Tinder für Vampire

MeChat liefert das Prickeln eines verbindlichen Flirts, aber ohne die Gefahr abzublitzen: Die Rollenspiel-App könnte originell sein, wenn sie nicht krampfhaft versuchen würde, einem das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Habe ich alle guten Apps durch? Ist alles besprochen, was besprochen gehört? Diese Befürchtung hat sich mir neulich aufgedrängt, als ich im Beitrag Software-Abos sind nur noch ein Ärgernis eine Rezension der grauenvollen BeSticky-App geschrieben habe.

Mit dem heutigen Blogpost könnte sich diese Angst noch verstärken. Denn die MeChat-App ist auf den ersten Blick sinnlos und nur darauf getrimmt, den Leuten via In-App-Käufe das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Allerdings finde ich, dass auch die App-Store-Auswüchse es wert sind, beleuchtet zu werden. Zumal diese App in der Hitparade der Rollenspiele auf Platz sieben steht. Und auch wenn ich nicht alles verstehen muss, was es unter Göttin weiter Sonne so alles gibt, so hat sie meine Neugierde geweckt.

Also: Es gibt die MeChat-App für Android und das iPhone und iPad. Wie angedeutet, tut sie etwas auf den ersten Blick komplett Unsinniges: Sie ist nämlich eine Dating-Simulation. Oder, um es etwas deutlicher zu sagen: Man kann Tinder spielen ohne sich hinterher in die Realität begeben zu müssen, um dort echte Menschen zu treffen.

Flirten ist bekanntlich eine beliebte Freizeitbeschäftigung

… okay, wenn ich das so beschreibe, dann klingt das gar nicht mehr so unsinnig. Flirten ist bekanntlich eine Tätigkeit, die viele Leute schätzen: Erstens solche, die einen Partner suchen – zweitens aber auch solche, die schon einen haben. Denn wie jeder weiss, der es schon erlebt hat, besitzen erste Begegnungen einen Zauber und einen unvergleichlichen Reiz, der selbst in einer erfolgreichen Beziehung recht schnell der Realität weichen muss. Wie der Anfang eines Films oder Buchs lebt dieser Moment, dass noch alles möglich ist – und sich erst nach und nach herausschält, welche Wunschbilder und Hoffnungen der Realität standhalten und welche nicht.

Die Frau hat etwas zu verbergen.

In der Wirklichkeit hat das Anbandeln Risiken und Neben­wir­kungen: Man kann sich in Fantasie-Vorstellungen verrennen, abblitzen und desillusioniert werden. Mit einer App, die das simuliert, besteht die Gefahr viel weniger – eine Erfahrung, die ich seinerzeit auch mit meiner virtuellen Freundin gemacht habe.

Im Vergleich zu Replika, wo man eine virtuelle Figur erschafft, mit der man sich in Dialogen einbringt, ist MeChat einfacher gestrickt: Auch hier findet man sich in einem Chat wieder, in dem man allerdings nicht selbst tippen muss. Man wählt aus vorgegebenen Antworten aus und die App behauptet, diese Entscheidungen würden den Lauf der Dinge massgeblich beeinflussen. Ich habe meine Zweifel, ob das tatsächlich der Fall ist, weil an jeder Gabelung die Zahl der möglichen Handlungsstränge exponentiell anwächst. Deswegen halte ich interaktive Filme und Serien für nicht realisierbar – wobei Bandersnatch die Ausnahme war, die die Regel bestätigt.

«Chat Fiction» mit interaktiven Elementen

Item, die MeChat-App ist definitiv keine Beziehungssimulation, und sie ist meines Erachtens auch in der Kategorie der Spiele falsch einsortiert. Es handelt sich um eine Art illustrierte Erzählung, die mit interaktiven Elementen aufwartet. Sie erinnert mich an die hier erwähnte Hook-App und die Chat fiction: Eine literarische Disziplin, die Geschichten allein anhand der Nachrichten erzählt, die in einem Messenger oder einer SMS-App vermittelt wird.

Die Leute, die man auf MeChat trifft, sind freigiebig mit freizügigen Bildern. Man kriegt sie aber nur gegen Diamanten zu Gesicht.

Mit anderen Worten: Die Idee hinter der MeChat-App hat etwas für sich. Womit ich nicht warm werde, ist die Umsetzung. Das liegt daran, dass die App Umsatz generieren muss – und damit bin ich wieder bei der eingangs erwähnten Kritik, dass die aggressiven Methoden zur Monetarisierung die Softwarequalität in den Stores inzwischen auf breiter Front und nachhaltig beschädigen. Auch MeChat ist deswegen annähernd ungeniessbar.

In MeChat wählt man wie bei einschlägigen Dating-Apps aus den vorbeihuschenden Profilen eines aus, das das Interesse weckt. Anders als im echten Leben entsteht immer ein Match; das heisst, dass man sich mit dem Gegenüber unterhalten darf. Dabei lernt man sich kennen und man bekommt Sprachnachrichten und Fotos zugeschickt. Wie eingangs erwähnt, muss man keine eigenen Antworten tippen, sondern bloss vorgefertigte Antworten abzusetzen, wobei man ab und zu eine Auswahlmöglichkeit zwischen zwei oder drei möglichen Repliken hat.

