Microsoft: Typografische Pionierarbeit ist das nicht

In Office gibt es demnächst eine neue Standardschrift. Ich habe mir die Kandidaten angesehen und hätte mir etwas mehr Mut gewünscht. Bei der Gelegenheit habe ich übrigens noch eine weitere typografische Neuerung entdeckt: Die Cloudfonts.

Calibri heisst die Schrift, die seit 2007 in Word standardmässig eingestellt ist: Sie erscheint bei jedem neuen Worddokument, das ein Nutzer anlegt – zumindest so lange er keine eigene Vorlage auswählt oder die Schrift abändert.

Doch die Calibri hat ausgedient: Microsoft hat fünf Schriften in Auftrag gegeben, aus denen der Nachfolger gekürt werden soll. Die heissen Tenorite, Bierstadt, Skeena, Seaford und Grandview und werden hier im Detail beschrieben.

Leider hat Microsoft es verpasst, sie mit in grösseren Beispielen abzubilden, damit man sie sich auch ansehen kann. Und deswegen bin ich neulich auf die Idee verfallen, einen Blick ins Schriftarten-Menü von Word zu werfen. Worauf ich dann gleich zu sprechen komme.

Wird die neue Schrift überhaupt jemandem auffallen?

Jedenfalls habe ich in diesem Schriftarten-Menü die neuen Fonts tatsächlich entdeckt und sie ausprobiert – siehe Beitragsbild. Die Unterschiede springen nicht ins Auge, auch nicht zum Vorläufer, der Calibri. Den meisten Office-Nutzern dürfte der Wechsel noch nicht einmal auffallen, was wohl auch Sinn der Sache war. Andererseits kann man sich fragen, was dann der Aufwand soll.

Was mich angeht: Die Skeena gefällt mir am wenigsten. Die Tenorite halte ich für ungelenk und die Xena lässt mich kalt. Die Seaford würde mich nicht stören und die Bierstadt wäre auch okay, wenngleich etwas gar Helvetica-haft. Darum würde es sich für mich zwischen der Bierstadt und der Grandview entscheiden – wobei ich letztere noch etwas mutiger finde.

Diese Meinung habe ich auch auf Twitter kundgetan, sodass abzuwarten bleibt, om Microsoft meinem Urteil folgt.

Jedenfalls habe ich bei diesem Blick ins Schriftarten-Menü noch etwas anderes festgestellt. Nämlich, dass dort neuerdings bei manchen Schriftarten am rechten Rand ein kleines Wolkensymbol vorzufinden ist. Das sind Fonts, die in den anderen Programmen nicht zur Verfügung stehen, was unweigerlich zum Schluss führt, dass sie nicht vom Betriebssystem, sondern von der Cloud zur Verfügung gestellt werden.

Cloudfonts machen den Datenaustausch einfacher

Diese Cloudfonts – hier einige Details zur Verfügbarkeit – funktionierten genau, wie erwartet: Man wählt sie aus und sogleich stehen sie zur Verfügung. Als Nutzer stellt man keinen Unterschied zu den lokal installierten Schriftarten fest.

Die Schriften mit dem Wolkensymbol sind nicht lokal installiert.

Ob die Cloud-Schriftarten benutzt werden sollen, darf man als Nutzer selbst festlegen. Dazu klickt man in einer beliebigen Microsoft-365-Anwendung auf Datei, dann bei Kontodatenschutz auf den Knopf Einstellungen verwalten. Hier muss dann Erfahrungen, die Onlineinhalte herunterladen an- oder abgekreuzt sein.

Fazit: Eine grundsätzlich sinnvolle Neuerung, bei der man sich allerdings wünschen würde, dass sie nicht in Office einzug gehalten hätte, sondern gleich ins Betriebssystem eingebaut worden wäre. Dann würden die neuen Schirften nämlich nicht nur in Office, sondern global zur Verfügung stehen – und genauso müsste es auch sein.

Trotzdem ist es erfreulich, dass nun eine grosse Gefahr beim Datenaustausch ausgemerzt wird. Denn mit den lokal installierten Schriften kommt es immer wieder vor, dass ein Dokument, das an eine andere Person weitergegeben wird, beim Empfänger anders aussieht als beim Absender.

