Familie Lobo hat jetzt einen Podcast

In «Feel The News» besprechen Juliane und Sascha Lobo die Aktua­lität und den Umgang der sozialen und tra­ditio­nellen Medien mit der­sel­ben. Und ich überdenke – womöglich – meine Haltung, keine Podcasts von mit­einan­der verhei­rate­ten Pod­castern an­zu­hören.

Sascha Lobo ist der Mann, der mit Andreas Thiel eine Gemeinsamkeit hat – nämlich einen aufgereckten roter Kamm, den er an der Stelle trägt, wo sich beim durchschnittlich bünzligen Mann ein gepflegter Mittelscheitel befindet. Dass beide ein Bedürfnis haben, sich von der Masse abzuheben, ist äusserlich sichtbar.

Aber zum Glück tun die beiden das auf unterschiedliche Weise. Thiel vertritt libertäre Positionen, die meines Erachtens egoistisch und schädlich für die Gesellschaft sind. Lobo hingegen hat einen Sinn für die Gemeinschaft und hat oft kluge Gedanken zum Zusammenleben und auch zur fortschreitenden Digitalisierung: Seine schonungslose Abrechnung mit dem Netzoptimismus an der «re:publica»-Konferenz 2016 ist mir noch in bester Erinnerung. Seine Kolumnen im «Spiegel» lese ich gerne. Auf Twitter erlebe ich ihn manchmal als kaltschnäuzig, aber das liegt daran, dass er im Differenzieren besser ist als im Zuspitzen.

Fühl die Aktualität!

Man spürt sie von den Haarspitzen bis zu den Zehennägeln.

Jedenfalls hat Sascha Lobo einen (noch ziemlich neuen) Podcast namens Feel The News (RSS, iTunes, Spotify), den er zusammen mit Juliane Lobo bestreitet, die seit letztem Jahr seine Ehefrau ist.

Da der von Studio Bummens produziert wird, das auch für den viel beachteten «Cui Bono?»-Podast über Ken Jebsen verantwortlich zeichnete (Hat Ken Jebsen diesen Podcast verdient?), kam ich nicht umhin, ihn mir anzuhören – denn das klingt nach einer erfolgversprechenden Kombination, bei der ich aber auch ein beträchtliches Absturzpotenzial vermute.

Dieses Potenzial rührt daher, dass das Studio Bummens den KenFM-Podcast so knallig produziert hat, dass manche die Grenze zur Übertreibung überschritten sahen: «Der Podcast hat vor lauter Featuritis den Faden nun völlig verloren …», hat Martin Steiger seinerzeit nicht zu Unrecht kritisiert. Bei Lobo würde man vermuten, dass der Produzent eher zur Nüchternheit rufen müsste, statt dem Affen Zucker zu geben auf die Tube zu drücken.

Teamleistung geht vor Selbstinszenierung

Doch ich darf vermelden, dass diese Befürchtung unbegründete ist. Das ist, so habe ich den Verdacht, das Verdienst von Juliane Lobo. Denn dank ihr ist das keine Sascha-, sondern eine Lobo-Show, die von der Teamleistung und nicht der Selbstinszenierung lebt. Und auch wenn letzteres wahrscheinlich genauso unterhaltsam wäre, so ist der Erkenntnisgewinn so mindestens doppelt so hoch – einfach, weil Juliane genauso viele kluge Gedanken einbringt wie Sascha.

Damit sind wir beim grössten Vorbehalt, den ich bei «Feel The News» hatte: Ich fühle mich unangenehm berührt, wenn Paare gemeinsam podcasten. Das ging mir bei Alexa und Alexander Waschkau so, die als Hoaxmistress und Hoaxmaster den Hoaxilla-Podcast betreiben. Ebenso bei Die Wochendämmerung von Katrin Rönicke und Holger «Holgi» Klein, die ebenfalls verheiratet sind.

Mein Unwohlsein kann ich nicht exakt auf den Punkt bringen, aber man muss nicht Sigmund Freud sein, um zu vermuten, dass das mit mir selbst zu tun hat: Ich sehe einen unauflöslichen Konflikt, der mit der Frage zusammenhängt, wie weit man seine Beziehung in dieses Projekt hineintragen will – oder ob es umgekehrt überhaupt möglich ist, die aussen vorzulassen.

