Ein heisser Tipp für Fotografen, die gerne mal am Hungertuch nagen

Eyeem.com ist eine sympa­thische Foto-Com­munity, die ähnlich viel Spass macht wie seiner­zeit Flickr. Die Begeis­terung verfliegt schnell, wenn man über­legt, seine Bilder über diese Platt­form zum Verkauf anzu­bie­ten.

Das Internet ist nicht für einfache und schnelle Verdienstmöglichkeiten bekannt, sondern eher für die Unmengen an Gratis-Inhalten. Die sind eine harte Konkurrenz für Leute, die ihre Arbeit verkaufen möchten – namentlich Fotografen. Im Geschäft mit den Bildern findet seit Jahren ein brutaler Preiszerfall statt. Der geht so weit, dass von Profis verlangt wird, sich in «Exposure» statt mit Geld bezahlen zu lassen (So geht die Fotografie den Bach hinunter).

An dieser Stelle muss ich ehrlicherweise zugeben, dass ich ein Profiteur dieser Situation bin: Ich verwende hier im Blog Gratisbilder, hauptsächlich aus den im Beitrag Bilder zum freien Gebrauch aufgeführten Quellen. Müsste ich dafür zahlen, würde das zehntausende Franken kosten. Was ich mir natürlich nicht leisten könnte, weswegen das Blog optisch viel weniger attraktiv wäre. Aber klar – im Gratisbereich ist das Angebot nicht so vielfältig wie bei den kommerziellen Bildagenturen. Das hat zur Folge, dass die Bilder oft nur dank kreativer Legenden zum Thema passen.

Sosehr ich mich also über die Fotografinnen und Fotografen freue, die ihre Bilder gratis zur Verfügung stelle, so gut finde ich es, wenn es Verdienstmöglichkeiten für Berufsleute gibt. Es existieren inzwischen einige Plattformen, über die man seine Werke verkaufen kann: Alamy, 500px, SmugMug Pro, ShutterstockiStock Photo und Etsy, um nur einige zu nennen.

Ganz einfach und unkompliziert

Eine Plattform, die mir neulich empfohlen worden ist, heisst EyeEm. Brandneu ist sie nicht, laut Wikipedia existiert sie seit 2015. Aber sie sei einfach zu nutzen, vor allem auch für Anbieter. Die App, die es fürs iPhone und Android gibt, nimmt einem nämlich die Arbeit ab, selbst nach Bildern zu suchen, die für den Verkauf geeignet sind – so beschreibt es Apple zumindest in einer App-Store-Story.

Die Profilseite mit den Fotos, die man zum Verkauf anbietet.

In Tat und Wahrheit ist diese Funktion nicht so glamourös. Wenn man in der App auf den Hochladen-Knopf drückt und ihr den Zugriff auf die Fotos erlaubt, gibt es zwar eine Rubrik Vorschläge. Dort finden sich aber jede Menge privater Bilder, die ich niemals zum Verkauf anbieten würde. Wie auch immer dieser Algorithmus funktioniert; er scheint mir annähernd unbrauchbar.

Abgesehen davon scheint mir die Herangehensweise verkehrt: Wenn man tatsächlich mit dem Verkauf von Bildern Geld verdienen möchte, bringt es gar nichts, unter den vorhandenen Fotos ein paar geeignete Kandidaten herauszusuchen: Verkäufe, die man so erzielt, sind Zufallstreffer – das erläutere ich weiter unten, wenn es um meine Erfahrungen mit 500px geht. Wenn man das Geschäft ernsthaft betreiben will, dann muss man einen Bereich identifizieren, in dem ein Mangel an guten Motiven besteht. Dann kann man diese Lücke füllen, indem man die passenden Bilder inszeniert.

Ein Testlauf mit einer Handvoll Bilder

Aber gut, um EyeEm auszuprobieren, mache ich genau das, was ich eben als sinnlos beschrieben habe: Ich lade eine Handvoll meiner Fotos hoch, die zu den wenigen Aufnahmen auf meinem iPhone gehören, die nicht nur von privatem Interesse sind, sondern vielleicht auch jemandem einfach so gefallen. Den kommerziellen Wert würde ich bei ±0 ansetzen. Aber schliesslich geht es mir darum, die App und die EyeEm-Plattform unter echten Bedingungen zu testen.

Das Verschlagworten der Fotos ist dank KI-Unterstützung eine schnelle und einfache Angelegenheit.

