Der Nerd als geborener DJ

Die beste App, um Musik aufzulegen, ist Djay Pro von Algoriddim. Sie hat in der Mac-Version einige Tricks mit künstlicher Intelligenz auf Lager, die gleichzeitig faszinieren und irritieren.

Nerds gehören nicht unbedingt zu der Gattung Mensch, die auf Achttausender klettert, im Wald barhändig einen Bären erwürgt oder die Boxweltmeisterschaft gewinnt. Wenn wir Nerds die Bewunderung der Massen erwerben möchten, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen. Und zum Beispiel DJ werden. Als DJ kann man eine Art Held sein, ohne sein Leben riskieren zu müssen. Man muss sich auch nicht unbedingt ins Rampenlicht stellen: Man darf sich hinter Plattentellern verstecken und die feiernde Gesellschaft seine Anwesenheit indirekt, über den Musikmix spüren lassen.

Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass die feinmotorischen Fähigkeiten dank des Fortschritts an Bedeutung verloren haben. Als der DJ noch Vinyl aufgelegt hat, musste er zumindest in der Lage sein, mit der Nadel die Rille an der richtigen Stelle zu treffen. Und der Umgang mit den Tonträgern erforderte ein gewisses Geschick, damit immer rechtzeitig das passende nächste Stück auf dem Plattenteller lag.

Diese bei uns Nerds oft nicht vorhandenen Talente lassen sich durch den Einsatz moderner Technik problemlos kompensieren: Die Software übernimmt vieles vom Handwerk, sodass sich der DJ ganz auf die Musikauswahl konzentrieren kann – was es umso wichtiger macht, dort Insiderwissen und breiten Kenntnissen zu glänzen. Doch uns in Genres, Bands, die Musikgeschichte und in abstruse Details einzufuchsen, mit denen dann ein ausgeklügelter und durchdachter Mix entsteht, das gehört schliesslich zu unseren Kernkompetenzen. Wichtig ist bloss, dass das Resultat nicht zu verkopft und akademisch daherkommt, denn schliesslich soll das Endprodukt seine Wirkung auch im Bauch entfalten. Und in den Beinen natürlich auch.

Djaying mithilfe der künstlichen Intelligenz

Also, nach diesen Ausführungen ist es kein Wunder, dass die gesamte Tamedia-Digitalredaktion aus Nerds besteht, die gleichzeitig auch DJs sind (oder umgekehrt), wie sich hier nachlesen lässt. Für diesen Artikel habe ich mit den AI-Funktionen herumgespielt, die es in der meines Erachtens derzeit besten DJ-Software gibt. Für diesen Aspekt war dann leider keinen Platz mehr, darum stelle ich ihn hier vor.

Man achte auf die Knöpfe oberhalb der Wiedergabeliste: Die Songs lassen sich über die Neural-Mix-Funktion in Bestandteile zerlegen und in Echtzeit neu zusammenmischen.

Also, die meines Erachtens derzeit beste DJ-Software ist Djay Pro von Algoriddim. Es gibt sie für die gängigen Plattformen (Windows, Mac, iPad und Android). Man arbeitet, natürlich, mit zwei Musikdecks, aber wahlweise sind auch vier Decks möglich. Die App ist auch über Touch-Bildschirmen bedienbar, unterstützt externe Hardware, erlaubt das Vorhören von Songs, wozu man am besten ein externes Audio-Gerät verwendet. Die Software hat die üblichen Tricks wie Cuepoints, Beatmix und Effekte wie Loops auf Lager.

Auch gestreamte Songs sind genehm

Die Software lässt sich auch mit Songs der Streamingdienste Tidal und Soundcloud betreiben (Spotify fatalerweise nicht mehr, denn Spotify hasst alle DJs), und es gibt eine Automix-Funktion, die automatisch eine Wiedergabeliste erstellt und die Songs mit Übergängen versieht, dass altgediente Radiolegenden eifersüchtig werden könnten.

Die Touchbar harmoniert perfekt mit der DJ-Software: Man verwendet sie für Cuepoints, Effekte und (wie hier) für Loops.

Am meisten hat derzeit die Mac-Variante auf Lager. Die heisst Djay Pro AI und macht hervorragenden Gebrauch der (leider todgeweihten) Touchbar.

