Wie sich Spotify noch viel tiefer reingeritten hat

Die Podcast-Strate­gie des Streaming-Anbieters ist ein Debakel. Doch statt Fehler zu beheben, macht der Chef, Daniel Eck, unhalt­bare Ver­spre­chen und behauptet, er habe ver­stan­den, wäh­rend seine Plan­losig­keit un­über­seh­bar ist.

Neulich habe ich mir eine Folge von Spotifys Exklusiv-Podcast «The Joe Rogan Experience» (JRE) angehört. Danach war ich drauf und dran, mein Abo zu kündigen. Denn diese Produktion legt schonungslos offen, dass sich Spotify der gesellschaftlichen Verantwortung nicht bewusst ist, die auch ein Tech-Unternehmen zu tragen hat. Sie zeigt, dass Spotify nur das eigene Wachstum im Blick hat. Wie schon früher analysiert, will der Streamingdienst zur massgeblichen Audio-Plattform avancieren – und dazu sind alle Mittel recht.

Man könnte an dieser Stelle Spotify zugutehalten, dass das ein Ausrutscher war. Vielleicht haben sie es versäumt, sich vor dem Exklusiv-Deal mit Joe Rogan eine seiner Shows anzuhören. Vielleicht ist die auch erst in der letzten Zeit in die verschwö­rungs­ideo­logi­schen Gefilde und in die Wissen­schafts­feind­lich­keit abgeglitten. Vielleicht hat Spotify diesem Aspekt auch zu wenig Bedeutung beigemessen und sich auf den Standpunkt gestellt, es handle sich um harmlose Unterhaltung.

Das ist alles denkbar. Es wäre ein Beleg für eine eklatante Führungsschwäche im Konzern. Aber es wäre noch etwas: nämlich ein teachable moment, also die Gelegenheit, Lehren zu ziehen.

Darum die Frage, wie Spotify mit den Protesten umgeht, insbesondere auf die Sanktion durch Neil Young, der seine Musik von der Plattform abgezogen hat.

Spotify will mehr tun – aber auch das richtige?

Die Reaktion von Spotify erfolgte in Form einer Pressemeldung, in der der Chef persönlich, Daniel Eck, schreibt, dass er verstanden habe:

Die Rückmeldungen haben mir klargemacht, dass wir mehr tun müssen, um ausgewogene und allgemein anerkannte Informationen aus der medizinischen und wissenschaftlichen Gemeinschaft bereitzustellen, die uns durch diese beispiellose Zeit führen.

Eck hat Regeln erlassen, die ab sofort für die Veröffentlichung auf der Plattform gelten. Sie ähneln in gewisser Weise den Community-Richtlinien von Youtube bzw. den Gemeinschaftsstandards von Facebook. Man findet sich hier und kann lesen, was per sofort alles nicht mehr erlaubt ist. Die Aufzählung reicht von «gefährlichen Inhalten», etwa Aufrufen zu Selbstverletzung und Suizid über «irreführende und heikle Informationen» bis hin zu «illegalem Content» wie Urheberrechtsverletzungen.

Und, es tut mir leid, wenn ich bereits an dieser Stelle ein hartes Urteil fällen muss. Aber diese Richtlinien belegen, dass Daniel Eck eben nichts begriffen hat.

Erstens adressiert er das falsche Problem: Es geht nicht darum, dass ein unabhängiger Podcaster via Spotify etwas Ungehöriges veröffentlicht hätte. Nein, es geht um eine eigene Produktion, die Spotify in Auftrag gibt und bezahlt. Dafür braucht es keine Community-Regeln, sondern lediglich ein bisschen gesunden Menschenverstand. Da «The Joe Rogan Experience» offenbar wie gehabt weitergeht, drängt sich der Verdacht auf, dass diese Regeln entweder so lax interpretiert werden, dass die Show nicht darunterfällt – oder aber, dass Spotify nicht gewillt ist, sich an die eigenen Regeln zu halten.