Im Idealfall vielleicht, wenn man strikt sachlich bleibt. Aber gelingt das, wenn man gerade einen Ehekrach hatte oder von einem familiären Schicksalsschlag ereilt worden ist? Und sogar wenn ein paar professionell genug ist, das hinzubekommen, möchte ich als Zuhörer nicht in die Verlegenheit kommen, mit der Intimität einer fremden Paarbeziehung konfrontiert zu werden – selbst wenn ein solcher Moment nur unterschwellig auftreten sollte. So, wie es einem als Kind peinlich ist, wenn die eigenen Eltern ungeniert turteln.

Ein flotter Dreier gar?

Vielleicht liegt es auch daran, dass eine in Anflügen polyamouröse Beziehung entsteht: Der Podcast ist ein Medium, bei dem man als Zuhörer den Machern gefühlsmässig nahekommt. Wenn nun die Macher ihrerseits etwas miteinander haben, entsteht eine virtuelle Dreieckskonstellation, und das mag Leute, die nicht von Hippie-Eltern erzogen wurden, überfordern.

Wie auch immer das sein mag – beim Podcast der Lobos hat es mich weniger gestört als bei «Hoaxilla»; und auch bei «Die Wochendämmerung» fand ich es neulich, als ich mir wieder einmal einige Folgen angehört habe, weniger störend. Ich nehme daher zur Kenntnis, dass man solche Privates und Berufliches vermischende Projekte nicht a priori meiden sollte. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass in Zeiten von Homeoffice und hybrider Arbeitsweise sich auch solche Podcasts normaler anfühlen als früher, wo auch medial die beiden Sphären strikt getrennt worden sind.

Was bei Juliane und Sascha Lobo unter dem Strich bleibt, ist, dass die beiden ein ungemein eingespieltes Team sind, bei dem es häufige Einwände und Uneinigkeiten gibt, aber bei dem die beiden an einem gemeinsamen Gedankenstrang arbeiten, dass man sich als Zuhörer beeilen muss, um mitzukommen.

Wokeness, leider vergiftet

Ich habe mir einige Folgen angehört, aber am besten fand ich die Folge vom 31. März, Toxic Wokeness vergiftet uns alle. Das ist ein Thema, das mich zwar interessiert, über das ich mir selbst aber noch nicht so viele Gedanken gemacht habe. Im Gespräch gab es viele einleuchtende Überlegungen, die ich mir ungeniert zu eigen machen werde.

Dazu gehört der Hinweis auf den Begriff der Ungleichzeitigkeit, der vom Philosophen Ernst Bloch stammt und eigentlich eine Grundwahrheit beschreibt, die in unseren sozialmedialen Diskussionen ständig vergessen geht: Nämlich, dass nicht alle Leute auf dem gleichen Fortschrittsstand sind, auch gedanklich nicht. Das kann ich an mir selbst beobachten, indem ich bereit bin, sprachliche Veränderungen mitzumachen, wenn sich eine gesellschaftliche Gruppe dadurch besser akzeptiert fühlt. Noch vor zehn Jahren hätte ich gefunden, dass die Mehrheit definiert, was sich die Gesellschaft gefallen lassen muss und was nicht.

Fazit: Ein Podcast, der einem viele Denkanreize liefert und der auch Statements aus der Hörerschaft in Form von «Sprachis» einbaut. Sprachis – eine noch schlimmere Trunkierung als das Schweizerdeutsche «Spielpi» für Spielplatz – sind Sprachnachrichten von Hörerinnen und Hörern, die in die Sendung einfliessen. Solche Hörerbeteiligungen sind oft nutzlos bis nervig, doch hier funktionieren sie: Das hat meines Erachtens mit der hochwertigen Produktion zu tun, bei der sie als kurze O-Töne eingebaut werden.

Diese Werbe-Sketche sind unterirdisch

Ein grosser Kritikpunkt bleibt: die Werbung. Dass der Sponsor, der Webhoster Jimdo, mit einem Interview in der Sendung auftritt, ist knapp verkraftbar. Nicht mit meiner Vorstellung zur Trennung von Werbung und redaktionellem Inhalt vereinbar ist, dass Juliane und Sascha Lobo zwischendurch kleine Sketche aufführen, in denen sie erklären, wie sie mit Jimdo ihre Website verbessert haben. Ich erinnere an die Pflichten der Journalistinnen und Journalisten, die AFAIK auch für Podcasterinnen gelten sollten: Siehe Punkt 9.1. im verlinkten PDF zur Unabhängigkeit: «Es ist ihnen (…) untersagt, sich für die Promotion von Produkten und
Dienstleistungen Dritter einspannen zu lassen.»

Siehe dazu auch: Eine schlechte Angewohnheit, die Podcaster schleunigst aufgeben müssen.

Beitragsbild: … the news (Nick Page, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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