Als Da-Capo füge ich eine Aufnahme hinzu, die das Neujahrs-Feuerwerk an der Hallgrímskirkja in Reykjavík von 2013 zeigt. Sie hat es als einzige aus meinem Portfolio zu internationaler Aufmerksamkeit gebracht: Sie wurde am Neujahrsabend 2015 von der «New York Post» zur Illustration eines Artikels verwendet. Allerdings kostenlos, da ich das Bild mit der entsprechenden Creative-Commons-Lizenz bei Flickr hochgeladen habe. Damit die Veröffentlichung bei EyeEm nicht sinnlos ist, ändere ich bei Flickr die Bedingungen auf «nicht-kommerzielle Nutzung».

Während die maschinelle Auswahl der Bilder eine Enttäuschung ist, gefällt mir die automatische Verschlagwortung gut: Die Bilder werden automatisch mit Stichworten versehen, die schon einen grossen Teil von dem abdecken, was zu sehen ist. Das spart Zeit; indem man sich darauf beschränken kann, eine Beschreibung zu vergeben. Denn klar – ohne gute Stichworte werden die Bilder nicht gefunden und nicht verkauft: Die Verschlagwortung ist ein entscheidender Erfolgsfaktor, genauso wichtig wie das Bild selbst.

Ich finde auf EyeEm gleich neue Freunde

Es fällt auf, dass es schon wenige Minuten nach dem Hochladen Likes für die Fotos gibt und mir nach fünf Minuten bereits ein anderer Nutzer folgt. Das spricht für die Plattform und erinnert an die Dynamik, die für Urzeiten bei Flickr geherrscht hat – und es ist mehr Liebe, als ich je auf 500px erfahren habe (Wo Flickr-Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen werden).

Also, ich bin gespannt, wie sich dieses Abenteuer weiterentwickelt. Mein Profil findet sich unter eyeem.com/u/mrclicko, wo ihr mir gerne folgen dürft. Oder – und das wäre für die Berichterstattung hier noch interessanter – ihr könnt auch meine Bilder kaufen.

Was den Verkauf der Bilder angeht, fällt auf, dass diese einer Prüfung unterzogen werden. Es zeigt sich, dass dabei entschieden wird, ob sich ein Bild für den Verkauf eignet. Zu meiner Verblüffung sieht EyeEm diese Voraussetzung bei meinem erfolgreichsten Bild, der Feuerwerks-Aufnahme von der Hallgrímskirkja, als nicht gegeben an. Stattdessen kommt die Aufnahme zweier paarender Insekten auf unserem Fenstersims zum Zug, die ich nur deswegen hochgeladen habe, weil sie ein hübsches Profilbanner abgibt.

Siehe da: Insektensex bei Getty Images – und ich bin schuld daran.

Dieses Bild ist inzwischen auch über Getty Images abrufbar: Das ist eine der renommiertesten Bildagenturen, die von Redaktionen in aller Welt benutzt wird. Somit werde ich künftig keine Skrupel haben, mich Fotoprofi zu schimpfen.

Damit diese beiden Fotos verkauft werden dürfen, ist ein Einverständnis der abgebildeten Personen erforderlich.

Zwei der weiteren Bilder bleiben mit dem Hinweis hängen, ich müsse die Zustimmung der abgebildeten Personen (ein Model Release) einholen.

Das war wohl auch der Grund, weswegen 500px das eine Bild nicht für den Verkauf freigegeben hat. Da ich keine Ahnung habe, wer diese Personen sind und wie man sie erreichen könnte, werde ich mit diesen beiden Fotos leider kein Geld verdienen.

Verkäufe auf 500px: null

Apropos Geld: Wie erwähnt, ist das eine gute Gelegenheit, meine Erfahrungen mit 500px auszubreiten. Dort könnte man meine Bilder seit sechs Jahren erwerben. Der Konjunktiv ist kein Zufall, denn die Anzahl der Verkäufe seitdem: Null. Das ist ein deutlicher Beleg, dass es kaum einen Markt für Zufallsmotive gibt. Ich neige zur Ansicht, dass die eigentliche Fähigkeit, die man mitbringen muss, nicht das fotografische Handwerk ist. Nein, entscheidend ist die richtige Nase, welche Bilder gut ankommen.

Das zeigt, wie hoch die Hürden liegen, als Fotograf mit solchen Plattformen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Daran ändert auch EyeEm nichts: Wenn man sich in den FAQ in den Abschnitt Your License Share and Payouts vertieft, in dem die Konditionen aufgeführt sind, dann könnte man die Lust sogleich wieder verlieren:

Als neuer Nutzer steigt man auf der Auszahlungsstufe 3 ein (Payout Level 3), der einem einen Anteil an den Lizenzeinnahmen (License Revenue Share) von 35 Prozent in Aussicht stellt – etwas mehr als ein Drittel. Zwei Drittel bleiben bei der Plattform hängen.