Ein Corona-Leugner ist er nicht

Versuchen wir, das aufzudröseln. Es gibt in den Regeln einen Abschnitt zu Corona:

Zu den Inhalten, die gefährliche falsche oder gefährliche irreführende medizinische Informationen verbreiten, die offline Schaden anrichten können oder eine direkte Bedrohung für die öffentliche Gesundheit darstellen, gehören unter anderem: die Behauptung, dass AIDS, COVID-19, Krebs oder andere schwere lebensbedrohliche Krankheiten ein Scherz oder nicht real sind. (…)

Nun, Joe Rogan hat meines Wissens die Existenz der Corona-Pandemie nicht in Abrede gestellt. Wie in meiner Kritik ausgeführt, lässt er jedoch Leute zu Wort kommen, die sie für eine Art trojanisches Pferd der Regierung halten, die damit ganz andere Zwecke verfolgen. Er selbst ist der Ansicht, dass junge, gesunde Menschen keine Impfung brauchen würden.

Das lässt sich so interpretieren, dass Spotify die Regeln exakt so hingezirkelt hat, dass «The Joe Rogan Experience» nicht darunterfällt. Das ist verständlich – aber das verwandelt Daniel Ecks «Ich habe verstanden»-Brief in ein reines Ablenkungsmanöver: Es adressiert ein Problem, das real ist, aber nichts mit der Kritik zu tun hat, auf die er angeblich eingeht.

Aber schauen wir uns die Regeln noch etwas genauer an: Lösen sie ein Problem? Verhindern sie Desinformation, Propaganda und Hass?

Die Regeln lassen sich niemals durchsetzen

Daran habe ich meine Zweifel, aber das Hauptproblem besteht darin, dass sie sich unmöglich umsetzen lassen: Es ist auf einen Blick klar, dass kein einziger Hiphop-Song auf der Plattform verbleiben würde, wenn sie tatsächlich angewandt würden.

Nehmen wir den Abschnitt, wonach zu den gefährlichen Inhalten Dinge zählen, «die den Verkauf von regulierten oder illegalen Waren illegal fördern, unter anderem Drogen».

Weiss Daniel Eck, dass die Verherrlichung von Drogenkonsum in der Geschichte von Rock und Pop eine lange Tradition hat? Cypress Hill erzählen von den «Hits from the Bong», Jimi Hendrix vom «Purple Haze», Eminem von den «Mushrooms», John Lennon vom «Cold Turkey», Jefferson Airplane vom «White Rabbit» und The Stranglers vom «Golden Brown».

Und natürlich ist es etwas völlig anderes, wenn Musiker ihre Drogenerfahrungen künstlerisch transzendieren als wenn ein Podcaster oder Influencer erklärt, wie man Microdosing betreibt. (Nebenbei bemerkt: In der erwähnten Folge von Joe Rogan geht es auch darum. Rogan scheint diversen Drogen nicht komplett abgeneigt – «Heroin is wonderful» ist das aus dem Zusammenhang gerissene Zitat –, während Curry sich auf Marihuana beschränkt.)

Musiker sollten fast alles dürfen

Ich bin dafür, dass in der Musik – besser: in der Kunst – Themen kontrovers angegangen werden dürfen. Ein «Splatter Movie» kann gewaltverherrlichend sein, aber das ist nicht damit zu vergleichen, wie wenn einer in einem Podcast – der eben mehr Journalismus als Kunst ist –, dazu aufruft. Erstens, weil die Kunstfreiheit ein hohes Gut ist, zweitens, weil ich keine libertären Schwadroneure von «Cancel Culture» jammern hören will. Ich fand schon 1985 den Zank um Falcos Song Jeanny lächerlich. Warum sollte ein Popsong eine Geschichte nicht aus der Sicht eines Mörders erzählen? Jeder überzeugende Krimi – selbst wenn der Plot nicht aus der Perspektive des Täters erzählt wird – muss dessen Motive zumindest verständlich machen.

Als Fazit muss man sagen, dass sich Spotify tiefer in die Misere reingeritten hat, statt einen Lösungsweg aufzuzeigen. Ich glaube, dass ein solches Regelwerk ein untaugliches Mittel ist. Das lässt sich an der Nazi-Musik aufzeigen, deretwegen Spotify schon 2017 in der Kritik stand. Der Streamingdienst hat seinerzeit ein paar Bands entfernt, doch wie die «Taz» in einem Experiment anfangs Jahr aufzeigte, ist das Problem noch immer virulent. Vielleicht ist es zu viel verlangt, derlei Bands komplett fernzuhalten. Aber wenn Spotify konsequent eingreift, sobald qualifizierte Kritik laut wird, wäre das für mich eine gute Strategie.

