Das Internet der verlorenen Dinge

Nie wieder den Hausschlüssel suchen? So hoffe ich doch! Zu diesem Zweck habe mich mir einen Airtag von Apple angeschafft. Die sind technisch beeindruckend, aber auch ein wenig gruselig.

Wenn ich an dieser Stelle Apples neueste Errungenschaft bespreche, dann gehöre ich nicht gerade zu der digitalen Avantgarde. Sie ist seit dem 21. April 2021 bekannt und seit Ende April erhältlich.

Ich spreche bzw. schreibe von den fabulösen Ortungs-Medaillons, die man sich an den Schlüsselring, an den Koffer oder die Aktentasche hängen oder meinetwegen auch ans Velo (🇩🇪🇦🇹: Fahrrad) oder den Regenschirm hängen kann. Sie heissen AirTag und es gibt kein Techblog oder Youtube-Kanal, der nicht eine Besprechung über diese neue Wunder-Erfindung veröffentlicht hätte. Ausser meines – aber wie erwähnt bin ich dabei, dieses Versäumnis nachzuholen.

Teuer – aber Valium ist auch nicht gerade günstig

Der Anlass dafür ergab sich neulich, als ich zum dritten Mal innert kurzer Zeit meinen Schlüsselbund verlegt hatte und während der Suche fast einem Nervenzusammenbruch erlegen wäre. Natürlich ereignen sich solche Vorfälle immer zur Unzeit. Sie kosten Nerven und man macht sich bei den Mitbenutzern des Homeoffice unbeliebt, wenn man selbiges fluchend durchstreift und zum fünften Mal in jener Ecke nachsieht, in der man den Schlüssel schon bei den ersten vier Malen nicht gefunden hat.

Und ja – auch wenn die Airtags teuer sind, so soll es mir das wert sein, wenn sie bloss ein, zwei solcher Episoden verhindern können.

Schweizer müssten Airtags lieben

Taschenmesser und ein (arg verbeulter) USB-Stick gehören nebst dem Airtag an den Schlüsselbund.

Wenn es passieren sollte, dass ich meinen Schlüsselbund nicht in der Wohnung verlege, sondern in der freien Wildbahn verliere und dank des Ortungs-Chips wiederfinden, dann hätte sich der Kauf auf alle Fälle gelohnt.

Dieser Absicherungsgedanke ist es schliesslich auch, der den Versicherungen ihr Geschäft ermöglicht. Da wir Schweizer zur Überversicherung neigen, nehme ich an, dass sich auch die Airtags hierzulande besonders zahlreich verkaufen.

Also, zu den Preisen: Ein Stück kostet bei DQ gesalzene 35 Franken, bei Amazon 32,66 Euro. Damit ist es aber noch nicht getan. Man braucht auch eine Halterung, um ihn am aufzuspürenden Gegenstand zu befestigen. Im Fall eines Schlüsselbunds ist das ein Anhänger mit Schlüsselring, der von Apple in Leder angeboten und noch einmal edle 39 Franken kostet. Doch immerhin dazu gibt es Alternativen. Ich habe eine aus Plastik von Belkin gewählt, die für 17.90 Franken bzw. für 11 Euro zu haben ist. Total: 52.90 Franken.

Maximal einfache Inbetriebnahme

Einen neuen Airtag muss man erstens verbinden…

Immerhin bekommt man etwas fürs Geld. Nämlich eine überaus erfreuliche Installations-Experience. Man klaubt den Airtag aus der Verpackung, setzt ihn in die Halterung, hängt seine Schlüssel daran oder macht die Halterung an den vorhandenen Schlüsselring.

In einem nächsten Schritt hält das iPhone in die Nähe des Tags. Im Sperrdisplay erscheint darauf eine Art Dialog mit der Schaltfläche Verbinden.

… und zweitens benennen. Fertig.

Tippt man darauf, wird man nach dem Namen gefragt. Man kann ihm einen Standardnamen wie Schlüssel, Rucksack oder Kopfhörer geben, ihn aber auch selbst benennen. Dann wird man gebeten, die Wo ist?-App zu öffnen, über die man den Tag künftig aufspürt.

