Der Kopfhörer, mit dem man wahrscheinlich nicht erschossen wird

Das drahtlose Headset G435 Lightspeed von Logitech im Test: Es ist auf lange Einsätze getrimmt und verspricht eine niedrige Latenz – und ich habe einiges an Aufwand auf mich genommen, um das zu überprüfen.

Offenbar bin ich inzwischen so eine Art Kopfhörer-Experte. Jedenfalls habe ich von Logitech ein Testgerät zur Verfügung gestellt bekommen, das schon längst einer Besprechung harrt – und heute endlich zum Zug kommt.

Extra für euch: Ein Selfie mit diesem Kopfhörer aus dem heimischen Fotostudio.

Es handelt sich um den Logitech G435 Lightspeed, für um die 60 Euro bei Amazon erhältlich ist und bei Digitec 79 Franken kostet. Er läuft in der Kategorie des Gaming-Equipments und weist daher im Vergleich zu den meisten hier getesteten Alltround-Kopfhörern einige Besonderheiten auf.

Er ist mit 165 Gramm leicht; mein Sony WH-1000XM2 kommt auf 277 Gramm, die Airpods Max von Apple sogar auf mehr als doppelt, so viel, nämlich 384 Gramm. Er hält lange durch; die Herstellerangabe beläuft sich auf 18 Stunden Wiedergabezeit.

Das Alleinstellungsmerkmal ist laut Hersteller die geringe Latenz. Bekanntlich sind Verzögerungen jeglicher Art der Feind des Multiplayer-Spielers: Damit man überhaupt eine Chance gegen die anderen Mitspieler hat, sollte das Netzwerk rasant sein; das Schlagwort dazu ist, in Anspielung an den Netzwerkbefehl Ping, der eine Verbindung austestet, low ping: Dazu muss man einiges investieren – man geht am besten per Glasfaser ins Internet, schliesst den Computer direkt per Ethernet und nicht per WLAN an, verzichtet auf VPNs und ähnlichen Schnickschnack und wählt seinen Internetprovider weise.

Rechtzeitig hören, wenn der Heckenschütze seine Waffe lädt

Damit nach all den Bemühungen das Klicken, mit dem der Heckenschütze seine Waffe durchlädt, zu spät ans Ohr dringt, braucht es entweder einen kabelgebundenen Kopfhörer oder aber ein Modell, das wenig Verzögerung aufweist.

Leicht und angenehm zu tragen, zumindest, wenn man keinen allzu grossen Kopf besitzt.

Der Logitech G435 hat zwei kabellose Verbindungsmodi:  Es gibt einerseits Lightspeed, die die maximale Geschwindigkeit ermöglichen soll. Man kann diese Technologie mit Windows-PCs, Macs und der PlayStation 4 und PlayStation 5 verwenden; dafür liegt ein USB-Dongle bei. Andererseits steht auch Bluetooth zur Verfügung. Das müsste etwas langsamer sein, doch Logitech verspricht auch dann hohe Geschwindigkeiten.

Leider habe ich in den Spezifikationen nirgendwo konkrete Angaben zur Latenz gefunden. Ich nehme an, dass die je nach Konfiguration so stark variieren, dass sich Logitech nicht auf die Äste hinauswagen will.

Ein kleiner Design-Schickschnack, der mir gut gefällt.

Um mir ein Bild der Latenz zu machen, habe ich es erst mit Audacity und der Option Eingang per Software durchschleifen (Playthrough; in den Einstellungen bei Aufnahme vorzufinden). Dabei gab es eine Verzögerung von mindestens einer Sekunde; was absolut unbrauchbar ist, aber natürlich genauso gut an Audacitywie am Kopfhörer liegen kann.

Zur Überprüfung versuchte ich es dann am Mac mit Audio Hijack von Rogue Amoeba: Das ist eine Software, die hier demnächst ausführlich zur Vorstellung gelangen wird.

Mit ihr verdrahtet man auf virtuellem Weg Klangquellen und Ausgabegeräte. Ich leite den Mikrofoneingang mit ein paar Klicks auf den Kopfhörer weiter  und bekomme die Latenz direkt auf die Ohren. Ich konstatiere einen Rückstand, der deutlich geringer ist als bei Audacity, aber geschätzt noch immer mindestens hundert Millisekunden beträgt und für meinen Geschmack zu gross ist.

Achtung – geniale Testanordnung!