Wie das Anhängsel AI verrät, operiert sie auch mit künstlicher Intelligenz: Die zerlegt den laufenden Song in Echtzeit in drei Komponenten, die man neu mixt oder mit anderen Songs oder Klangquellen «verheiratet».

Die Rhythmusgruppe abspalten

Die drei Komponenten sind Drums, Bass und Melodic, zu Deutsch Schlagzeug, Bass und der melodische Anteil, also Gesang mit Gitarre und den restlichen nicht rhythmischen Instrumenten.

Was bedeutet, dass es bei den meisten Songs nicht möglich ist, beispielsweise nur die Stimme herauszufiltern oder eine perfekte Karaoke-Version ohne die Stimme zu erhalten, wie man es für manche Zwecke gerne hätte. Für manche Zwecke wäre es ausreichend, wenn sich die Rhythmusgruppe, Gesang und die restlichen Instrumente trennen liessen – aber das wird womöglich in einer nächsten Version möglich sein.

Der Automix spielt eine Wiedergabeliste und verbindet die Songs durch Übergänge, die mittels KI perfektioniert worden sind.

Die drei separierten Kanäle lassen sich entweder einzeln stumm schalten oder solo abspielen oder aber über entsprechende Regler lauter oder leiser machen. Natürlich will man sogleich herausfinden, wie sauber die Trennung erfolgt. Das hängt – natürlich – vom Ausgangsmaterial ab. Bei älteren oder sehr dicht gemischten Aufnahmen hört man minime Anteile der weggerechneten Song-Bestandteile durchsickern.

Der Kompressions-Algorithmus schlägt zurück

Öfter liegt das Problem darin, dass sich der verbleibende Track seltsam anhört; leicht verzerrt, wie durch einen elektronischen Vorhang hindurch. Meine Vermutung ist, dass das Artefakte sind, die durch die tpsychoakustische Audio-Kompression entsteht. Um die Datenmenge zu reduzieren, werden Anteile am Audio weggefiltert, die durch lautere Klänge übertönt werden. Wenn nun etwa das laute Schlagzeug eliminiert wird, muss die künstliche Intelligenz diese maskierten Anteile rekonstruieren. Dass sie das nicht perfekt kann, versteht sich von selbst. Darum empfehle ich, Experimente mit verlustfrei komprimierten Audiodateien vorzunehmen – womit wir auch ein ideales Einsatzgebiet für solche High-End-Audio-Tracks gefunden hätten.

Fazit: Diese AI-Funktion ist faszinierend, eröffnet ein weites Feld für Tüfteleien und ist auch anspruchsvoll: Denn es braucht einerseits ein breites Musikwissen und ein gutes Gespür, welche Ingredienzien einen guten Mix abgeben. Andererseits sollte man den Effekt auch nicht überstrapazieren, weil sonst eine dadaistische Darbietung entsteht. Aber wer gern experimentiert, kommt auf seine Rechnung.

Geht es mit den Remixes jetzt erst richtig los?

Ohne nun den Kulturpessimisten raushängen lassen zu wollen, stellt sich trotzdem die Frage, wohin das führen soll: Ist es sinnvoll, die eigene Musiksammlung und die ganze popmusikalische Historie als eine Art Bergwerk zu verstehen, aus dem sich nach Belieben Versatzstücke herausholen und neu zusammensetzen lassen?

Klar, ich weiss, dass die Remix-Kultur nicht vor fünf Minuten erfunden worden ist. Ich kann ihr eine Menge abgewinnen und stehe hinter dem Recht auf Remix. Aber wer sich auf diese Weise betätigt, sollte das mit Respekt – oder sogar mit Ehrfurcht – vor dem Original tun. Bislang war in meiner Wahrnehmung ein Song ein abgeschlossenes Werk. Wenn es jetzt dank KI ohne grossen Aufwand in seine Einzelbestandteile zerlegt werden kann, die sich dann in alle Winde zerstreuen, kann man sich schon fragen, ob die Würde noch gewahrt ist. Ja, ich weiss, ein grosses Wort. Aber trotzdem.

Immerhin: Man kann mit Djay Pro auch wunderbar die Originale ehren, indem sie dem Publikum unverfälscht zu Gehör gebracht werden…

Beitragsbild: Am meisten Spass macht es natürlich mit den guten Technics Technics SL-1200 (Abstral Official, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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