Etwas mehr Google’scher Digitalsierungswillen, bitte!

Es gibt hierzulande viele schöne Archive für Fotos, Videos und Tonaufnahmen. Die Präsentation dieser Schätze lässt aber leider sehr zu wünschen übrig.

Wenn mich die Nostalgie überkommt, dann neige ich dazu, in alten Fotoarchiven zu stöbern. Da ist zum Beispiel das Bildarchiv der ETH-Bibliothek oder, speziell für Winterthurer Belange, das Bildarchiv der Winterthurer Bibliotheken.

Die Bildersammlung der ETH Zürich: Hier hat man die Möglichkeit, die Fotosuche nach Zeitperiode einzugrenzen.

So toll es ist, dass es diese Archive gibt, so wenig beglückt bin ich über die Präsentation der Bilder. Zum Beispiel die Weboberfläche des Winterthurer Bildarchivs: Dass sie nicht für Mobilgeräte und kleine Bildschirme optimiert ist, lässt sich noch verschmerzen.

Doch ich würde mir wünschen, dass sich die Grösse der Vorschaubilder anpassen liesse. Die Thumbnails mit einer langen Kante von um die 200 Pixeln sind etwas gar klein, sodass ständig zwischen der Bildliste und der Einzelansicht hin und her wechselt: Wenn man wenigstens die Escape-Taste drücken könnte, um die Voransicht zu schliessen.

Besonders unbefriedigend ist die Suchfunktion. Sie liefert Resultate in einer Sortierung, die offenbar nicht beeinflussbar ist. Mir ist noch nicht einmal klar geworden, in welcher Reihenfolge die Bilder überhaupt angezeigt werden. Vermutlich in der Reihenfolge ihrer Erfassung.

Für eine Eingrenzung der Resultate hat man die Möglichkeit, den Suchbegriff durch Angaben in den Datenbankfeldern (Titel, Autor, Strasse, Hausnummer, Stadtkreis, Ort, Person, Schlagwort, Jahr bzw. Datum, Material – was immer das heisst) zu ergänzen. Das ist erst einmal nützlich, auch wenn man sich sogleich fragt, ob man bei Jahr nicht nur eine einzelne Angabe, sondern auch einen Bereich, zum Beispiel 1970-1980 oder >2000 angeben kann. Falls das möglich sein sollte: Ich habs jedenfalls nicht geschafft.

Und ja, mir ist klar, dass ich erstens auf hohem Niveau jammere und zweitens vom Silicon-Valley-Habitus verdorben bin. Es sind diese amerikanischen Tech-Firmen, die uns dazu gebracht haben, unsere Erwartungen ins Unermessliche zu schrauben: Warum, so habe ich mich gefragt, hat man diesen Fotobestand nicht über eine Kartenansicht zur Verfügung, in der man Strasse für Strasse sieht, welche Aufnahmen verfügbar sind?

Man sieht, Google Streetview hat mich nachhaltig verdorben. Und geholfen hat auch nicht, dass ich vor Kurzem der Website 1940s.nyc begegnet bin. Auf der gibt es «Street View of 1940s New York»: Man sieht eine Karte, auf der die alten Fotos als Punkte eingetragen sind und kann sich so quasi auf einen Stadtbummel durch die Vergangenheit machen. Und ja, selbst das alte New York ist nicht lückenlos abgebildet, wie das dank Googles Foto-Autos heute möglich ist. Aber es ist doch erstaunlich, wie viele Punkte es auf der Karte gibt.

Jeder Punkt ein Foto – ein Stadtbummel durch das vergangene New York City.

Klar: Der grosse Aufwand besteht nicht darin, eine moderne Bilddatenbank zu evaluieren,  mit der man solche alten Fotobestände etwas zeitgemässer präsentieren könnte. Die eigentliche Arbeit besteht darin, die Fotos richtig zu verschlagworten. Denn der Strassenname allein reicht nicht. Man müsste den Aufnahmeort auf ein, zwei Meter genau als Koordinaten hinterlegen. Und wie mühsam das ist, weiss ich genau, wo ich früher meine Fotos mit neurotischer Inbrunst verschlagwortet habe.

Andererseits: Wäre nicht genau das eine Aufgabe für die Öffentlichkeit bzw. fürs Crowdsourcing? Auf Facebook gibt es Gruppen, in denen Leute gerne historische Aufnahmen tauschen. Manche davon wären bestimmt bereit, in Fronarbeit ein paar Dutzend Aufnahmen zu verschlagworten – ganz abgesehen davon, dass sich markante Gebäude eigentlich auch per KI richtig verorten lassen müssten. Ich würde mithelfen – wenn ich einmal Zeit habe.

Übrigens: Weitere Archive finden sich in der Übersicht des Schweizerischen Bundesarchivs. Hier bin ich auch auf Memobase gestossen. Das ist eine Plattform, auf der man die Metadaten zu historischen Film- und Tonaufnahmen findet. Leider gibt es die Aufnahmen selbst nicht zu sehen und zu hören, sondern nur ein Hinweis, wie man an sie herankäme. Da wünscht man sich wenigstens ein bisschen des Google’schen Datensammlungswillens, alles, was irgendwie geht, zu digitalisieren und gnadenlos ins Web zu stellen.

Beitragsbild: Die Software für die Datenbank der ETH ist auch nicht über alle Zweifel erhaben, doch sie ist deutlich nutzerfreundlicher als die der Winterthurer Bibliotheken. Hier habe ich auch das Foto gefunden, das vom 6.5.1939 stammt und die Eröffnung der Schweizerischen Landesausstellung in Zürich zeigt: Der Festzug mit Architekten, Von links: Marcel Pilet-Golaz, Bundespräsident Dr. Philipp Etter, Dr. Giuseppe Motta. Im Hintergrund Hauptbahnhof Zürich. (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / Ans_03255 / Public Domain)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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