Sind wir alle Sklaven unserer Smartphones?

Wenn es nach Anna Miller und ihrem Auftritt in Schawinskis Talkshow geht, sind wir Smartphone-Nutzer allesamt sucht­ge­fähr­det und auf­ge­rufen, uns abzu­nabeln. Eine meines Erach­tens falsche Eins­chätzung.

Vorgestern, am letzten Sonntag war in Roger Schawinskis «Doppelpunkt»-Podcast Anna Miller zu Gast. Es ging um unseren Umgang mit dem Smartphone – und zwar auf eine Weise, von der ich mich persönlich angegangen fühlte. Denn nach Anna Miller gehöre ich fraglos zu den bedauernswerten Kreaturen, die von den Handyherstellern in die Abhängigkeit getrieben wurden und nun als sogenannte Phombies (phone zombie) durch ihren Alltag und die Weltgeschichte getrieben werden.

Darum fühle ich mich zu einer Replik bemüssigt. Ich glaube, dass Anna Miller im Kern einige interessante Ideen hat, die in der zugespitzten Form aber unzutreffend sind. Ferner finde ich, dass genau durch diese undifferenzierte Problematisierung die Medien ihren guten Ruf verspielen, weil sie Leute zwecks Bedienung einer These in eine Ecke drängen, wo diese Leute erstens nicht sein wollen und zweitens auch nicht hingehören.

Die Motivation für ihren Feldzug gegen das Smartphone bezieht Anna Miller aus einer Selbstbeobachtung: Es geht um die Vereinnahmung, die sie an sich erlebt, ihr ungutes Gefühl, dass sie beim Pflegen ihrer 1300 Facebook-Freundschaften befällt – und um ihr ambivalentes Gefühl bei der Digitalisierung. Sie hat ausgerechnet, dass sie 20’000 Stunden vor dem Bildschirm verbracht hat. Falls ich es nicht überhört habe, gibt sie in der Sendung bei Roger Schawinski keinen Hinweis darauf, über welchen Zeitraum sie diese Zahl ermittelt hat.

20’000 Stunden vor dem Bildschirm kann ich locker übertrumpfen

Wenn ich von mir ausgehe, dann arbeite ich seit bald dreissig Jahren mit dem Computer. Ein Grossteil davon gehört zu meinem Berufsleben, darum kann man annehmen, dass ich allein mit meiner beruflichen Nutzung bei sehr konservativer Rechnung auf 50’000 Bildschirmstunden komme.

Wenn man nur das Handy in Betracht zieht, wie es Anna Miller wahrscheinlich gemeint hat, dann reden wir bei mir von 13 Jahren Handynutzung, da ich 2008 mit dem iPhone 3G zum Smartphone-Nutzer wurde (siehe Ver-apple iphönelt). So gerechnet, komme ich nur auf ungefähr die Hälfte, wenn ich den von der iOS-Bildschirmzeit ausgewiesenen Durchschnitt von unter zwei Stunden pro Tag grosszügig aufrunde und auf 13 Jahren hochrechne.

Doch schon diese Rechenbeispiele belegen, wie nutzlos diese Betrachtungsweise ist. Es macht einen himmelweiten Unterschied, ob man während seiner Nutzungszeit nur «Candy  Crush Saga» spielt oder Pornowebsites konsumiert oder es für sinnvolle Beschäftigungen verwendet. Ich rufe in Erinnerung, dass das Smartphone nicht bloss Telefon ist, sondern auch universelles Kommunikationsmittel und Lieferant für Informationen und Wissen.

Man kann mit diesen Geräten Texte schreiben, Videos und Fotos machen, Notizen und Ideen verwalten, sich in der Welt orientieren, damit Radio hören, fernsehen und spielen. Es hat im Homeoffice noch einmal ordentlich Schub erfahren, indem es für viele Arbeitnehmer zur zentralen Schnittstelle avancierte, mit der sie mit ihren Kollegen kommunizieren. Es ist  unvermeidlich, dass viele Leute viel Zeit mit dem Smartphone verbringen. Das als Indiz für eine Abhängigkeit oder Sucht zu nehmen, ist abwegig.

Nein, das Smartphone ist nicht an allem schuld

Auch die weiteren Argumente, mit der Anna Miller ihre These untermauert, haben mich kein bisschen überzeugt. Sie hat auf die Probleme hingewiesen, die wir mit den sozialen Medien, namentlich mit Instagram und Facebook haben.

Damit rennt sie bei mir offene Türen ein – aber ich halte es überzogen, diese Themenbereiche so auszuweiten, dass plötzlich das Smartphone für die mentalen Probleme verantwortlich sein soll, die Instagram bei jungen Frauen auslöst. Nein, ist es nicht. Wenn ich mir hier auch eine Überspitzung erlauben darf, dann halte ich gerne fest, dass das Buch auch kein schlechtes Medium ist, bloss weil Hitler für «Mein Kampf» einen Verlag gefunden hat.

Richtig genervt hat mich Anna Miller mit einer Nebenbei-Bemerkung, in der sie alle Eltern, die gelegentlich in Gegenwart ihrer Kinder aufs Handydisplay sehen, als schlechten Einfluss gebrandmarkt hat. Diesem Vergehen habe ich mich schuldig gemacht und ich bin heute noch ein Wiederholungstäter.