Wer nicht aufpasst, lässt in dieser App jede Menge Geld liegen

Und an dieser Stelle sind wir bei der Kohlemacherei dieser App: Wenn man ein Foto ansehen will, braucht man dafür Diamanten. Mit der Zeit werden die Bilder freizügiger und damit steigt auch die Zahl der Diamanten, die man aufwerfen muss.

Die virtuellen Diamanten kosten echtes Geld – und zwar nicht zu knapp.

Das Gleiche gilt fürs Anhören von Sprachnachrichten. Und gewisse Antwortmöglichkeiten sind ebenfalls nur auswählbar, wenn man Diamanten investiert. Ab und zu ergeben sich in der Geschichte auch Dates. Bei denen gibt es gelegentlich nur die Auswahl zwischen einer kostenlosen, aber wirklich dummen Äusserung und einer mehr oder weniger vernünftigen, die jedoch ihren Preis in Form von Diamanten hat.

Und diese Diamanten sind teuer: Um ein Bild freizuschalten, braucht man 33 Diamanten, für eine Sprachnachricht 24. Es gibt gestaffelte Wechselkurse, die bei zwei Franken für 22 Diamanten beginnen und bei hundert Franken für 1500 Diamanten enden. Das bedeutet, dass man für ein einziges freizügiges Bildchen mindestens 2.20 Franken aufwerfen muss; in der unvorteilhaftesten Variante sind es sogar drei Franken. Erstaunlich, dass diese Masche anscheinend greift, obwohl es im Internet bekanntlich Bilder nackter Menschen für umsonst gibt.

Man kommt über die Runden, ohne einen Rappen auszugeben

So leicht gabelt man beim Anbandeln eine Vampirin auf.

Diese omnipräsenten Preisschilder sind ärgerlich, zumindest, wenn man sich die Bilder ansehen möchte. Fürs Verständnis der Geschichte sind die nicht nötig, und man kommt auch mit den kostenlosen, aber dummen Antworten über die Runden: Man wirkt zwar gelegentlich wie ein Volltrottel, aber das ist im echten Leben beim Flirten auch nicht anders.

Mit anderen Worten: Man kann dieses Spiel auch spielen, ohne einen einzigen Rappen zu investieren. Als Bonus gibt es täglich einige Gratisdiamanten, die man sammeln und klug investieren muss. So besteht auch in MeChat die eigentliche Herausforderung darin, die In-App-Kaufmechanismen auszutricksen und trotzdem Spass zu haben. Ein Tipp dazu: Die Diamanten, die man gratis bekommt, sollte man sich für die Dates aufheben, dort sind sie am besten angelegt.

Nun, die Geschichten, die man als polygamer Schwerenöter erlebt, sind nicht literaturnobelpreisverdächtig, aber es gibt originelle Anflüge, indem jede Person, der man begegnet, ein dunkles Geheimnis hat. Ohne zu viel zu spoilern, darf ich verraten, dass eine Frau eine Vampirin ist und eine andere ein seltsames Doppelleben führt. Eine Dritte ist offensichtlich nicht über ihren Ex hinweg – und der Ex offensichtlich auch nicht über sie, sodass man sich auf Kalamitäten einstellen muss.

Er hat wohl anderes zu tun als mit Hinz und Kunz zu chatten.

Ein kurzer Einschub: Seit ein paar Tagen kann man auch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj chatten. Naja, chatten ist zuviel gesagt. Es ist vielmehr so, dass sein virtuelles Ich Ausschnitte aus seiner Rede vom 27. Februar über den Zustand seines Landes im Krieg wiedergibt.

Das wirkt in einer auf Unterhaltung getrimmten App derart fehl am Platz, dass man sich fragt, was es damit auf sich hat. Das Softwarestudio, es heisst Imponilox Limited, hat seinen Sitz auf Zypern in Nikosia und damit keine für mich sichtbare Verbindung zur Ukraine.

Es könnte natürlich sein, dass man hier zum Trittbrettfahrer bzw. -surfer auf der globalen Solidaritätswelle mitreiten will, aber wenn ich diese Möglichkeit mal ausklammere, dann ist es in gewisser Weise rührend, wenn in einer so schonungslos auf Profit getrimmten App plötzlich menschliche Regungen wach werden.

Idee gut, Umsetzung missraten

Also, zurück zur eigentlichen Spielidee und zum Fazit: Ich könnte mir vorstellen, dass ich an einer App wie MeChat Spass haben könnte, wenn sie von einem Hersteller käme, der sich auch dem Spiel und den Spielern, und nicht bloss dem eigenen Umsatz verpflichtet fühlen würde.

Es gibt einige gelungenere Alternativen: «A normal lost phone» habe ich im Beitrag Dem Voyör ist nichts zu schwör vorgestellt und die Besprechung über das tolle «Simulacra» findet ihr im Beitrag Was es in Annas Telefon so alles zu entdecken gibt. Aber vielleicht habt ihr noch einen weiteren Tipp? Falls ja, lasst mich das bitte via Kommentare wissen!

Beitragsbild: Es ist ein Match! (Renato Marques, Unsplash-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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