Klar, man könnte nun sagen, dass die Regeln nur für die Podcasts gelten, nicht aber für die Musik. Aber ist das noch glaubwürdig? Abgesehen davon: Wie will man bei Tausenden von Stunden an Podcasts, die täglich in unzähligen Sprachen veröffentlicht werden, überhaupt ein Monitoring durchführen? Das wäre nur Tausenden von Mitarbeitern möglich.

Ich würde Spotify raten, sich konsequent auf die Rolle des Plattformbetreibers zurückzuziehen. Also keine eigenen Inhalte zu bezahlen und nicht als Verleger bzw. Produzent aufzutreten. Dann fällt das Problem flach, dass das Unternehmen alt aussieht, wenn es sich nicht an eigene Richtlinien hält.

Wenn Spotify zum Schluss kommen sollte, dass exklusive Inhalte notwendig sind, dann liesse sich das anders lösen – durch Auslagerung dieses Geschäfts an ein eigenes Unternehmen, in dem Leute aktiv sind, die auch etwas von der Sache verstehen. Man könnte auch als Mäzen auftreten, der Geld an kreative Unabhängige ausschüttet – da gäbe es viele Lösungen.

Aus sympathischen Startups werden grosskotzige Konzerne

Man kann sich aber auch auf den Standpunkt stellen, dass Spotify seinen Zweck erfüllt, wenn es bei der Mission bleibt, mit der es 2006 gestartet ist: Nämlich eine moderne Distribution für Audioinhalte anzubieten, sodass wir keine CDs oder Downloads mehr kaufen müssen. Dieses Streben nach immer mehr ist mit der kapitalistischen Logik erklärbar, aber es führt halt leider auch dazu, dass ehemals sympathische Unternehmen sich immer grosskotziger benehmen.

Was Daniel Eck angeht, hatte er diese Gefahr offenbar nicht auf dem Schirm. Das ist naiv, zumal jede grosse Plattform in den letzten Jahren in das gleiche Problem hineingelaufen ist – und zwar immer dann, wenn sie ins Angebot eingegriffen hat. Spätestens an dieser Stelle konnten sich die Betreiber nicht mehr auf die Position zurückziehen, sie seien nur Vermittler. Ab diesem Moment erwartet die Öffentlichkeit zu Recht, dass eine Art redaktionelle Verantwortung übernommen wird.

Diese Diskussion hat Youtube ereilt, weil dort die Vorschlags-Algorithmen stark beeinflussen, welche Inhalte sich die Leute ansehen und welche nicht. Facebook steht in der Kritik, weil die Algorithmen Hass und Fakenews stärker befördern als moderate Posts. Zwar setzt auch Spotify Algorithmen ein, die beeinflussen, was die Leute hören – ein Beispiel wäre die automatisch generierte Playlist mit dem «Mix der Woche» –, doch dank der erwähnten Kunstfreiheit war das bislang kein Problem.

Eine Scheidung ist es nicht, aber die Liebe hat Risse

Wie konnte Daniel Eck nicht sehen, in welch komfortabler Position er sich im Vergleich zu Youtube und Facebook befindet – und wie konnte er das diese komfortable Position mit «The Joe Rogan Experience» leichtfertig aufs Spiel setzen? Das verstehe ich nicht.

Aber gut, vorerst bleibe ich bei Spotify. Das ist mehreren Gründen geschuldet. Erstens meiner Faulheit und dem beträchtlichen Aufwand, der mit einem Wechsel einhergeht (Wie man von einem Streamingdienst zu einem anderen wechselt). Zweitens besitzen wir zwei Lautsprecher mit Spotify Connect (dieser und dieser), die ohne den Streamingdienst nicht oder nicht mehr so komfortabel funktionieren würden. Und drittens fände ich es schade, dem einzigen europäischen Unternehmen, das in meiner Techniklandschaft existiert, die Liebe aufzukünden. Aber der tiefe Riss, der diese Liebe erhalten hat, wird sich nicht so leicht kitten lassen.

Beitragsbild: Wenn Spotify wirklich gegen die Promotion von Drogen ist, müssen sie auch alle Technomusik löschen (Goashape, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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