Die gute alte Rabeneltern-Nummer

Wieso auch nicht, wenn ich meine Tochter zum Spielplatz begleite, wo sie eine Freundin trifft und mit ihr spielt? Ich lasse mir von meiner Tochter auch sagen, wenn sie meine ganze Aufmerksamkeit benötigt und ich das Handy beiseitelegen soll. Was die Zugänglichkeit angeht, brauchen sich heutige Eltern gegenüber den Vorgängergenerationen wirklich kein schlechtes Gewissen einreden zu lassen. In den 1970er-Jahren, in denen ich Kind war, gab es zwar keine Handys, aber es gehörte zum guten Ton, dass die Kinder ihre Klappe hielten, wenn die Eltern beschäftigt waren.

Anna Miller gab im Podcast auch einige Tipps, wie man sich aus der vermeintlichen Abhängigkeit befreien kann: Gerät ausschalten, nicht bloss in den Flugmodus versetzen, nicht in Griffnähe haben, wenn man sich nicht ablenken lassen will, etc. Die sind per se nicht verkehrt, aber auch nicht revolutionär. Und vor allem braucht es für sie die Fundamentalkritik nicht. Mit Verlaub habe unter anderem ich das meinen einfachen Tricks gegen Smartphone-Ablenkung (Paywall), den Methoden, um Instagram (und Chasperli) in die Schranken zu weisen und den Tipps zur optimalen Konfiguration der Benachrichtigungen (Paywall) neulich vor Augen geführt.

Verbündeter, nicht Succubus

Um es auf den Punkt zu bringen: Ja, ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Smartphone will gelernt sein. Medienkompetenz und die Fähigkeit, sich abzugrenzen und Offline-Tätigkeiten zu geniessen, sind wichtig; ebenso Reflexionen zur Digitalisierung. Doch mit der impliziten Zuschreibung, die aus moderner Technologie eine Gefahr für die Zivilisation macht, bin nicht einverstanden. Und sie ist der Debatte abträglich:

Ich plädiere dafür, das Smartphone als Freund und Verbündeter im Alltag anzusehen, nicht als eine Art Succubus, dessen eigentliche Aufgabe es ist, den Nutzerinnen und Nutzern die Lebensenergie aus dem Leib zu saugen. Auch von seinen Freunden muss man sich abgrenzen, aber wenn man Zeit mit ihnen verbringt, dar man das mit Spass und Freude tun.

Zwei abschliessende Bemerkungen: Meines Erachtens gehört die Fundamendalkritik zum Geschäftsmodell von Anna Miller. Sie ist gemäss ihrer Website Mental-Health-Expertin und Chefin des Digital Balance Labs, das sich «für einen gesunden Umgang mit digitalen Möglichkeiten» einsetzt. Und da ist es ein starkes Verkaufsargument, wenn man das Smartphone nicht als Universalwerkzeug, das in der Anwendung einige Tücken hat, bezeichnet, sondern als böser König, der uns Nutzer gegen unseren Willen knechtet, und wo wir uns Auflehnung lernen müssen.

Das Smartphone ist Ausdruck menschlicher Stärken

Zweitens sehe ich einen eklatanten Widerspruch zur Selbsteinschätzung, die auf Anna Millers Website zu lesen ist. Sie sei «preisgekrönte Journalistin, Buchautorin, Positive Psychologin und Gründerin des Digital Balance Lab», schreibt sie auf ihrer Website. Roger Schawinski hat sich an der Selbstbezeichnung «preisgekrönte Journalistin» abgearbeitet, wo er sie auf die positive Psychologie hätte behaften müssen.

Die geht von einem positiven Menschenbild aus und will sich nicht an den Defiziten orientieren. Darum passt es gerade nochmals nicht, dass die Anna Miller unseren Umgang mit dem Smartphone pathologisiert. Mit einem positiven Menschenbild ist die Faszination des Smartphones mit der menschlichen Neugierde, der Freude an Kommunikation und unserer Verspieltheit hervorragend zu erklären und zu rechtfertigen.

Wenn Tech-Firmen versuchen, diese Neigungen auszubeuten, dann ist nicht das Smartphone schuld, sondern die Erwartungen der Aktionäre und die Gier der Chefs. Das Smartphone seinerseits ist in Kombination mit dem Web eine der genialsten Errungenschaften der Menschheit – und alle, die wir ein positives Menschenbild haben, zweifeln nicht daran, dass wir Menschen unseren Umgang mit ihm noch perfektionieren werden.

Beitragsbild: Sie sind alle reif für ein Coaching! (Fauxels, Pexels-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

5 Gedanken zu „Sind wir alle Sklaven unserer Smartphones?“

  1. Was Du über dich nicht erwähnt hast, Corona Pantemie geläubiger, wenn Du den Text löschen tust soweis ich Sicher was ich in schwarze getroffen hab. Beziehe mich dabei als Quelle auf Twitter.

      1. Ja deine Behauptungen stimmen natürlich auf Twitter, warst du aber nicht weisst weiss Pfizer hat seine Studien gefälscht zu ihren Gunsten.

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