Das ist erschreckend wenig. Es lässt sich (vielleicht) damit erklären, dass EyeEm als Zwischenhändler fungiert. Wenn jemand mein Bild mit dem Insektensex bei Getty kauft, dann wollen daran (mindestens) drei Leute mitverdienen: Getty, EyeEm und ich. Da der Künstler normalerweise am Ende der Verwertungskette steht, muss er nehmen, was noch übrig bleibt.

25 Prozent für den Fotografen, 75 Prozent für die Plattform

Trotzdem sind auch die weiteren Details unerfreulich: Die Auszahlungsstufe ist vom Umsatz abhängig, den man generiert. Beläuft er sich unter dreihundert US-Dollar, rutscht man auf den Level 4 ab. Dort bekommt man nur noch einen Viertel des Erlöses. Mit einem Umsatz zwischen 3000 und 6999 Dollar darf man 45 Prozent behalten. Kommt man über 7000 Dollar, sind es 55 Prozent.

Reich wird man hier nur mit Verkäufen en masse.

Als ob das nicht schon deprimierend genug wäre, heisst es in diesem Abschnitt der FAQ auch folgendes:

Wenn wir Ihre Inhalte über EyeEm Market oder unsere Vertriebspartner verkaufen, erhalten Sie einen Anteil an den Lizenz- oder Unterlizenzgebühren, die EyeEm aus dem Verkauf Ihrer Inhalte nach Abzug umsatzbezogener Steuern, einschliesslich etwaiger Transaktions- und Währungskosten, sowie sonstiger Gebühren (z. B. Quellensteuer, falls zutreffend) tatsächlich erhält.

Mit anderen Worten: Der kärgliche Anteil wird vom Nettoerlös ausbezahlt. Gleichzeitig ist die EyeEm Mobile GmbH aus Berlin nicht bereit, für den fürstlichen Anteil am Umsatz ein Risiko zu tragen:

Sollten wir auf eine Urheberrechtsverletzung oder eine sonstige Verletzung von Rechten Dritter (in Bezug auf von Ihnen hochgeladene Inhalte) hingewiesen werden oder davon Kenntnis erlangen, sind wir berechtigt, ausstehende Auszahlungen bis zur endgültigen Klärung solcher Rechtsansprüche zurückzuhalten, soweit uns Schadensersatzansprüche gegen Sie zustehen könnten.

Und klar, mir leuchtet ein, dass sich der Betreiber einer solchen Plattform vor Leuten schützen muss, die mit fremden Bildern Kohle machen wollen. Andererseits kennen wir auch das Phänomen des Copyfrauds, also fälschlich erhobener Urheberrechtsklagen. Aufgrund der zitierten Passage habe ich nicht den Eindruck, dass man in so einem Fall von EyeEm viel Hilfe erwarten dürfte.

Ist das Wort Ausbeutung etwas gar hart?

Fazit: Was EyeEm den Fotografinnen und Fotografen hier anbietet, hat trotz allem Verständnis für solche Auswertungsketten nichts mit einer Partnerschaft auf Augenhöhe zu tun. Und ja, niemand wird gezwungen, seine Fotos über diese Plattform zu verkaufen. Aber die Anteile, die sich EyeEm nimmt, lassen Apples Dreissig-Prozent-Kommission im App-Store bescheiden erscheinen. Als ich seinerzeit meine bescheidenen Softwareverkäufe über den Mikropayment-Dienstleister Kagi abgewickelt habe, war dessen Anteil 15 Prozent. Da ich nicht sehe, warum der Aufwand im Bereich der Fotografie wesentlich höher sein soll, bewegt sich eine faire Kommission nach meiner Wahrnehmung irgendwo zwischen 15 und dreissig Prozent – aber eher am unteren Ende dieser Spanne.

Was ich besonders stossend finde, ist die Staffelung nach Umsatz. Klar, man kann das begründen, indem ein guter Umsatzlieferant belohnt werden sollte. Gleichzeitig erhöht diese Regelung die Hürde für einen Neueinsteiger massiv. Wer in diesem Geschäft Fuss fassen möchte, aber während mindestens eines Jahres bloss 35 Prozent seiner Erlöse erhält, muss entweder extrem fleissig oder gewillt sein, am Hungertuch zu nagen.

Was mich angeht, ist EyeEm ein Experiment. Sollte ich dort wider Erwarten nennenswerte Einnahmen erzielen, werde ich meine Fotos sofort löschen und sehen, wo ich die zu anständigeren Konditionen versilbern könnte.

Beitragsbild: Vermutlich qualmt er wegen dieser lausigen Margen vor Wut (Brandon Erlinger-Ford, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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