Wie man Apps verschlimmbessert

Schweizer Banken und Ver­siche­rungen haben ein Händ­chen dafür, zweck­dien­liche mobile Anwen­dungen durch Updates massiv zu ver­hun­zen.

Der Sinn und Zweck eines App-Updates besteht in einer Verbesserung – sollte man meinen. Es kommt allerdings auch vor, dass die neuen Versionen markant schlechter sind als ihre Vorgänger. Das kann so schlimm sein, nichts übrig bleibt, als einen Nachruf auf die Apps zu halten und sie dann würdig zu löschen; wie seinerzeit bei zwei einstmals heiss geliebten Smartphone-Anwendungen.

Heute geht es um zwei Fälle, bei denen die Verschlechterung nicht so drastisch wäre, dass ich die Apps gleich über den Jordan schicken müsste. Dafür haben sie die Gemeinsamkeit, dass sie beide einheimischer Herkunft sind. Offenbar neigen Schweizer Entwickler zu Verschlimmbesserungen ihrer Produkte.

Das erste Beispiel stammt von meiner Hausbank, der Zürcher Kantonalbank (ZKB): Bei deren App (iPhone und Android) musste mit dem jüngsten Update der Finanzassistent über die Klinge springen. Das war eine Analysefunktion, die die Ausgaben automatisch nach Kategorien aufgeschlüsselt hat. Auf diese Weise sah man auf einen Blick, wie viel Geld man fürs Wohnen, den Haushalt, Freizeit und Shopping, Versicherungen, Mobilität, Geschenke etc. ausgegeben hat. Das zeigt Sparpotenziale auf und hat bei mir dazu geführt, dass ich das Kabelfernsehen gekündigt habe und seitdem via Internet fernsehe.

Jetzt weiss ich leider nicht mehr, wo meine Fränkli hin sind

Neue App, weniger Funktionen: Bei der ZKB Mobile Banking-App ist der Finanzassistent verschwunden.

Nicht nur das: Der Assistent erlaubte es auch, Budgets zu erstellen und die Ausgaben in bestimmten Bereichen zu deckeln. Ich habe davon keinen Gebrauch gemacht, aber wie ich seinerzeit im Beitrag Sag mir, wo sind die Fränkli hin… ausgeführt habe, halte ich das für sinnvoll. Wenn man dazu neigt, auf zu grossem Fuss zu leben, dann ist ein Budget eine gute Methode, Gegensteuer zu geben.

Die ZKB weist darauf hin, dass der Finanzassistent über das E-Banking, also via Browser am Computer, weiterhin zur Verfügung stehen würde. Das ist schön und gut, aber es nützt halt nichts, wenn man in einem Laden steht und dort nachsehen möchte, ob das Budget diesen oder jenen Spontankauf noch hergibt – oder eben nicht.

Das zweite Beispiel ist schon älter. Allerdings ist die Verschlechterung hier so krass, dass ich das für einen Ausrutscher gehalten und mit einem schnellen, korrigierenden Update gerechnet habe.

Die Informationen erscheinen nach langem Warten – oder gar nicht

Wäre schön, wenn es nach dem Tippen auf «Weiter» auch weiter ginge.

Aber nein, seit dem Oktober 2020 ist nichts passiert, obwohl ich mir die Mühe gemacht habe, damals in einem ausführlichen Mail die schlimmsten Mängel aufzuzählen. Seitdem gab es marginale Nachbesserungen, die aber nichts an den grundsätzlichen Problemen ändern. Nicht nur das: Nach dem jüngsten Update erscheint ein Dialog zu neuen Datenschutz- und Nutzungsbestimmungen, der nach Betätigung der Weiter-Taste aber nicht verschwindet. Man fragt sich schon, wie bei der Entwicklung derart grundlegende Programmfehler unentdeckt bleiben können.

Die Rede ist von Active, der Schrittzähler-App meiner Krankenkasse Sanitas (iPhone und Android). Ich nutze sie seit 2017 und habe sie damals im Beitrag Wie gross wird die Reue sein? wohlwollend besprochen.

Während zwei Jahren ist keinem aufgefallen, dass der Text für das Dashboard_Last_Refresh-Label fehlt?

Das grosse Update aus dem Herbst 2020 hat drei neue Funktionen gebracht, nämlich die Sports Check-ins, die Meditation und der Food-Scanner, von denen der letzte bereits wieder entfernt worden ist.

Gleichzeitig wurde die App neu gestaltet, wobei sowohl die Optik als auch die Funktionalität ein massiver Rückschritt darstellen.

Ausserdem ist die App in manchen Funktionen so langsam, dass sie annähernd unbrauchbar ist: Es dauert mehrere Sekunden, bis die Benachrichtigungen angezeigt werden – simple, kurze Textmitteilungen von wenigen Zeichen.

Dogfooding ist hier wohl Fehlanzeige

«No chart data available»? Kann nicht sein.

Noch schlimmer ist es, wenn man sich die Gutscheine anzeigen lassen will. Zur Erklärung dazu: Fürs Erreichen seines Tagesziels bekommt man als Nutzer der App Münzen, die man in Gutscheine eintauschen darf. Ich habe gestoppt: Es dauert satte 35 Sekunden, bis die Liste mit den Gutscheinen erscheint.

Aber das ist noch nicht alles: Wenn man sich die Wochenübersicht seiner Schritte anzeigen lassen will, bleibt die Übersicht leer. In der Vorgänger-Version der App hatten alle diese Anzeigen keinerlei Probleme verursacht.

Fazit: Ich habe keine Ahnung, wie die Sanitas auf die Idee kommen konnte, eine funktionierende und ihren Zweck erfüllende App durch einen unausgegorenen Haufen Software-Schrott zu ersetzen.

Noch viel weniger verstehe ich, dass offensichtliche Fehler während bald zwei Jahren unangetastet bleiben. Das kann eigentlich nur bedeuten, dass die Leute in diesem Unternehmen nicht auf die Idee kommen, ihre eigene App zu benutzen – was natürlich die Frage aufwirft, bei welcher Krankenkasse sie versichert sind. Falls das jemand weiss, bitte ich um Antwort – das wäre hilfreich, falls ich selbst Lust bekommen sollte, die Kasse zu wechseln.

Beitragsbild: Schön wärs (Ryland Dean, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Wie man Apps verschlimmbessert“

  1. Ich möchte hier noch Raiffeisen PhotoTAN in die Runde werfen: Diese App macht nichts anderes, als einmal mit dem Code auf dem Aktivierungsbrief in Betrieb genommen zu werden und danach beim Login ins E-Banking den Code vom Bildschirm abzuscannen und ihrerseits einen Code auszugeben. Das funktioniert alles offline, die Raiffeisen verkauft sogar ein Gerät, welches nichts anderes macht.

    Früher war die App so schlank, dass sie sich ohne Verzögerung öffnen liess. Dann kamen die Hipster-Entwickler (freche Unterstellung meinerseits) und haben die App neu entwickelt. Wohl ein paar Frameworks darunter geklemmt für bessere Animationen. Mit dem Effekt, dass die App jetzt nicht mehr kann als vorher (muss sie auch nicht), aber auf älteren Smartphones mehrere Sekunden zum Öffnen benötigt.

    Ich frage mich, wie solche Sachen durch die Qualitätskontrolle kommen können.

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