Das auf Sicherheit und Anonymität getrimmte Web-Office

Cryptpad ist eine Webanwendung für die klassischen Büro-Applikationen Text, Tabelle, Präsentation, mit Kanban, Umfrage und einem Whiteboard als Dreingabe. Sie ist niederschwellig und sogar ohne Anmeldung zu verwenden.

Cryptpad ist eine interessante Webanwendung, die mir von einem Leser empfohlen worden ist, wobei ich mich leider nicht mehr an den Kontext erinnern und den Tipp ausreichend verdanken kann – was man mir bitte nachsehen möge.

Diese Webanwendung stammt von einem Pariser Unternehmen namens Xwiki und zeichnet sich durch drei Besonderheiten aus: Sie ist quelloffen, setzt auf Verschlüsselung und ist ohne Anmeldung und komplett anonym nutzbar. Es gibt acht Module, nämlich Text, Tabelle, Präsentation, Umfrage, Code, Kanban, Whiteboard und das Cryptdrive.

Mit anderen Worten: Das ist eine gut ausgestattete Office-Umgebung, die einige Module mehr anzubieten hat, als zum Beispiel die G-Suite von Google.

Die anonyme Nutzung ohne Anmeldung steht für alle Module zur Verfügung, also auch für die Dateiablage (Drive) fürs Online-Deponieren von beliebigen Dateien. Damit ist Cryptpad nicht nur eine Online-Büroanwendung, sondern auch eine Alternative zu Firefox Send (Wie man als Whistleblower anonym bleibt).

Ohne die Notwendigkeit einer Anmeldung ist Cryptpad maximal unkompliziert einsetzbar: Um beispielsweise einen Text zu verfassen, klickt man auf der Website auf das Rich-Text-Icon, wartet kurz, bis die Umgebung geladen ist und legt mit dem Schreiben los.

Einfacher geht Kollaboration nicht

Um mit jemandem zu­sammen­zuar­beiten, schickt man ihn den Link in der Adressleiste. Das ist simpel, hat aber natürlich eine unvermeidliche Konsequenz:

Übers Teilen-Menü lässt sich eine Datei nicht für Mitarbeiter freigeben, sondern auch in einer Website einbetten.

Die Person erhält wie man selbst die maxi­malen Rechte am Dokument.

Möchte man das nicht, kann man über den Teilen-Knopf auch einen Link gene­rieren, der den ein­gelad­enen Nutzer beispiel­sweise nur eine Bet­rach­tungs­möglich­keit einräumt.

Die Mit­arbeiter erscheinen am rechten Rand in einer Leiste als namenlose Einträge. Man darf sein eigenes Kästchen dort aber bearbeiten und mit einer sprechenden Bezeichnung versehen, damit die am Dokument beteiligten auseinandergehalten werden können.

Diese komplett anonyme Nutzungsweise hat zwei möglicherweise unerwünschte Nebenwirkungen: Erstes muss man sich die Adresse merken bzw. sie als Lesezeichen abspeichern, wenn man sicher sein möchte, dass man sein Dokument später wieder findet. Und zweitens ist das Dokument für jeden zugänglich, der die Adresse hat bzw. aufs Geratewohl nach Dokumenten sucht. Daher ist es für die kontinuierliche Arbeit mit Crtyptpad trotz allem sinnvoll, ein Benutzerkonto einzurichten.

Für die Anmeldung braucht es keine Mailadresse

Eine Anmeldung kann man wiederum anonym und ohne Mailadresse einrichten; es braucht nur einen Benutzernamen und ein Passwort. Das wiederum bedeutet natürlich, dass man sein Passwort nicht verlieren darf: Ohne hinterlegte Mailadresse gibt es keine Möglichkeit, dieses Passwort zurückzusetzen.

Und natürlich sind diese beiden Nutzungsformen kostenlos. Es gibt nebst der Nutzung ohne Anmeldung und der Gratisnutzung als registrierter Anwendung aber auch einen Premium-Account, der 5 bis 15 Euro pro Monat kostet: Dafür gibt es anstelle von 1 GB Speicherplatz bis maximal 15 GB und schnelleren Support.

Die Module bieten keinen gigantischen, aber für die meisten Anwendungsfälle einen ausreichenden Funktionsumfang.

Das Rch-Text-Modul bietet einen überschaubaren Funktionsumfang.

Die Textanwendung hält die Formatierungsmöglichkeiten bereit, die man von einem Rich-Text-Editor in einem CMS kennt: Also Absatzformate, Blockstile, Direktformatierungen, Zitatblock, Aufzählungen, Hochstellungen und solche Dinge. Als Besonderheit kann man auch Formeln in Tex eingeben.

Das Dokument wird versioniert und man kann eigene Vorlagen erstellen. Ein Export und Download ist in den Formaten Html und Doc möglich. Importieren kann man HTML. Da würde man sich natürlich eine noch etwas breitere Formatunterstützung wünschen.

Eine verblüffende Ähnlichkeit mit Excel

Während das Rich-Text-Modul kaum Anleihen bei Word macht, fällt die Tabellenkalkulation durch eine verblüffende Ähnlichkeit mit Excel auf: Nicht nur die Optik ist vertraut, es gibt auch ein Menüband (Ribbon), in dem man zwar nicht alle, aber einige der aus Excel bekannten Befehle findet.

Das Tabellenmodul sollte Excel-Nutzern vertraut vorkommen.

Mittels CryptPad lassen sich auch Excel-Dateien öffnen. Es funktioniert aber nicht, sie per Drag&Drop ins Cryptdrive zu ziehen und per Klick zu laden. Stattdessen muss man erst eine Tabelle anlegen und dann seine Arbeitsmappe im alten Excel-97-bis-2003-Format  via Datei > Importieren einlesen. (Eine Inkonsistenz besteht darin, dass es den Befehl Datei zweimal gibt: einerseits als Menü oberhalb des Ribbons, andererseits als Rubrik im Menüband. Der Importbefehl findet sich im Menü oberhalb des Ribbons.)

Das Laden einer Excel-Datei dauert recht lange und die Arbeit mit der Datei geht eher träge vonstatten. Aber wenn keine lokale Excel-Installation in Griffnähe ist, stellt Cryptpad eine willkommene Ausweichmöglichkeit dar.

Präsentationskapriolen liegen nicht drin

Im Vergleich dazu ist das Präsentationsmodul eine rudimentäre Angelegenheit: Viel mehr als ein paar Textzeilen auf einer Folie zu platzieren und Text- und Hintergrundfarbe zu bestimmen, liegt nicht drin. Da gibt es attraktivere Alternativen.

Wer seine Präsentationen gerne üppig gestaltet, wird hier nicht glücklich werden.

Fazit: CryptPad ist allemal ein Lesezeichen – und auch ein Benutzerkonto – wert. Der Webdienst lässt sich ausgezeichnet ad-hoc verwenden, egal, ob man nun auf eine gesteigerte Anonymität wert legt oder nicht. Der Funktionsumfang ist nicht üppig, aber für viele Zwecke absolut ausreichend. Und die direkte Zusammenarbeit funktioniert, so weit ich das als einsamer Blogger in meinem Test simulieren konnte, tipptopp.

Beitragsbild: Wenn man schon mit Leuten zusammenarbeiten muss, will man nicht auch noch mit ihnen vor dem gleichen Computer sitzen (Canva Studio, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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