Vergriffene Hörbücher

Das «Audible Statistics Extractor»-Script generiert eine Übersicht aller bei Audible gekauften Titel. Mit dessen Hilfe kam ich einem seltsamen Phänomen auf die Spur – nämlich dem Geheim­nis der aus­verkauf­ten Hör­bücher.

Neulich bin ich über das Script Audible Statistics Extractor von The Modern Nomad gestolpert. Das macht etwas Sinnvolles und Naheliegendes: Es erzeugt eine Liste¹ mit allen Hörbüchern, die man bei Audible gekauft hat und verzeichnet in tabellarischer Form säuberlich Titel, Autor oder Autoren, Sprecher, bei einem Mehrteiler den Titel der Serie, Länge und Abspielposition. Titel, Autor, Sprecher, etc. sind jeweils auch verlinkt, sodass man sie per Klick im Browser aufrufen kann.

Die vollständige Liste in Excel – sortier- und filterbar.

Es gibt in der Tabelle noch weitere Felder, nämlich für Kaufdatum, Bewertung und Auszeichnung als Favorit. Diese Felder sind bei meinem Test leer geblieben, was etwas schade ist – aber den Nutzen insgesamt nicht infrage stellt. Zumal für Leute wie mich mit einer archivarischen Ader.

Und damit wären wir auch bei der Frage, die sich an dieser Stelle manche Leute stellen werden: Schön und gut, aber wieso sollte ich so eine Liste haben wollen? Schliesslich kann man seine Büchersammlung jederzeit bei Amazon einsehen.

Herr seiner Metadaten

Ich habe darauf drei Antworten:

  • Erstens ist es immer besser, Daten selbst zu besitzen: dann kann sie einem niemand wegnehmen.
  • Zweitens, weil man die Liste offline sortieren, filtern und nach Gutdünken analysieren kann, zum Beispiel nach Länge, Autor oder Sprecher.
  • Und drittens, weil man sofort sieht, wenn irgendwelche Bücher aus dem Katalog herausfallen.

Der dritte Punkt ist nicht bloss theoretischer Natur. Von meinen gut 220 bei Audible gekauften Hörbüchern sind 13 nicht mehr aufzufinden. Es handelt sich um die folgenden:

Dass diese Bücher verschwunden sind, ist in der Übersicht von Audible nicht ersichtlich: Dort erscheint die Liste nach wie vor vollständig.

Erst wenn man ein Buch anklickt, erscheint eine Meldung wie «Sorry, it looks like this title is no longer available». Mit anderen Worten: Audible will einem diesen Sachverhalt nicht unbedingt unter die Nase reiben.

Die Lücken sind sofort ersichtlich

In der vom Audible-Statistics-Extractor-Script generierten Liste sieht man die Lücken allerdings sofort: Dort ist bei nicht mehr verfügbaren Titeln nurmehr der Titel aufgeführt, es gibt jedoch keine Angaben zu Autor, Sprecher oder Länge. Allein deswegen lohnt es sich für langjährige Nutzer, sich eine Kopie zu ziehen. Denn sollte ein Buch komplett verschwinden, d.h. auch aus der Übersicht genommen werden, dann findet man das nur anhand eines eigenen Offline-Katalogs heraus.

Ist das hier ein Skandal? Es sieht erst einmal schwer danach aus, denn schliesslich kauft man bei Audible seine Bücher und mietet sie nicht bloss zum Streaming. Aber nein, es ist kein Skandal, allenfalls ein Skandälchen, weil die im Katalog nicht mehr verfügbaren Bücher nach wie vor zum Download stehen. Man darf sie auch weiterhin herunterladen und anhören.

Was treiben diese Verlage den lieben langen Tag?

Dieses seltsame Phänomen scheint eine weitere Ausprägung des Wirrwarrs zu sein, den Verlage mit ihren internationalen Vertriebsrechten anrichten.

