Fliegende Toaster und andere digitale Relikte aus der Vergangenheit

Wer sucht, der findet sie sogar bei Windows 11: die Bildschirmschoner. Dabei wäre es an der Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen und die endgültig zu beerdigen.

Mit Windows 11 verschwinden einige Funktionen, die teils vor nicht allzu langer Zeit als Neuerung eingeführt worden sind. Eine davon ist die Zeitleiste. Sie wird bei Windows 10 über den Knopf Aktive Anwendungen aufgerufen, der neben dem Suchfeld in der Taskleiste zu finden ist.

Das ist bedauerlich – aber ich könnte damit leben, wenn das die Folge einer umfassenden Entrümpelungsaktion wäre. Ich denke an Dinge wie die Werbung im Startmenü, die Widgets in Windows 11, den Windows Media Player, Windows Fax und Scan, XPS, die Windows-Aktivierung, Candy Crush Saga – und noch x andere Dinge, die ich vergessen oder verdrängt habe. Fühlt euch frei, sie in die Kommentare zu schreiben.

… echt, könnt ihr es fassen? Ist es nicht unglaublich, dass die Fax-Software noch immer in Windows vorhanden ist? Andererseits, wenn man sich die Corona-Berichterstattung vor Augen führt, dann könnte es auch sein, dass Microsoft recht hat, diese kommunikative Bastion aufrechtzuerhalten und ich ein Nichtsblicker bin. Denn in Deutschland ist die Fernkopie bekanntlich ein integraler Bestandteil der Corona-Bekämpfungsstrategie. Beziehungsweise: Sie war. Per Ende 2020 müssen die Gesundheitsämter die Testresultate digital übermitteln. Ob sie es in jeden Fall tun, konnte ich nicht herausfinden.

Was so alles im Windows-Systemordner schlummert

Es gibt noch ein Ding, das auch mit Windows 11 noch nicht abgeschafft wurde. Man findet es wie bei Windows 10 nur noch, wenn man gründlich danach sucht¹ – aber dann kann es nutzen wie vor dreissig Jahren.

Ich spreche von den Bildschirmschonern. Wie Wikipedia verrät, ist das eine traditionsreiche Angelegenheit. Noch bevor es sie wirklich gab, hat Sciencefiction-Autor Robert A. Heinlein sie 1961 in seinem Buch Stranger In A Strange Land (Fremder in einer fremden Welt) beschrieben. Ich zitiere aus der deutschen Übersetzung:

Sie kehrten ins Wohnzimmer zurück. Jill setzte sich zu Bens Füssen, und sie genossen ihre Martinis. Gegenüber von Bens Sessel stand ein als Aquarium verkleideter Stereo-Fernsehtank. Ben schaltete ihn ein, und Guppys und Tetras machten dem Gesicht des allgemein bekannten Kommentators² Agustus Greaves Platz.

In Echt gab es den Bildschirmschoner dann 1983 für den IBM-PC. Geschrieben hat ihn John Socha, von dem auch das berühmte Dateiverwaltungsprogramm Norton Commander stammt – auch dieses Programm wäre prädestiniert für diese Rubrik hier. Immerhin habe ich im Beitrag Daten schieben wie anno Domini eine moderne Inkarnation des Programms vorgestellt.

Bei OLED-Bildschirmen theoretisch sinnvoll – praktisch aber nicht

Der ursprüngliche Zweck der Bildschirmschoner war es zu verhindern, dass sich bei längerer Nichtbenutzung die Anzeige in die Kathodenstrahlröhre einbrennt. Das war eine reale Gefahr bei den klassischen Röhrenmonitoren, und ich erinnere mich, dass man solchermassen «gezeichnete» Anzeigen früher gelegentlich zu Gesicht bekommen hat. Bei LCD-Monitoren ist diese Gefahr nicht mehr vorhanden. Bei OLED-Bildschirmen kann es zu einem Einbrennen kommen – aber auch bei denen bieten die Stromspareinstellungen, die den Monitor bei Nichtbenutzung abschalten, eine bessere Alternative zum Bildschirmschoner.

Mit anderen Worten: Der Bildschirmschoner hat sich überlebt. Es gibt nur noch nostalgische Gründe, ihn am Leben zu erhalten. Vielleicht, um noch einmal die Flying Toasters über den Bildschirm ziehen zu lassen. Wer erinnert sich noch an die Sammlung der Schoner aus After Dark, die ursprünglich 1989 für den Mac erschienen sind und die ein echtes Faszinosum für mich waren? Aber die waren dazu gedacht, dass Leute mit ihren Macs prahlen konnten, selbst wenn sie an ihnen keine Arbeit verrichtet haben. Heute ist auch ein teurer Macintosh kein Statussymbol mehr, sodass sich diese Funktion erledigt hat.

Und klar, manche werden nun darauf hinweisen, dass es auch sinnvolle Einsatzzwecke Bildschirmschoner gibt. Wie man Rechenleistung für gute Zwecke spendet, beschreibe ich im Beitrag Ein sinnvolles Hobby für unsere PCs und Macs. Doch auch dafür braucht es heute nicht mehr unbedingt einen Bildschirmschoner: Die Software, die zum Beispiel auf der Suche nach Ausserirdischen oder Corona-Heilmittel rechnet, kann auch als normale App ausgestaltet sein, die ihre Leistung der Auslastung des Prozessors anpasst.

Feiern wir den Fortschritt!

Man darf vermuten, dass die vielen anderen Altlasten in Windows bezüglich Dateimenge viel stärker ins Gewicht fallen als ein paar .scr-Dateien. Aber trotzdem! Feiern wir den Fortschritt, indem wir die Bildschirmschoner ebenso stolz in der Versenkung verschwinden lassen, wie wir sie damals als fliegende Toaster über unsere Röhrenmonitore gejagt haben!

Fussnoten

1) Wobei, so schwierig ist es auch wieder nicht: Man gibt ins Suchfeld Bildschirmschoner ein und klickt dann auf die Fundstelle, die das entsprechende Kontrollfeld der klassischen Systemsteuerung öffnet. Man kommt auch über den Ausführen-Befehl und die Eingabe control desk.cpl,,1 ans Ziel. Oder man sucht die ausführbaren Dateien für die Bildschirmschoner, die mit Dateiendung .scr im Ordner c:\Windows\System32\Bubbles zu finden sind.

2) Das englische Original lautet wie folgt:

Opposite his chair was a stereovision tank disguised as an aquarium; he switched it on, guppies and tetras gave way to the face of the well-known Winchell Augustus Greaves.

Was eine interessante Diskrepanz aufwirft. Was ist mit Winchell passiert und woher kommt der Kommentator in der deutschen Übersetzung? Ich werde vermutlich nicht darum herumkommen, das Buch zu lesen…

Beitragsbild: Die gute alte Zeit der schönen, originellen Bischischo (Pablo Martinez, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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