Eine App, bei der es mir in den Fingern juckt

Eine geheime, unerfüllte Leidenschaft meinerseits ist die Produktion eines Animationsfilms. Das Equipment und Ideen sind vorhanden und auch die passende App ist auserkoren. Jetzt fehlt nur noch etwas.

Kinder wecken Erwartungen bei ihren Eltern: Manche wünschen sich, dass ihre Söhne und Töchter zu irgendwelchen Höhenflügen ansetzt: Akademische Grade erringt, in der Armee mindestens den Rang des Korpskommandanten erreichen, in eine adlige Familie einheiraten oder in Hollywood durchstarten – irgendetwas in der Art.

Ich bin in dieser Sache weniger spezifisch. Ich bin zufrieden, wenn der Nachwuchs keine arschlochhaften Charakterzüge entwickelt, sondern sich als senkrechtes menschliches Wesen entpuppt. Was, bei Licht betrachtet, auch kein kleiner Wunsch ist. Nebenbei hoffe ich ausserdem noch, dass ich meine Tochter irgendwann dafür begeistern kann, mit mir einen Stop-Motion-Film zu drehen.

Wie beschrieben habe ich in meiner Jugend noch das Medium des Super-8-Films miterlebt. Bei dem waren die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten im Vergleich zur heutigen Handykamera  primitiv. Doch mit manchen Kameras konnte man einzelne Frames belichten. Das fand ich extrem faszinierend: Mit Lego eine Szene aufbauen und die Männchen Frame für Frame zum Leben erwecken? Genial!

14 Sekunden sind ein Anfang

Darum habe ich vor, mit meiner Tochter einen solchen Film zu drehen. Einen ersten Gehversuch haben wir unternommen. Doch mehr als ein paar Augenblicke hat das Werk nicht gedauert. Denn auch für die 14 Sekunden mussten wir einigen Aufwand investieren. Und wie es so ist mit diesen Kindergartenkindern: Sie verlieren das Interesse. Aber wie gesagt: Ich hoffe, dass sie irgendwann mal gleich viel und lange Spass daran hat wie ich.

Für den Film habe ich das iPhone 11, den Pivo Pod und die App Stop Motion Studi‪o‬ benutzt. Das Prinzip ist das gleiche wie zu Analogzeiten: Man baut eine Szene, macht ein Foto, verändert eine Winzigkeit, macht ein Foto, verändert wieder eine Winzigkeit. Und so weiter. Hintereinander abgespielt, entstehen aus den Fotos mit eingefrorenen Momenten durch die Magie des Films eine bewegte Szene.

Foto für Foto entsteht ein Meisterwerk.

Die App macht die Fotos und baut sie dann zum fertigen Film zusammen – natürlich mit all den digitalen Möglichkeiten, bei denen man den Fortschritt des Projekts jederzeit inspizieren und verunglückte Aufnahmen löschen und neu machen kann.

Es gibt diverse Einstellungsmöglichkeiten, zum Beispiel zum Seitenverhältnis und zur Auflösung.

Wie ruckelig darf es sein?

Und wichtig: Die Framerate. Sie bestimmt, wie schnell der Film abgespielt wird und wie viele Bilder man pro Sekunde machen muss. Je mehr es sind, desto flüssiger läuft der Film. Aber desto aufwändiger wird die Produktion auch, weil man viel mehr Einzelaufnahmen machen muss. Für Lego- und Playmobilfilme scheint mir eine Framerate von sieben bis zwölf Bildern ausreichen: Die müssen nicht ultra-lebensecht wirken, sondern dürfen ein bisschen ruckeln.

Die Einstellungen zur Anzahl Frames pro Sekunde.

Mit der App kann man seine Szenen auch ein- und ausblenden und Effekte 12auf die Aufnahme legen. Das würde ich allerdings in einer Schnittsoftware erledigen, weil man dort mehr Möglichkeiten hat – aber nicht alle sind so perfektionistisch wie ich.

