Spotify-Mankos ausbügeln

Spotify will nicht nur bei der Musik, sondern auch bei Hörbüchern, Hörspielen und Podcasts dominieren. Doch für diese gesprochenen Inhalte ist die App leider annähernd unbrauchbar. Dabei wäre es keine Kunst, es besser zu machen.

Spotify hat das Streaming populär gemacht und ist für viele Nutzer zur wichtigsten oder sogar zur einzigen Quelle für Pop, Rock und andere Musik geworden. Doch das reicht Daniel Ek und seinen Mitstreitern anscheinend nicht: Sie möchten Spotify zu dominanten Plattform im Audiobereich machen – analog zur Dominanz von Youtube auf dem Markt des Internetvideos.

Zu diesem Zweck hat Spotify das Repertoire über das Musikangebot ausgeweitet. Der Streamingdienst fördert Spotify die Podcasts zu Tode und hat Hörspiele im Repertoire, viele auch speziell für Kinder (siehe hier und hier). Es gibt auch Hörbücher, und – wie Olli Schulz neulich verdienstvollerweise im «Fest und Flauschig»-Podcast verkündet hat, auch einige aus dem Erotikbereich. Daraus würde ich nach meinen abtörnenden Erfahrungen (Ein literarischer Klimax ist das nicht) nun nicht unbedingt empfehlen. Aber wenn jemand dennoch nicht die Finger davon lassen will, ist diese Playlist hier womöglich ein guter Anfang.

Und damit sind wir beim Thema: So angenehm es ist, diese Inhalte zur Auswahl zu haben, so wenig Spass macht der Konsum. Es gibt drei grosse Probleme mit den gesprochenen Inhalten:

  • Diese Inhalte sind schlecht erschlossen. Es gibt keine Übersicht des Angebots, sodass man aufs Geratewohl suchen muss. Das gleiche Problem hat auch Apple Music, wie mein Vergleich hier ergeben hat.
  • Die gesprochenen Inhalte bringen den Jahresrückblick nachhaltig durcheinander. Siehe: Spotify macht den Kasperli.
  • Und es macht keinen Spass, mit der auf Musikkonsum getrimmten App Hörbücher, Podcasts und Hörspiele zu hören.

Bleiben wir beim letzten Punkt: Spotify zeigt einem inzwischen immerhin an, welche Folgen eines Podcasts man sich schon angehört hat. Und es ist möglich, Folgen via Plus-Symbol der Liste Deine Folgen hinzuzufügen. Das ist eine Art Wiedergabeliste für Podcasts, über die man die Episoden organisiert, die man sich noch zu Gemüte führen will.

Die Podcast-Features sind dürftig

Doch diese Podcast-Features sind mehr als dürftig, wenn man sie mit den schönen Funktionen vergleicht, die man in Podcast-Apps wie Pocket Casts zur Verfügung hat: Dort kann man neue Folgen über automatische Filter nach diversen Kriterien sortieren, automatisch herunterladen und per Benachrichtigung anzeigen lassen. Für der Wiedergabe gibt es die Möglichkeit, Pausen zu kürzen, die Lautstärke anzugleichen oder das Abspieltempo zu erhöhen. Das macht einfach mehr Spass.

Ebensolches gilt auch für Hörbücher. Das grösste Ärgernis ist, dass man sich bei Spotify merken muss, bei welchem Kapitel man bei einem Hörbuch steckengeblieben ist¹. Wer tut das? Ich nicht. Und darum habe ich schon mehrere Male ein Hörbuch bei Audible gekauft, obwohl ich es gratis hätte bei Spotify hören können: Einfach, weil die App komfortabler ist und ich genau dort weiterhören kann, wo ich aufgehört habe – und zwar auch dann, wenn seit der letzten Session ein paar Tage vergangen sind und ich nicht mehr genau weiss, was als letztes passiert ist.

Die behelfsmässigen Tricks

Und ja, es gibt zwei behelfsmässige Tricks für Hörbücher bei Spotify:

Um weiterzumachen, wo man aufgehört hat, sollte man sich eine Notiz anlegen.