Über das habe ich mich hier im Blog schon mehrfach ausgelassen, zum Beispiel in den Beiträgen Auch Amazon hat keine Chance und Verlags-Idioten: Es scheint so zu sein, dass auch Hörbücher vergriffen sein können und neu aufgelegt werden. Die meisten der aufgeführten Bücher sind bei Audible nach wie vor erhältlich; auch mit dem ursprünglichen Sprecher. Sie haben aber teils ein neues Cover und auch einen neuen Datenbankeintrag; «Insomnia» von Stephen King ist so ein Fall.

Es gibt aber auch Bücher, die ganz aus dem Katalog verschwunden sind. «Quest» und «Solarstation» von Andreas Eschbach sind nicht mehr über Audible erhältlich; ich habe den Titel weder bei Audible.de noch bei Audible.com gefunden.

Darüber kann ich nur meinen Kopf schütteln: Dass gedruckte Bücher vergriffen sind, leuchtet ein. Wenn die Nachfrage nachlässt, lohnt sich eine Neuauflage irgendwann nicht mehr. Da sich digitale Bücher beliebig reproduzieren lassen, wäre das die Chance, diese Lücke zu schliessen.

Das erschliesst sich mir nicht

Dass digitale Bücher quasi ausverkauft sind, erschliesst sich mir beim besten Willen nicht – nicht einmal angesichts des Umstands, dass Verlagsrechte anscheinend auch zurückgezogen werden können.

Jedenfalls habe ich Andreas Eschbach auf Twitter angefragt, was mit seinen Büchern passiert sein könnte. Er schrieb umgehend, dass er das zum ersten Mal höre und keine Ahnung habe, warum das so sei.

Das passt exakt zu der Aussage damals von Michael Ridpath, der eine Krimiserie geschrieben hat, deren letzter Teil in der Schweiz auf keinem Weg legal als Hörbuch erhältlich ist.

Das ist in niemandes Interesse: nicht im Interesse der Verlage, die Bücher verkaufen wollen, nicht im Interesse der Autoren, die ihre Werke vorallem deswegen verfassen, damit die Leserinnen und Leser sie auch erwerben können. Und es ist nicht im Interesse des Publikums, das sie gerne lesen würde…

Fussnoten

1) Um das Script zu verwenden, benutzt man am besten den Google Chrome-Browser. Es müsste theoretisch auch in Firefox funktionieren, dort habe ich es aber nicht zum Laufen gebracht.

Man öffnet dann Audible.com (ob es mit Audible.de funktioniert, kann ich nicht sagen) und wechselt zur Library (audible.com/library/titles). Achtung; mit den Listen Listen history, Purchase history und Borrow history, die unter Account zu finden sind, funktioniert das Script nicht.

In der Library angekommen, ist es sinnvoll, unten bei Show x items per page den maximalen Wert einzustellen, nämlich fünfzig: Man muss die Informationen Seite für Seite scrapen, und darum nimmt man bei jedem Lauf so viele Bücher mit wie möglich.

Nun klickt man im Menü des Chrome-Browsers auf  Weitere Tools > Entwicklertools. Es erscheint ein Panel, in dem man zur Rubrik Konsole wechselt. Dort löscht man den angezeigten Inhalt über den Knopf Konsole löschen bzw. mittels Ctrl l. Nun kopiert man den Code aus der oben verlinkten Scriptdatei in die Konsole und drückt Enter.

Das Script hat seine Arbeit erledigt und die Informationen zusammengetragen.

Das Script fängt nun an, die Informationen abzusaugen, wobei das relativ langsam geht. Die Verzögerung rührt daher, dass Audible bei zu schnellen Scrapen den Browser blockieren würde.

Ist das Scraping beendet, kann man die Ausgabeseite speichern, natürlich ganz einfach über Ctrl s im Browser. Man kann die Informationen auch über die Zwischenablage nach Excel oder in eine andere Tabellenkalkulation übernehmen. Um die nächste Seite zu scrapen, lädt man per F5 die Liste neu, blättert weiter, startet das Script erneut, bis man durch seinen ganzen Bücherbestand hindurch ist.

Es gibt einige Einstellungen im Script, die The Modern Nomad auf der Seite beschreibt; ich bin mit den Standardeinstellungen gut gefahren.

Beitragsbild: Tut mir leid, Ihr Hörbuch ist leider vergriffen! (Daniel, Unsplash-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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