Die Premiere muss leider verschoben werden

Mir blüht ein Umstieg von Final Cut Pro von Apple zu Adobe Premiere Pro. Dazu habe ich erste Beobachtungen – und auch eine klare Empfehlung, welche Software für Neueinsteiger die bessere Wahl ist.

Seit bald sechs Jahren produziere ich meine Videoserie Digitale Patentrezepte. Die Schnittsoftware, die zu diesem Zweck zum Einsatz kommt, ist Final Cut Pro von Apple. Ich habe sie in der Zeit schätzen gelernt: Sie hat alle Funktionen, die ich brauche, und ich komme zügig und effizient ans Ziel.

Nun sieht es aber nach einem Wechsel zu Premiere Pro von Adobe aus. Er ist überfällig: Meine Kollegen vom Videoteam bei der Tamedia sind vor mehreren Jahren umgestiegen. Mein Sonderzüglein war bislang kein grundsätzliches Problem, da ich fertige Videos fabriziere. Trotzdem wäre es sinnvoll, dass wir alle mit der gleichen Software arbeiten, allein wegen der viel zitierten Synergien.

Ein Wechsel hat einen klaren Vorteil: Ich kann nicht nur mit meinem Macbook schneiden, sondern auch mit Windows. Das würde ich sehr begrüssen, allein, weil Apples Strategie bei den Macs und bei der Pro-Software immer mal wieder Fragen aufwirft. Ich habe mir deswegen seinerzeit Davinci Resolve angesehen, bin damit aber nicht warm geworden.

Es gibt einen klaren Nachteil, und der liegt auf der Hand: Das ist Adobes Lizenzmodell. Für Final Cut habe ich vor Urzeiten einmalig 300 Franken bezahlt. Bei Adobe müsste ich nach dem aktuellen Preisplan jeden Monat 23.70 Franken aufwerfen. Das ist im Vergleich viel teurer, obwohl ich nichts anderes tun würde als mit Final Cut. Ausserdem bin ich – und auch das ist ein offenes Geheimnis – generell kein Freund von Adobes Mietmodell.

Doch trotzdem habe ich dieses Projekt nun in Angriff genommen und mir Premiere Pro angeschaut. Hier in diesem Blogpost geht es um meine ersten Eindrücke.

Es ist damit zu rechnen, dass ich diese in weiteren Beiträgen vertiefen und konsolidieren werde. Denn ich habe einige Erkenntnisse gesammelt, die für andere Umsteiger sicherlich interessant sind. Und vor allem erlaube ich mir ein Urteil in einer Frage, die sicherlich viele bewegt. Nämlich: Wenn man heute in den Videoschnitt einsteigen möchte und die freie Wahl hat – soll man dann Final Cut Pro oder Premiere Pro wählen?

Für eine endgültige Antwort ist es noch etwas früh, doch eine vorläufige habe ich auf alle Fälle. Und fällt eindeutig aus, auch wenn man zwei Fälle unterscheiden muss:

Erstens, der Einzelkämpfer

Unter dieser Spezies Videomensch stelle ich mir eine Person vor, die gerne mit einem Mac arbeitet und nicht in der Adobe-Welt verwurzelt ist. Diese Person kommt mit Final Cut Pro besser zugange. Apples Videoschnittsoftware erschliesst sich dem Neueinsteiger schneller, ist manchen Belangen effizienter und benutzerfreundlicher.

Final Cut Pro, mit einem der letzten Patentrezept-Videos.

Das exemplarische Beispiel für die Benutzerfreundlichkeit ist der Umgang mit den Clips in der Zeitleiste – wie auch in diesem Blogpost beschrieben:

Final Cut hat die magnetische Zeitleiste (Magnetic Timeline), mit der es sich effizient arbeiten lässt. Es gibt den primären Handlungsstrang (primary storyline), auf der man seine Clips aneinanderreiht. Die haften automatisch Rücken an Rücken, sodass sich keine Lücken auftun. (Ausser, wenn man Platzhalter für Material einsetzt, das erst noch zu drehen ist.)

Zusätzliches Material – Titel, zusätzliches Audio wie unterlegte Musik oder überlagerte Videos – werden an diesen Handlungsstrang angedockt. Sie sind über einen Anker verbunden und werden gemeinsam verschoben. Das ist sinnvoll, weil man mit diesen verbandelten Objekten als logische Einheit arbeitet und sie nach Bedarf verschiebt, verlängert oder verkürzt.

Bei Premiere Pro funktioniert das nicht so: Man kann zwar Clips übereinanderstapeln, aber die rutschen nicht auf die gleiche Weise hin und her und hängen auch nicht aneinander. Das hat mich bei meinen ersten Versuchen mit Premiere nicht nur irritiert, sondern auch frustriert.

Es gibt dieses Werkzeug, mit dem man alle Clips rechts vom Playhead markiert, um sie zu verschieben. Wenn man etwas einfügen will, muss man erst eine Lücke schaffen. Wenn man etwas herauslöscht oder einen Clip verkürzt, entsteht eine Lücke, die man manuell schliessen muss.

Und ja, wahrscheinlich ist das weniger nervig für Leute, die keine Final-Cut-Vorbelastung haben, sondern direkt mit Premiere Pro einsteigen. Sie sind es sich nicht anders gewöhnt. Ich erkläre mir diese Arbeitsweise so, dass Premiere Pro noch mehr von «klassischen» Schnittpogrammen beeinflusst ist. Aber es würde nichts dagegen sprechen, eine magische Timeline für Final-Cut-Nutzer einzubauen.

Zweitens, die Cineasten und Teamarbeiter

Zurück zur Unterscheidung, welche Software für welchen Typus Videoproduzent besser geeignet ist.

Für komplexe Projekte, an denen viele Leute mitwirken und wo die Ansprüche noch höher sind, würde ich den Vorteilen von Final Cut zum Trotz zu Premiere raten.

Mein Eindruck ist, dass die Möglichkeiten mit Premiere letztlich grösser sind. Die Funktionen für die Farbkorrektur (das sogenannte Grading) machen bei Premiere den besseren Eindruck – was auch nicht verwundern sollte, weil die Expertise von Adobe allein wegen Photoshop in diesem Bereich ungeschlagen ist.

Premiere Pro, wo ich mich an einem Agenturvideo versucht habe.

Premiere Pro hat die Arbeitsbereiche – die ich schon bei InDesign und Photoshop schätzen gelernt habe – mit denen man sich die Arbeitsoberfläche für bestimmte Aufgaben anpasst. Es gibt vorgefertigte Arbeitsbereiche für die Zusammenstellung von Clips, die Bearbeitung, Farbkorrektur, Effekte, Audio und Grafiken, und man kann sich auch eigene Bereiche zusammenschustern. das ist viel wert.

Ausserdem ist Premiere in ein grosses Software-Ökosystem eingebunden. Da gibt es After Effects (das Apple Pendant ist Apple Motion) für aufwändige Animationen, aber auch Schnittstellen zu Photoshop und den anderen Produkten, oder mobile Apps wie Adobe Rush, die ich im Beitrag Videoschnitt-App für den durchschnittlichen Youtuber vorgestellt habe.

Ein letzter Grund, der für Premiere Pro spricht: Die Expertise, die man sich in dieser Software erwirbt, ist (nach meinem Bauchgefühl) mehr wert als das Final-Cut-Knowhow.

Beitragsbild: Der Film ist leider noch nicht fertig, weil der Cutter sein Schnittprogramm wechseln musste (Felix Mooneeram, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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