Audio Hijack spielt das gleiche Signal auf zwei Kopfhörer.

Aber auch hier kann ich nicht beurteilen, wie viel Zeit die Software braucht und wie schnell die Übertragung per Bluetooth ist. Ich verfalle daher auf ein Setting, das – mit Verlaub – schlicht genial ist:

Ich verbinde sowohl meinen Sony-Kopfhörer als auch den G435 mit dem Mac, ersteren per Kabel und Klinke, zweiteren per Bluetooth. In Audio Hijack gebe ich das gleiche Signal auf beide Kopfhörer. Um beide Signale aufzunehmen, halte ich eine Muschel des Sony-Kopfhörers ans linke Stereomikrofon meines Roland R-05-Rekorders, und eine Muschel des G435 an das rechte Stereomikrofon. Dann klopfe ich aufs Mikrofon des Macs, um einen kurzen Impuls zu erzeugen.

In Audacity lässt sich der Unterschied zwischen den beiden Kopfhörern messen.

In Audacity lässt sich nun der zeitliche Unterschied messen, der demnach 0,156 Sekunden für die Bluetooth-Verbindung beträgt – für Bluetooth ist das ganz okay. Leider kann ich auf diese Weise die Lightspeed-Verbindung nicht messen, da mein Macbook keinen USB-A-Anschluss hat. Ich könnte zwar mein Mini-Dock verwenden, aber ich habe den Verdacht, dass das die Ergebnisse verfälschen würde.

Darum komme ich hier zum Schluss, es wie Logitech zu halten und keine konkreten Aussagen zur Latenz zu machen. Ich kann nämlich auch nicht garantieren, dass meine handgestrickte Testanordnung, so genial sie auch ist, wirklich bombenfeste, verlässliche Resultate produziert.

Das Kabel ist und bleibt ungeschlagen

Immerhin eine Aussage kann ich gefahrlos treffen: Was die Latenz angeht, ist eine analoge Kabelverbindung ungeschlagen. Darum finde ich es schade, dass Logitech diese Option beim G435 nicht offen hält: Beim Sony WH-1000XM2 schätze ich es, dass ich den bei Bedarf mit dem mitgelieferten Kabel auch einfach per Klinke verwenden kann.

Von den dreien ist er der kleinste, der Logitech G435 Lightspeed links. Daneben der Airpods Max von Apple und der WH-1000XM2 von Sony.

Ansonsten habe ich an dem Kopfhörer nichts auszusetzen. So leicht wie er ist, trägt er sich angenehm. Die Klangqualität ist nicht überragend, aber für den günstigen Preis absolut in Ordnung: Im Tieftonbereich hat er mich positiv überrascht, während ich ihn in den hohen Bereichen ein wenig enttäuschend finde – aber den Sound eines typischen Headsets übertrifft er allemal.

Knöpfe fürs Einschalten, die Lautstärke und das Pairing.

Nebst dem günstigen Preis hat er ein originelles Design. Es gibt Tasten fürs Ein- und Ausschalten, die Lautstärke und das Pairing und eine überzeugende Batterielaufzeit – geladen wird übrigens per USB-C.

Bei den negativen Punkten ist die Verarbeitung zu nennen; einen sonderlich robusten Eindruck macht der G435, und leider lässt er sich offenbar nicht mit der Xbox verwenden. Es gibt keine aktive Geräuschunterdrückung und die passive Isolierung gegen Umgebungslärm ist nur bei höheren Volume-Einstellungen gewährleistet (😁). Der Kopfhörer unterstützt Dolby Atmos, aber es gibt keine App, mit der sich Klangeinstellungen treffen liessen. Tomshardware.com kritisiert ausserdem, der Kopfhörer sei etwas klein für grosse Köpfe und das Mikrofon sei anfällig für Umgebungslärm.

Eine gute Wahl, ausser für Musikfans

Fazit: für die Zielgruppe eine gute Wahl. Auch für Videokonferenzen würde ich den G435 empfehlen, vor allem, weil er sich angenehm auch über längere Zeit trägt. Für Musikfans gibt es bessere Alternative – und es bleibt dabei, dass die Möglichkeit, bei Bedarf auch ein Kabel verwenden zu können, das geheime Killer-Feature eines drahtlosen Kopfhörers ist.

Nachtrag

Wie dieser Dialog auf Twitter aufzeigt, ist der Kopfhörer auch eine gute Wahl für Kinder:

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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