Die nachfolgenden Sendungen verzögern sich wegen einer technischen Panne

Mit der Open-Source-Software OBS Studio produziert man fernsehreife Streaming-Shows und Videokonferenzen. Wenn man sie denn zum Laufen bekommt.

Neulich habe ich die lustige ManyCam-App vorgestellt. Sie ist gewissermassen ein virtueller Bildmischer, mit dem man diverse Bild- und Audioquellen zu einem Videofeed zusammenführt, den man live streamt, aufzeichnet oder in eine Videoconferencing-Anwendung einspeist. Eine solche App ermöglicht es, nicht bloss ein statisches Signal, zum Beispiel von einer Webcam, auszugeben, sondern einen produktionstechnisch aufgewerteten Mix, in dem man zum Beispiel zwischen mehreren Kameras umschaltet.

Nun hat man mir auf Twitter zu verstehen gegeben, dass ich besser OBS Studio getestet hätte. Das ist eine Software, die ungefähr das gleiche tut, aber Open-Source und damit gratis ist.

Wie es der Zufall will, bin ich dieser Software – das Kürzel OBS steht für Open Broadcaster Software – vor kurzem begegnet. Ich habe nämlich eine Software zum Aufzeichnen des Bildschirminhalts bei Windows gesucht. Ich verwende zwar normalerweise Hypercam (Beim Fensterln mitfilmen), doch da bei dieser Software die Lizenz an die Hardware gebunden ist, wird es überaus mühsam, wenn man sie auf einem Testgerät einsetzen möchte.

In meinem Fall hat das nicht funktioniert: Beim HP-Laptop (Spectre x360 15) hat das nicht funktioniert, weil aus unerfindlichen Gründen die Bildschirmaufnahme schwarz blieb. Das ist offenbar ein häufiges Problem von OBS und hat dazu geführt, dass ich die Finger von dieser Software gelassen habe. Doch nachdem ich auf Twitter erfahren habe, dass man unter glücklicheren Umständen sehr gut mit ihr arbeiten kann, habe ich sie auf meinem Mac installiert und fröhlich einen neuerlichen Versuch gewagt.

Zum Loslegen braucht man erst einmal eine Videoquelle

Die Vorgehensweise um loszulegen, ist nicht superintuitiv, erschliesst sich einem aber doch recht schnell: Man wendet sich als Erstes dem Panel Quellen zu, das man im Hauptfenster am unteren Rand vorfindet. Dort definiert man ein Eingangssignal, dass man in seinen Feed einspeisen kann.

Es gibt ein gutes Dutzend solcher Quellen: Bild, Bildschirmaufnahme, Browser, Diashow, Farbquelle, Fensteraufnahme, Medienquelle, Siphon-Client, Szene, Text, VLC-Videoquelle und Videoaufnahmegerät.

Ich probiere es mit Bildschirmaufnahme, weil ich mir davon die Möglichkeit verspreche, meinen Desktop zu zeigen. Doch wie bei Windows bleibt das Bild schwarz. Ich beginne an mir zu zweifeln: Mache ich etwas falsch?

Ich wage probehalber einen Versuch mit Fensteraufnahme. Sie müsste ähnlich funktionieren, mit dem Unterschied, dass nicht der ganze Bildschirm, sondern nur ein einzelnes Fenster eingefangen wird.

Meine Programmfenster wollen nicht gestreamt werden

Das funktioniert ein bisschen: Ich kann auf diese Weise das OBS-Fenster selbst einfangen, sowie die Menüleiste des Mac und das Hintergrundbild. Doch die anderen aktiven Fenster lassen sich nicht auswählen: Weder Word noch Firefox tauchen in der Liste mit den Fenstern auf.

An dieser Stelle stellt sich ernsthaft die Frage, ob ich zu doof für dieses Programm bin. Doch mit anderen Quellen funktioniert es genau wie erwartet:

  • Über Bild blende ich eine einzelne Grafikdatei ein, über Diashow lassen sich mehrere Bilddateien oder Ordner mit Bildern auswählen, die dann nacheinander im gewählten Intervall und mit einem hübschen Überblendeffekt angezeigt werden.
  • Auch die VLC-Videoquelle enttäuscht mich nicht: Der ausgewählte Videoclip erscheint im Feed und lässt sich als frei platzierbares Element neben dem Bild und der Diashow im Feed anordnen.
  • Über die Quelle Videoaufnahmegerät blende ich das Signal der Facetime-Kamera meines Macbooks ein – und in der Auswahlliste mit den Geräten erscheint auch der Treiber für die EpocCam (siehe Das Smartphone als Webcam: Wie es funktioniert und was es bringt) und die Mancam Virtual Webcam.