Das passiert dann, wenn vom Absender verwendete Schriftarten beim Empfänger nicht vorhanden sind. Das kann dazu führen, dass der Zeilen- oder Seitenumbruch durcheinandergerät oder dass das Dokument schlecht oder komplett unleserlich wird. Denn die Software ersetzt fehlende Schriftarten automatisch durch vorhandene. Sollte sie bei dieser Substitution eine ungünstige Wahl treffen, wird die Ästhetik, die Lesbarkeit oder beides beeinträchtigt.

Publishing-Dramen und Heulkrämpfe

Diese Stolperfalle hat früher selbst im professionellen Publishing immer wieder zu Pannen und Dramen geführt, indem solche Dokumente mit fehlenden Schriftarten von einem unaufmerksamen Drucker in grossen Stückzahlen reproduziert worden sind, bevor jemand den Fehler bemerkt und einen Heulkrampf bekommen hat. Eine weitere Folge dieses Problems war unsere in der Fachzeitschrift «Publisher» gebetsmühlenartig wiederholten Empfehlung, solche zum Druck bestimmte Dokumente nicht als offene Dateien, sondern als PDFs mit eingebetteten Schriftarten weiterzugeben.

Abgesehen davon haben wir auch immer empfohlen, professionelle Drucksachen nicht in Word oder einer anderen Office-Software zu basteln, sondern in einer richtigen Layoutsoftware.

Gut, nachdem wir festgehalten haben, dass bei einer vernünftigen Arbeitsweise das Schriftarten-Menü annähernd überflüssig ist, gelangen wir nun zur Feststellung, dass ich dieses Menü neulich trotz aller guter Vorsätze angeklickt habe.

Womit wir bei der abschliessenden Empfehlung wären: Es ist für den Nutzer eines Office-Programms grundsätzlich ein Vorteil, wenn er möglichst viele Schriften zur Verfügung hat und nicht alle seine Dokumente in Arial oder Comic Sans zu formatieren braucht. Trotzdem sollte man das Schriftarten-Menü wann immer möglich meiden. Und zwar genauso, als ob man einen leichten Stromschlag bekäme, wenn man es trotzdem anklickt.

Verschwendet eure Zeit nicht mit überflüssigen Formatierereien!

Ich tue das, weil ich versuche, möglichst viel Zeit in den Inhalt meiner Dokumente zu investieren und mich möglichst wenig mit Formatierungs-Kleinkram zu beschäftigen. Ganz im Sinn meiner Tirade Wer in Textverarbeitungs-Abgründe geblickt hat, die erklärt, warum die Leute in ihren Textverarbeitungsprogrammen die völlig falschen Prioritäten setzen.

Mein Vorsatz lautet, niemals eine Schriftart manuell über das Schriftarten-Menü zuzuweisen. Stattdessen verwende ich eine passende Vorlage für mein Dokument, in der die notwendigen Formate bereits hinterlegt sind. Entweder habe ich diese Vorlage selbst gebastelt. Oder jemand, der etwas von Typografie versteht, hat das für mich getan.

Der häufigste Fall ist allerdings, dass ich mich überhaupt nicht um das Aussehen meines Dokuments kümmere. Denn ich erfasse in aller Regel ein Manuskript, bei dem das Aussehen egal ist. Es landet zum Zweck der Gestaltung und Veröffentlichung, nämlich in einer Layoutsoftware oder in einem Content-Management-System.

Zum versöhnlichen Abschluss…

Trotzdem, als versöhnlicher Abschluss der Hinweis, dass es schöne Vorlagen auch im Netz gibt: hier für Microsoft Office und hier für Open Office. Übrigens: Man kann diese Vorlagen auch in der jeweils anderen Textverarbeitung nutzen, und viele Vorlagen für speziellere gestalterische Wünsche oder inhaltliche Belange findet man auch via Google.

(Und wenn ich nun ganz gemein wäre, würde ich an dieser Stelle fragen, wer sich noch an den Adobe Type Manager erinnern mag…)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Microsoft: Typografische Pionierarbeit ist das nicht“

  1. Wie ist das eigentlich bei den freien SChriften wie Liberation Sans und Liberation Serif? Gibt’s die noch auf Windows bzw. MS Office? Sie waren doch auf allen möglichen Systemen installiert (MS Office und LiberOffice!), darum kompatibel.

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