Man trägt sich die Kapitelnummer eines Hörbuchs in die Notiz-App ein. Das kann man von Hand tun, aber ein bisschen schneller geht es wie folgt: Im Player tippt man aufs Menü rechts oben und dann auf Teilen.

Dann betätigt man am unteren Ende der Liste den Link Mehr und gelangt zum Teilen-Menü von iOS. In dem hat man die Notiz-App zur Verfügung, wo einem nun ein schöner Eintrag mit Name der Folge und Interpret angelegt wird.

Man schaut in der Hör-Historie nach. Die findet man leichter in der Desktop-App als am Smartphone oder Tablet. Bei Windows und Mac steckt sie im Abschnitt Bibliothek bei Zuletzt gehört. Allerdings reicht auch diese Liste nicht allzu weit zurück. Und vor allem zeigt sie nur Alben – also eben nicht den zuletzt gehörten Titel, bei dem man weiterhören möchte.

Die zuletzt gehörten Alben – die helfen leider auch nicht weiter.

Wo steckt der verflixte Wiedergabeverlauf?

Darum ist diese Methode leider unbrauchbar. Es gibt aber noch eine zweite Möglichkeit: Tippt man im Player auf das Symbol Warteschlange, dann gelangt man in der Desktop-App zu der Liste mit den anstehenden Titeln, die man umsortieren oder bearbeiten kann. In der gleichen Ansicht gibt es am Desktop auch die Rubrik Verlauf, in der die abgespielten Titel erscheinen müssten.

Leider war bei meinem Test diese Liste erst leer und dann tauchten nach dem Zufallsprinzip eine Handvoll Songs auf. Theoretisch würde diese Funktion helfen – aber mir scheint sie schlicht kaputt zu sein. Das macht auch keinen sonderlich guten Eindruck.

Gut versteckt findet man in der mobilen App die zuletzt gehörten Titel.

Am Smartphone und Tablet findet man die hundert zuletzt gespielten Tracks wie folgt: Man geht zu einer beliebigen Wiedergabeliste, die man selbst erstellt hat und tippt aufs Menü und auf den Menübefehl Songs hinzufügen.

Es erscheint eine Ansicht mit fünf Rubriken: Erstens Empfohlen, zweitens Cartoon für dich (was immer das sein mag), drittens Kleine Hoerspiel für dich (sic) und viertens dann endlich: Zuletzt gespielt. (Der Vollständigkeit halber sei auch fünftens erwähnt: Songs, die dir gefallen.)

In dieser Liste Zuletzt gespielt erfährt man tatsächlich, welches der letzte Track des Hörbuchs oder Hörspiel man abgespielt hat – zumindest, falls man seitdem weniger als hundert andere Titel gehört hat.

Umständlich und unbefriedigend

Fazit: Das ist wahnsinnig umständlich und unbefriedigend. Und ja, mir ist klar, dass bei Spotify die Musik im Zentrum steht und es fürs Musikhören kein Vorteil wäre, wenn plötzlich prominent Features für Hörbücher, Hörspiele und Podcasts auftauchen würde.

Ich bin der Meinung, dass man die beiden Bereiche Musik und gesprochene Inhalte komplett auseinanderdividieren müsste. Entweder durch zwei getrennte Apps, was mutmasslich die sauberste Lösung wäre. Oder aber wenigstens durch einen getrennten Bereich für gesprochene Inhalte in der Standard-App.

In beiden Fällen sollten nicht die Wiedergabelisten im Zentrum stehen, sondern der Hörverlauf, die neuen Episoden und die Warteschlangen. Wie bei den Podcasts müssen bereits angehörte Titel markiert werden und es wäre sinnvoll, wenn in diesem Bereich die Wiedergabe dort fortgesetzt würde, wo man aufgehört hat – selbst wenn man zwischendurch im Musikmodus war.

Fussnoten

1) Update vom 31. März: Wenn man bei Spotify meine Blogposts liest, dann gab es für einmal eine sehr schnelle Reaktion: Heute kam ein Update der App, das auf der Startseite ein Uhrensymbol einführt: Das zeigt eine praktische Zuletzt gehört-Liste an!

Beitragsbild: Lesen ist weniger kompliziert (Aaron Burden, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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