Ich war nun kurz davor, zur Erkenntnis zu gelangen, dass OBS Studio theoretisch eine durchdachte Software ist, die praktisch aber nicht mit mir oder meinen Geräten kooperieren möchte. Ich habe sie darum geschlossen und mir vorgenommen, später noch einen Versuch zu wagen und mir dann ein Urteil zu bilden.

Ein lustiges Versteckspiel mit Mac OS

Ach, sieh an!

Und wisst ihr was? Nachdem das OBS-Fenster verschwunden war, kam dahinter eine unscheinbare Dialogbox von Mac OS zum Vorschein. Die fragte mich nach meiner Erlaubnis zur Bildschirmaufnahme für OBS Studio. Die wird in den Systemeinstellungen bei Sicherheit im Reiter Datenschutz gewährt.

Nachdem ich diese Berechtigung erteilt hatte, funktionierte sowohl die Bildschirm- als auch die Fensteraufnahme. Wir lernen: Ich bin zum Glück nicht zu doof für OBS, aber bei der Prüfung zum Mac-Führerschein wäre ich wohl durchgefallen.

An dieser Stelle drängt sich ein kleines Fazit auf: OBS Studio funktioniert, wenn man die Einstiegshürden übersprungen hat, ausgezeichnet. Man baut sich aus den diversen Eingangsquellen einzelne Szenen zusammen, die man während des Streamings oder der Konferenz zur Verfügung hat und zwischen denen man per Mausklick oder Tastaturkürzel umschaltet.

Etwas ausführlicher beschrieben: Eine Szene ist ein vorgefertigtes Layout mit einer oder mehreren Quellen. Die Quellen kann man positionieren und skalieren, wie man möchte.

Aus Quellen werden Szenen

Für ein Tutorial würde man zum Beispiel eine Szene einrichten, in der nebeneinander das Programmfenster zu sehen ist, in dem man etwas zeigen möchte, plus das Kamerabild, das einen als Sprecher zeigt. Zusätzlich würde man eine Szene für die Kamera im Vollbild haben wollen, damit man sich ans Publikum richten kann und die ungeteilte Aufmerksamkeit geniesst. Falls man mehrere Kameras benutzt, könnte man diese als separate Szene einbinden und ebenfalls direkt oder mit  Überblendung hin und her wechseln: Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Schliesslich hat es doch noch geklappt. (Und nein, das ist kein Tutorial, das wirklich existiert.)

Noch einige Tipps und Beobachtungen:

  • Es gibt die Möglichkeit, auch Textelemente zu platzieren. Die haben aber den Nachteil, dass sie weder eine Kontur zulassen noch Schatten werfen oder den Hintergrund abdunkeln. Das heisst, dass sie schwer oder gar nicht zu lesen sind. Falls der Hintergrund wechselt und man nicht die Farbe entsprechend anpassen will, würde ich empfehlen, die Einblendung als Bilddatei parat zu halten.
  • Auf jede Quelle kann man einen Filter platzieren, um zum Beispiel Helligkeit oder Transparenz zu verändern.
  • Natürlich kann man auch den Sound mixen. Wenn man beim Mac das System-Audio einfangen will, braucht man aber einen Extra-Treiber, zum Beispiel Audio Hijack oder Blackhole (vormals Soundflower), siehe hier.
  • Rechts bei Steuerung kann man seinen Stream oder aber die Aufzeichnung starten; OBS eignet sich somit auch fürs Screenrecording.
  • Natürlich sollte die Software beim Streaming selbst nicht im Bild sein. Man kann die Software auf einen eigenen virtuellen Bildschirm versetzen. Praktischer ist aber natürlich ein separater Bildschirm, beispielsweise via Sidecar. Siehe dazu Die drittbeste Lösung bei zu vielen Fenstern.

Für Zoom und Skype brauchts Extra-Verrenkungen

Fazit: Eine gute Software, die man sich auch auf Verdacht hin installieren kann. Um die Software in Videokonferenzen zu verwenden, sind allerdings zusätzliche Verrenkungen nötig. Man muss eine Software installieren, die den Feed als virtuelle Kamera an Zoom, Skype, etc. weitergibt. Das habe ich bislang nicht ausprobiert, aber hier gibt es weitere Informationen zu OBS Virtualcam.

Im direkten Vergleich finde ich ManyCam einfacher und unkomplizierter in der Verwendung und umfangreicher im Funktionsumfang. Einblendungen (Bauchbinden) lassen sich beispielsweise viel einfacher, eleganter und eindrucksvoller realisieren. Aber dafür ist OBS kostenlos und Open-Source.

Beitragsbild: Das hier, nur in Softwareform (Mike Meeks, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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