Wie man sich nachhaltig den Spass an Filmen und Serien verdirbt

Auf tvtropes.org kommt man den Drehbuchautoren und Regisseure auf die Spur und lernt ihre Tricks zu durchschauen: Achtung: Man sieht Filme hinterher mit anderen Augen!

Im schönen «Bits und so»-Podcast hat Timo neulich die Website TV Tropes vorgestellt. Die hat es sich zum Ziel gesetzt, den wiederkehrenden Elementen in Filmen und Fernsehen auf die Spur zu kommen. In Englisch wird ein solches Muster Tropos genannt, doch wie uns Wikipedia aufklärt, würde man in Deutsch eher von einem Topos sprechen. Ich erinnere mich vage, dass dieser Begriff während meines Germanistikstudiums gelegentlich gefallen ist. Es scheint angezeigt, ihn als Geisteswissenschaftler gelegentlich fallen zu lassen.

Doch wie auch immer man das Ding nennen mag – ich bin ein Fan von Websites, die uns helfen, die Tricks der Film- und Fernsehmenschen zu dekonstruieren. Da hilft TV Tropes nach Kräften: Man kann zu unzähligen Motiven nachlesen, in welchen Filmen sie eingesetzt wurden und beginnt, die Puzzlesteine zu erkennen, die gerne eingesetzt und rezykliert werden.

TV Tropes fasst das Themengebiet weit: Es werden slapstickartige Momente gesammelt, wie der Near Miss Groin Attack, der knapp fehlgeschlagene Angriff auf die Leistengegegend, den man in «Futurama», im Bond-Film «Goldeneye», in «Harry Potter und die Kammer des Schreckens», in «Indiana Jones und der letzte Kreuzzug» und in Dutzenden anderen Filmen, Serien, Videospielen und Animationen sieht – die jeweils nach Genre sortiert und akribisch beschrieben aufgelistet werden.

Es gibt spezielle Figuren wie Eismenschen, der böse Boss oder den Capepunk, Objekte wie die Gruselpuppe, Designmerkmale wie der Blumenmund bei einem Monster und Erzähltechniken wie der Zeitsprung oder das unerwarete Ende, Twist Ending genannt. Das Informationsangebot ist erschlagend – man kann auf gut Glück nach Themen suchen, aber am einfachsten steigt man über den Index ein.

Oder, wenn man sich gerade einen Titel zu Gemüt führt, kann man sich ansehen, welche bekannten Motive dort auftreten. Zufälliges, für den Einstieg geeignetes Beispiel etwa: The Big Lebowski

Wehe, wenn die Dekonstruktion beginnt!

Und natürlich: Wenn man hinter die Kulissen blickt, besteht die Gefahr, sich nachhaltig den Spass zu verderben. Wer zu viel weiss, schafft man es womöglich nicht mehr, sich beim Film- und Seriensehen der Handlung und Spannung hinzugeben, sondern fängt an, die Dinge analytisch zu hinterfragen: Man sucht nach bekannten Mustern und wird ohne Zweifel vielen Kabinettstücken von Drehbuchautor und Regisseur auf die Schliche kommen. Doch wer den Trick des Zauberers kennt, ist nicht mehr hin und weg.

Darum seid gewarnt – denn mir ging es schon früher so. Zum Beispiel habe ich in diesem Blogpost hier gelesen, dass man die Figuren auf zwölf grundlegende Funktionen zurückführen kann: Der Protagonist bzw. der handelnde Held, der Antagonist, sein Gegenspieler, der Deuteragonist als zweite Hauptfigur, also zum Beispiel der Dr. Watson neben Sherlock Holmes, gefolgt vom Tertiär als Nummer drei auf der Seite der Guten.

Hinzu kommen einige weitere Typen, namentlich der Mitwisser, das Objekt der Begierde (Love interest) und der Foil. Er ist nicht der eigentliche Gegenspieler, aber eine Figur, die dem Helden in die Quere kommt. Beispiel: Draco Malfoy in Harry Potter.

Die Figuren aus der Vorratskammer

Eine weitere Einteilung unterscheidet, wie sich eine Figur im Lauf der Geschichte entwickelt, oder eben nicht. Demnach ist eine Figur dynamisch oder statisch. Es gibt symbolische Charaktere, die ein abstraktes Konzept verkörpern, zum Beispiel eine Einsicht oder Erkenntnis. Es gibt runde Figuren mit ausgearbeitetem Charakter und Hintergrundgeschichte und im Gegensatz dazu die «Stock character». Das sind Figuren, die nicht unbedingt «flach» und klischiert erscheinen müssen, aber eine bestimmte Rolle haben: der Mentor, der Berater, der Irre, etc.

Zwölf archetypische Charaktere

Die Stock character führen uns zu den Archetypen, die einerseits den Charakter einer Figur beschreiben, andererseits auch mit der Rolle und Funktion zu tun haben. Hier findet man zwölf Stück:

Natürlich der Liebhaber – er sollte nicht allzu schwer zu erkennen sein. Eben sowenig der Held oder der Magier. Etwas schwieriger wird es beim Geächteten – ein Rebell wie Han Solo oder Batman. Es gibt den Entdecker wie Huckleberry Finn, der Weise, der Unschuldige und Reine, der Schöpfer, Fürsorger, Jedermann und der Narr – wie Costanza in Seinfeld oder R2D2 und C-3PO in Star Wars.

Wenn wir bei dem Wissen sind, das einem den Filmgeschmack nachhaltig verderben kann, dann ist es auch Kenntnis über das Konzept der Heldenreise in Film und Literatur.

Sie erfolgt anhand festgelegter Stationen, wobei Wikipedia hier 17 Etappen aufzählt, angefangen bei der Berufung, über die Weigerung, die übernatürliche Hilfe und das Überschreiten der ersten Schwelle. Wenn man die einmal durchgelesen hat, kann man fast nicht mehr anders, als bei jedem Film und jeder Geschichte die Anzeichen zu erkennen, welche Etappe nun gerade angefangen hat…

Beitragbild: Held und Love interest. Oder umgekehrt (Cottonbro, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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