Was wird jetzt aus der F1-Taste?

Mit Windows 11 wird die kon­text­sen­si­tive Hilfe ab­ge­schafft. Die Funk­tions­taste ganz links ist in den meisten Apps ohne Funktion. Das ist unsin­nig: darum ein Vor­schlag, wie Micro­soft das ändern soll.

Die F1-Taste steht für die Hilfe-Funktion – und zwar seit vierzig Jahren. Schon 1982 haben Programme wie die Textverarbeitung Volkswriter für IBM-PCs sie für diesen Zweck verwendet, wenngleich die Zuschreibung damals nicht verbindlich war.

Das hat 1987 dann die Common User Access-Richtlinie geändert. In diesem Regelwerk hat IBM festgelegt, wie Benutzeroberflächen gestaltet werden sollten. Es ist eine lesenswerte Lektüre, weil es viele Vorgaben macht, die auch heute noch gebräuchlich sind: Die Menüleiste am oberen Rand, die Möglichkeit, Dialogboxen über Abbrechen bzw. die Escape-Taste zu schliessen – und vieles mehr. IBM hat auch vorgeschrieben, dass Programme eine Hilfe-Funktion aufweisen sollen, die über den letzten Punkt in der Menüleiste zugänglich sein soll – oder kontextsensitiv über die F1-Taste.

Nun ist unübersehbar, dass es immer weniger Programme mit einer solchen Hilfe-Funktion gibt: Ich habe das vor fünf Jahren im Beitrag Die Arroganz der Softwarehersteller angeprangert, doch seitdem ist es nicht besser geworden. In Windows 11 ist die F1-Taste in vielen Apps nutzlos.

F1 drücken – und nichts passiert

Zum Beispiel im Windows Explorer: Drückt man hier die Taste, passiert nichts. Ebenso in den Einstellungen, im Editor, bei Cortana, in der Kamera-App, im Kalender, Mail, in Microsoft Whiteboard oder im Microsoft Store.

Eine löbliche Ausnahme stellt die Microsoft Solitaire Collection dar: Bei ihr bringt F1 ein Fenster zum Vorschein, in dem die Regeln von Klondike, Spider, Freecell, Pyramid und Tripeaks erklärt werden.

Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass das schnurzegal sei. Denn statt langatmige Anleitungen mitzuliefern, sollten die Hersteller ihre Programme besser so entwickeln, dass sie selbsterklärend sind.

Da ist zugegebenermassen etwas dran: Microsoft kommt nicht umhin, Windows an die Gewohnheiten der Leute anzupassen, die durch das Smartphone sozialisiert worden sind. Eine Handy-App hat keine Hilfe-Funktion, weil die auf einem kleinen Bildschirm einfach nicht vernünftig unterzubringen ist. Stattdessen zeigt sie – falls nötig – beim ersten Start eine Einführung an und ist so gestaltet, dass die Nutzerin selbst herausfinden kann, was sie wissen muss.

Und klar, anders als früher kann man sich heute zu jeder noch so popeligen App oder Betriebssystem-Funktion auf Youtube mehrere Dutzend Videos anschauen, in denen ein älterer Herr in gebrochenem Englisch zwischen einigen Aufrufen, man möge doch seinen Kanal abonnieren, mehr Details erklärt, als man jemals wissen wollte.

Zeit für eine neue Aufgabe für die F1-Taste

Die Hilfe bei Desktop-Betriebssystemen gleich ganz zu streichen, ist dennoch nicht der richtige Ansatz. Es gäbe moderne Alternativen für die klassischen «Wozu ist dieser Knopf gut?»-Anleitungen in Textform. Eine Funktion, die ich als erstaunlich nützlich erachte, ist die Befehlszeile: Mit ihr ruft man ein Eingabefeld auf, in das man den Befehl tippt, den man ausführen möchte. Das erspart einem, sich durch die Menüs zu klicken – insbesondere dann, wenn man vergessen hat, wie die Bezeichnung der gesuchten Funktion lautet.

Wo steckt der Befehl? Die sogenannte Microsoft-Suche erspart es einem, sich durch die Menüs zu klicken.

Es gibt eine solche Befehlszeile in einigen Programmen: In Word kennt man sie als Microsoft Suche, wo sie über die Tastenkombination Alt m aufgerufen wird. In InDesign ist sie unter Bearbeiten > Schnell anwenden zu finden bzw. über Ctrl Enter aufzurufen. Beim Browser Google Chrome fügt man sie über die Cato-Erweiterung hinzu.

Über dieses Fenster lassen sich nicht nur Befehle aufspüren, sondern auch Formatierungen, Absatzformate, Schriften, Scripts und mehr.

Diese Befehlszeile – über die man beliebige Funktionen schnell aufruft und die ein wirksames Instrument für die effiziente Bedienung ist –, sollte in allen Apps standardmässig vorhanden sein; genauso, wie der Befehl zum Beenden und das Systemmenü. Und wenn sie über die – nun kaum mehr gebrauchte – F1-Taste zugänglich wäre, dann bräuchten wir uns nicht für jedes Programm eine eigene Tastenkombination zu merken.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

3 Gedanken zu „Was wird jetzt aus der F1-Taste?“

  1. Bei neueren Notebooks erreicht man die F-Tasten nur über eine Kombination mit der Fn-Taste. Wohl auch deshalb haben sie für Entwickler ihre Bedeutung verloren.

    Dabei ist das aus meiner Sicht Unsinn: Ich starte häufiger eine Suche über F3, fahre Windows herunter über Alt-4 oder aktualisiere ein Fenster mit F5, als dass ich die Bildschirmhelligkeit anpasse oder die Lautstärke regle.

    Zumindest lässt sich das Verhalten meist im BIOS anpassen.

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