Der Microsoft Store ist ein Trauerspiel

Der App Store für Windows und die Xbox wird zehn Jahre alt. Eine gute Gelegenheit für eine Bestandsaufnahme: Wie steht es um das Angebot, die Präsentation und die Bewertungen. Spoiler – mehr als besch…en.

Bei Wikipedia lese ich, dass der Microsoft Store am 13. September 2011 vorgestellt wurde. Er hiess damals noch Windows Store und brauchte noch einige Zeit, um das Licht der digitalen Welt vollends zu erblicken: Mit dem Consumer Preview von Windows 8, der im Februar 2012 veröffentlicht wurde, konnte man ihn zum ersten Mal ausprobieren.

Ich habe im August 2012, nachdem auch die Windows-8-Variante für Privatanwender am Horizont aufgetaucht ist, eine ausführliche Rezension geschrieben und zum Store nur ein paar wenige Worte verloren. In der Bildlegende heisst es: «Der Store – so gut bestückt wie ein Delikatladen in der DDR.»

Die Startseite: Seht her, auch bei uns gibt es Netflix, Prime und Spotify.

Das war eine über­heb­liche Formu­lierung für einen zu­tref­fenden Tat­be­stand: Der Store hat dem Ver­gleich zu den Smart­phone-Stores von Apple und Google nicht im Ansatz stand­halten können. Und in gewisser Weise ist das auch zehn Jahre später noch so.

Gibt es Überraschungen, Perlen, Trouvaillen?

Ich habe gestern die Probe aufs Exempel gemacht. Was hat der Store an über­ra­schenden, eindrück­lichen und unent­deckten Perlen zu bieten? Und wie gut ist die Auslage kuratiert? Denn auch wenn ich die Besprechungen von Apple im Blogpost Wie gut sind eigentlich die App-Tipps von Apple? harsch kritisiert habe, so gibt es keinen Zweifel daran, dass es bei der Konkurrenz ständig Neues zu entdecken gibt.

Auf der Startseite zuoberst: Netflix, Amazon Prime Video und Spotify. Nicht verkehrt, aber auch nicht überraschend.

Ist das die Crème de la Crème der Produktivitäts-Apps.

Daneben ein promi­nenter Eintrag, der «die besten Produk­tivitäts-Apps» verheisst. Klickt man darauf, erscheint eine Zusammenstellung mit 34 Programme, die einen durch­einander­gewür­felten Eindruck machen: Es gibt u.a. ein VPN, das ich nicht in den Bereich der Produktivität, sondern der Sicherheit einordnen würde.

Weiter stechen Photoshop Elements und Adobe Lightroom ins Auge, die ich an dieser Stelle gelten lasse, ebenso Zoom Rooms, Dropbox, Trello und Evernote.

Was haben diese Apps hier bloss verloren?

Bei WhatsApp Desktop würde ich ein dickes Fragezeichen machen; diese App zähle ich in den Bereich der privaten Kommunikation. Es finden sich einige weitere Apps im Angebot, die in einer anderen Kategorie besser aufgehoben wären. Dazu zähle ich den Bing Covid-19 Tracker, Wifi Commander, Network Speed Test und Magic Packet. Letzteres ist ein Dienstprogramm, mit dem man den Computer via Wake-on-Lan-Befehl übers Netzwerk aufweckt. Das ist ein absolutes Nischenprogramm – und garantiert keine App, die ich an dieser Stelle erwarten würde.

Immerhin; auch Slack ist im Angebot.

Schliesslich gibt es verdächtig viele Apps aus dem Grafikbereich: Nebst den beiden erwähnten Adobe-Programmen auch CorelDraw und ACDSee Photo in den Varianten Ultimate und Studio Home. Die sind natürlich für den produktiven Einsatz gedacht, aber nur für Grafikspezialisten. Ein allgemein interessiertes Publikum erwartet in dieser Kategorie Dinge für die digitale Büroausstattung, namentlich einen Kalender. Dazu findet sich eine App, nämlich One Calendar.