Pro-Funktionen für den Animationsregisseur von Welt

Stop Motion Studio ist kostenlos, doch für einen In-App-Kauf von 5 Franken kann man diverse praktische Funktionen freischalten:

  • Green Screen. Mit dieser Technik lässt sich der Hintergrund austauschen. Eine überaus nützliche Funktion, aber auch nur für die ambitionierteren Zeichentrickfilmer unter uns.
  • Remote Kamera. Per WLAN steuert man in der App ein zweites Gerät, das die Aufnahmen macht. Das macht das Filmen komfortabler, indem man die Kamera frei platziert und vom Regiestuhl aus am iPad die Szene überwacht und steuert.
  • Malfunktionen. Mit Pinsel und Stift stattet man seine Aufnahmen mit zusätzlichen Elementen aus und zeichnet Sprechblasen oder Geschwindigkeitslinien ein: natürlich superlustig, aber auch echt arbeitsintensiv.
  • Gesicht. Mit der Funktion bringt man seinen Figürchen die Mimik bei. Das wertet die Ausdruckskraft massiv auf, wenn man Lego-, Playmobil-Figürchen oder Gliederpuppen als «Schauspieler» beschäftigt. Wie aufwändig es ist, bzw. wie viel einem die Software an Animation abnimmt, habe ich nicht ausprobiert. Aber ohne Zweifel ist das ein Gebiet, bei dem ein kluger Algorithmus Wunder bewirkt.
  • Hilfslinien. Die sind im Bild nicht zu sehen, sondern helfen bei der Planung und Gestaltung des Films.
  • 4k-Auflösung. Nötig oder überflüssig? Ich denke, wenn man sich schon die Arbeit macht, wieso den Film nicht gleich in maximaler Qualität ausspielen?
  • Import. Man holt sich vorhandene Fotos aus der Mediathek.
  • Ton- und Filmeffekte. Wiederum etwas, das man auch in der Schnittsoftware tun könnte. Ebenso die Filmtitel und Abspänne.

«Onion Skinning»

Ein Tipp noch: Während der Aufnahme ist es möglich, das Live-Kamerabild mit dem letzten Foto zu überblenden: Auf diese Weise sieht man, wie gross die Veränderung zwischen den beiden Frames ist und kann eine Aufnahme gut planen. Die Funktion hilft auch zu überprüfen, ob man alle notwendigen Veränderungen zum vorherigen Bild vorgenommen hat. Auch möglich: Eine Überblendung mit den letzten x Fotos, sodass man die Bewegung abschätzen kann.

Diese Funktion findet sich im Kameramenü am linken Rand beim Schieberegler. Er steuert den Grad der Überblendung: Steht er ganz oben, ist das Kamerabild voll sichtbar. Zieht man ihn nach unten, erscheint die letzte Aufnahme. Darunter ist übrigens der Knopf für den Gitterlinien-Editor zu finden.

Fazit: Eine tolle App, bei der es mir sogleich in den Fingern juckt. Da ich weiss, wie aufwändig Filme sind, bei denen man nur sich selbst ins Bild rückt und nicht noch als Animateur tätig wird, werde ich nichts überstürzen. Aber falls es mir gelingt, meine Nachkommenschaft mit meiner Leidenschaft anzustecken, wird irgendwann ein lustiges Filmchen aufschlagen – allerdings eher später als früher.

Eine Handvoll Alternativen

Alternative, mit denen ich auch gerne arbeite, sind iStopMotion (10 Franken fürs iPad), Flipaclip (gratis für Android) und Animation Desk (kostenlos, mit In-App-Käufen fürs iPad).

Die erste App ist vom Funktionsumfang vergleichbar. Die zweite ist indes für Künstler gedacht, die gewillt sind, sich in den Olymp der klassischen Zeichentrickfilmanimation aufzuschwingen: Mit dieser App zeichnet man seine Werke, Einzelbild für Einzelbild. Ich habe diese App im Beitrag «So werden Fotos lebendig» am 14.10.2015 im «Tagi» wie folgt vorgestellt:

Animation Desk funktioniert ähnlich, wobei in dieser App (für Android und iPad) die Bilder nicht fotografiert, sondern am Touchscreen mit virtuellem Pinsel, Farb- oder Wachsstift gezeichnet werden. Auch hier kann man vorherige Bilder überblenden, um mit jedem Bild ans vorherige anzuschliessen.

Diese App gestattet es, Hintergrund, Mittelfeld und Vordergrund ­separat zu zeichnen: Der Hintergrund kann dabei für eine Szene unverändert bleiben und auch aus einer fotografierten Szene bestehen, sodass nur die ­Figuren Bild für Bild neu gezeichnet werden müssen. Bild für Bild Filme zu erstellen, ist eine Geduldsprobe.

Beitragsbild: Zugegeben, damit legt man die Latte schon sehr hoch (Skitterphoto, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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