Drittens wird man an die Wo ist?-App weitervermittelt, über die man den Airtag verwaltet.

Dafür gibt es neuerdings (d.h. ab iOS/iPadOS 14.5) nebst Personen und Geräte auch die Rubrik Objekte. In der werden nicht nur die eigenen Tags aufgelistet. Es gibt auch den Befehl Gefundenes Objekt identifizieren, das einem helfen soll, einen geairtagten Gegenstand seinem rechtmässigen Besitzer zuzuführen.

Natürlich haben wir sogleich mit dem Airtag und meinem Schlüsselbund Verstecken gespielt. Und man muss schon sagen, das funktioniert auf beeindruckende Weise: In der Wohnung wird man zielsicher an die richtige Stelle gelotst. Dazu kommt der Ultraweitband-Chip (UWB) zum Einsatz, der ab iPhone 11 verbaut ist und eine Entfernungsangabe erlaubt, die am Telefon mit zehn Zentimetern Genauigkeit ausgewiesen werden.

Das Aufspüren klappt einwandfrei

Kalt … wärmer … heiss!

Wenn man ihn gedankenverloren irgendwo abgelegt hat, findet man ihn, ebenso, wenn er auf dem Sofa unter ein Kissen gerutscht ist. Der Metallschrank, in dem wir unsere Jacken haben, dämpft das Signal zwar stark. Doch wenn man daran vorbeiläuft, dann wird der Tag aufgespürt – entsprechend werde ich ihn wiederfinden, falls ich ihn mal wieder geistesabwesend in eine der Jackentaschen stecke, die ich normalerweise nie für meine Schlüssel verwende.

Das ist noch nicht alles: Der Tag kann auch aufgespürt werden, wenn er nicht in Reichweite ist, man ihn draussen verloren hat. Dann ist Voraussetzung, dass ein anderes iOS-Gerät an ihm vorbeigetragen wird.

Das dient als Relaisstation und übermittelt die Position. Auf Apples Produktseite wird das wie folgt beschrieben:

Jetzt müsstest du ihn aber wirklich sehen!

Dein AirTag sendet ein sicheres Bluetooth Signal aus, das Geräte aus dem «Wo ist?» Netzwerk erkennen können, wenn sie in der Nähe sind. Diese Geräte schicken den Standort deines AirTag an iCloud und du siehst ihn in der «Wo ist?» App auf einer Karte. Der gesamte Prozess ist anonym und ver­schlüsselt, um deine Privat­sphäre zu schützen. Und er ist effizient, damit du dir keine Gedanken über die Batterie­laufzeit oder den Daten­verbrauch machen musst.

Damit ein Gegenstand, bzw. der dazugehörende Tag aufgespürt wird, setzt man ihn in der App auf den Status Verloren.

So eindrücklich das ist, es gibt auch ein Missbrauchspotenzial, indem man den Airtag auch als Wanze brauchen kann. Um das ungewollte Tracking zu verhindern, gibt ein Airtag ein akustisches Signal aus, wenn es ausser Reichweite des Besitzers mit einer fremden Person unterwegs ist. Nutzer mit iPhone bekommen ausserdem eine Warnung aufs Display.

Missbrauch lässt sich kaum komplett verhindern

Allerdings erfolgt diese Warnung erst nach acht bis 24 Stunden, was eine lange Zeit ist, um jemandem hinterherzuschnüffeln – findet auch «The Verge». Ich fürchte, dass sich Missbrauch nicht komplett vermeiden lassen wird – denn ein findiger Hacker könnte wahrscheinlich den Lautsprecher abklemmen, sodass keine akustische Warnung möglich ist. So oder so hat Apple diese Form der Spionage nicht erfunden – sondern einfach deutlich leichter gemacht.

Trotzdem bleibt das Fazit: Technisch beeindruckend, im Alltag nützlich, ein wenig gruselig – und einmal mehr der Beweis, dass wir in einer Zeit der realen Science-Fiction leben…

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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