Zum Glück hat Microsoft die Microsoft-Apps

In der zweiten Reihe gibt es vor allem Microsoft-Apps: Ihr Smartphone, die App, die zu Windows 10 gehört, Microsoft To Do, Skype und Onenote. Man muss Microsoft zugutehalten, dass in dieser Liste auch Slack vorzufinden ist, zumal das ein direkter Konkurrent von Microsoft Teams ist, das auch in diese Liste passen würde. Etwas weiter unten Microsoft Office in den Varianten Single und Family in diese Liste.

An dieser Stelle lässt sich schon ein erstes Fazit ziehen:

Flaues Angebot

Erstens zum Angebot: Wenn das «die besten Produktivitäts-Apps» sind, dann steht es noch viel schlimmer um den Microsoft Store, als wir uns in unseren düstersten Träumen ausgemalt haben. Es fällt auf, dass….

  • Microsoft das Angebot anscheinend massiv strecken muss, um überhaupt eine Handvoll Apps in diese Kategorie zu bekommen.
  • es viele Programme gibt, die nur ansatzweise oder überhaupt nicht in die Kategorie der Produktivitätsprogramme passen.
  • Microsoft viele absolute Standardprogramme präsentiert, die alle schon kennen.

Und klar, es ist wichtig zu demonstrieren, dass die bekannten und beliebten Apps im Store vertreten sind. Aber um Leute dazu zu bewegen, immer mal wieder einen Abstecher in den Store zu machen, braucht es die neuen, innovativen und unbekannten Apps.

Lieblose Präsentation

Die Präsentation ist lieblos: Eine Aneinanderreihung von Kacheln, die nur das Programm-Icon, den Namen, eine Bewertung und den Preis zeigen.

Wenn man eine App wie zum Beispiel Group Me oder Eclipse Manager (übrigens eine Projekt-Manager-App, die mit zum interessantesten gehört, was Microsoft hier anzubieten hat) sieht, die man nicht kennt, muss man sie anklicken, um eine Beschreibung zu erhalten. Das ist umständlich und verdirbt einem sogleich die Lust, nach unbekannten Apps zu suchen.

Nichtssagende Bewertungen

Schliesslich fällt die geringe Zahl der Bewertungen auf. Viele Apps wurden von einer ein- oder zweistelligen Zahl von Leuten beurteilt: Slack – elf Leute. Photoshop Elements 2021 – eine Person. Am meisten Bewertungen haben Onenote (783) und Skype (Eintausend). Mit so kleinen Zahlen lässt sich keine verbindliche Aussage über die Beliebtheit treffen. Zum Vergleich: Slack im Google Play Store hat mehr als 105’000 Bewertungen, Skype fast 11,4 Millionen.

Wer zu spät kommt, den bestraft der User

Es bleibt die Erkenntnis, dass Michail Gorbatschow mit seinem Satz, den er nie gesagt hat, Recht behalten sollte: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Das Leben hat Microsoft hart bestraft: Auch nach zehn Jahren dümpelt der Microsoft Store an der Grenze zur Irrelevanz. Es lohnt sich einfach nicht, ihn für die Suche nach Software zu berücksichtigen, so gross die Vorteile auch wären:

  • Die Installation ist einfacher als über den herkömmlichen Weg mit manuellem Download.
  • Die Store-Apps sind sicherer, weil sie sich in den Berechtigungen einschränken und leichter entfernen lassen.
  • Und es ist viel einfacher, die angestammten Apps auf einem neuen Computer weiterzuverwenden.
Das Grundangebot ist wichtig. Doch darin sollte sich das Store-Angebot nicht erschöpfen.

Diese Vorteile vermögen die mehr als bescheidene Nutzer-Erfahrung mit dem Store nicht wettzumachen.

Ich bin gespannt, ob die Öffnung des Stores mit Windows 11 – dann wird man auch klassische Windows-Anwendungen, sowie Android-Apps darin finden – daran etwas ändern wird.

Ich glaube nicht: Denn vor allem müsste der Store selbst auch attraktiver werden. Microsoft müsste das Ziel verfolgen, einem bei jedem Besuch eine spannende, unbekannte App unterbreiten und handfeste Selektionen zu allen möglichen und unmöglichen Bereichen anbieten zu können.

Beitragsbild: Offen wäre der Laden. Nur geht offenbar trotzdem keiner rein (Mike Petrucci, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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