allerdings auch nicht durch einen hohen Informationsgehalt aus. Bei Spotify, Tidal, iTunes, Deezer und TuneIn Radio steht jeweils bloss «Musik». Man könnte natürlich auch schreiben, dass man mit der einen App Musik streamt, mit einer anderen Webradio hört und mit der dritten die lokale Musiksammlung verwaltet.

Die Top-Apps vom September 2021 sind die Top-Apps von heute

Eine weitere Auffälligkeit liegt darin, dass neun Monate später noch die genau gleichen Apps auf der Startseite erscheinen, nämlich die «Top Entertainment Apps», bei denen man es mit Netflix und Spotify zu tun bekommt und lediglich feststellt, dass Prime Video weichen musste und Disney+ dazugekommen ist.

Wenn Microsoft mit dieser Auswahl zeigen wollte, wie sehr der Store stagniert: Gratulation, dann ist das gelungen.

Der Microsoft Store zeigt mir auf der Startseite und in Kategorien wie Die besten Produktivitäts-Apps kein einziges Produkt, das ich nicht schon kennen würde. Damit bleibt die alte Schwäche bestehen, dass Microsoft es nicht schafft, für Abwechslung zu sorgen. Es gibt kaum Geheimtipps und keinerlei Bemühungen, meine Neugierde für neue Genres zu wecken. Apple tut das mit den sogenannten Stories, in denen einzelne Apps oder mehrere Apps mit einem gemeinsamen Nenner besprochen werden. Ich habe die Qualität dieser Stories hart kritisiert, aber als Marketing-Instrument sind sie nicht verkehrt: Sie machen den Store lebendiger und kurzweilig – und sie machen Lust, Apps aufs Geratewohl auszuprobieren.

Die Collections: Ginge da nicht noch mehr?

Willkürlich und armselig

Am Ende der Startseite findet sich eine Rubrik namens Collections. Klickt man auf Alle anzeigen, gelangt man zu einer Übersicht mit sieben Sammlungen:

  • Puzzlespass
  • Die Top-Entertainment-Apps (schon wieder)
  • Jetzt verbinden und nichts verpassen (Tiktok, Whatsapp und Reddit)
  • Das Beste von Xbox Game Studios
  • Wimmelbild-Spiele
  • Erstklassige Apps für Foto- und Videobearbeitung (Adobe Express, CorelDraw, Luminar, Lightroom, Photoshop Elements)
  • Casino-Spiele

Das macht einen so willkürlichen und lieblosen Eindruck, dass es leider dabei bleibt: Entweder ist die Auswahl an Store-Apps so dürftig, dass es Microsoft mit Anstrengungen nicht schafft, ein attraktives Angebot zu machen. Oder Microsoft gibt sich zu wenig Mühe.

Eine Übersicht aller Kategorien wie hier bei «Heise Downloads» – was ist daran so schwer?

Wahrscheinlich haben wir es mit einer Kombination aus beiden Erklärungen zu tun. Mir ist absolut schleierhaft, warum es keine vernünftige Erschliessung des Angebots nach Kategorien gibt. Weshalb gibt es keine Sammlung von Netzwerk-Utilities, von Automatisierungs-Hilfsmitteln, von Programmierungs-Tools oder Office-Hilfsmitteln? Wirklich, das wäre keine Hexerei. Wie man es machen könnte, zeigt seit Jahrzehnten z.B. die Softwaresammlung von Heise.de.

Auch die Suche taugt nicht viel

Und, nebenbei bemerkt, warum ist die Suche so schlecht? Die einzige Einschränkungsmöglichkeit der Suchresultate betrifft den Preis (Kostenlos, Bezahlt oder Im Angebot) – aber es ist unmöglich, zum Beispiel nach der Bewertung, nach Grösse, Veröffentlichungsdatum oder nach Berechtigungen zu filtern.

Auch die Suche macht keinen Spass.

Und überhaupt: Ich halte es für einen Unsinn, dass der Microsoft Store kein reiner App Store mehr ist. Die Rubrik Gaming ist eine unverhohlene Werbeaktion für den Xbox Gamepass. Und was die Filme und Serien angeht, habe ich nichts dagegen, dass Microsoft selbige verkauft, aber es wäre zwingend, dafür eine separate App anzubieten. Software und Unterhaltungsmedien sind zwei verschiedene paar Stiefel – und da es bei Windows 11 die App Filme & TV gibt, wäre es nichts als naheliegend, den Store dort zu integrieren.

Fazit: Eine komplette Bruchlandung.

Beitragsbild: Ist man drin, stellt man fest: So Awesome ist es gar nicht (Artem Beliaikin, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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