Cineastische Feinkost im Breitbildformat

Zweieinhalb heisse Tipps in einem einzigen Blogpost: Ihr erfahrt von zwei Filmpodcasts, die beide «70mm» heissen. Und von einem spannenden netzkulturellen Phänomen für Filmnerds.

Podcasts für Cineasten sind nicht gerade ein seltenes Phänomen – eher im Gegenteil. Es gibt sie in allen Geschmacksrichtungen und für sämtliche Vorlieben. Und auch in exotischen bis absurden Ausprägungen.

In die letztere Kategorie würde ich Minutenweise Matrix einsortieren. Bei diesem Projekt sind eine Handvoll Verrückter – und es tut mir leid, dass mir keine andere Bezeichnung für diese Leute einfällt – auf die Idee verfallen, den Film Matrix von 1999 und den Wachowskis, in Schnipsel von je einer Minute aufzuteilen und in einer einzelnen Podcast-Folge zu würdigen: «Insgesamt sind wir auf knapp 70 Stunden gekommen, um diesen 137 Minuten dauernden Film zu besprechen.»

Sosehr ich das Engagement schätze, fehlt mir leider die Zeit für derlei Eskapaden. Aber ich verspreche: Nach meiner Pensionierung werde ich mir ein, zwei Folgen anhören.

Aber ich habe einen Film-Podcast entdeckt, der mir nach einigen Folgen noch immer gut gefällt: Er heisst 70mm (Apple und Spotify) und besteht aus drei Filmfans, die zwischendurch pennälerhaft wirken und zwischendurch ins Blaue hinaus dampfplaudern, als ob es nicht schon viel zu viele Laberpodcasts gäbe. Doch die Kombination aus kritischer Grundhaltung und Liebe, die scharfe Beobachtungsgabe und die komplementären Erwartungshaltungen  haben mich für sie eingenommen.

Das lässt sich gut bei der Folge zum ersten Kinofilm aus der Star-Trek-Franchise von 1979 (hier zu finden) beobachten. Sie gehen mit diesem schwierigen Werk hart ins Gericht. Sie bemerken zu Recht, dass man vor allem im vorderen Teil problemlos hätte eine halbe Stunde herausschneiden können, und dass Captain Kirk in diesem Streifen nicht viel Zweckdienliches zur Rettung von Erde und Menschheit beigetragen hat – und «vom HR von Brücke entfernt werden müsste», wie mein Lieblingszitat aus dieser Folge leistet.

Trotzdem zwei Kritikpunkte: Es gibt relativ viel Hausmeisterei, sprich Meta-Kommunikation zum Podcast und der Community. Doch weil es zumindest bei den neueren Folgen Kapitelmarken gibt, habe ich diese Intermezzi gnadenlos übersprungen.

Etwas störend ist auch, dass ich die einzelnen Podcaster nach wie vor nicht auseinanderhalten kann – ausser der eine, der die amerikanische Unsitte pflegt, an allen möglichen und unmöglichen Stellen im Satz ein «Like» einzufügen (siehe Why Americans throw ‚like‘ in the middle of sentences).

Bei Podcasts mit Sprechern mit ähnlichen Stimmen empfehle ich jeweils, das Personal im Stereobild etwas versetzt anzuordnen. So kann man einfacher lernen, sie auseinanderzuhalten: «Der Mann rechts ist der, der bei den Filmen immer auf die Beziehungen und ihre Interaktionen der Charaktere achtet.» Und ja, da würde es helfen, wenn es eine vernünftige Vorstellungsrunde am Anfang gäbe

Insbesondere, wenn auch noch Gäste mit dabei sind. Das ist bei «70mm» gelegentlich der Fall. Aber fünf Leute für eine Audiosendung ist meines Erachtens nur in Ausnahmefällen zulässig. Und dann braucht es eine gute Gesprächsführung, die dem Zuhörer hilft, die Leute und ihre Funktion in der Sendung zu unterscheiden.

Doch trotz dieser beiden Kritikpunkte ist dieser Podcast mit den Filmnerds eine Empfehlung. Ich werde mir aber nicht alle Folgen anhören, sondern nur diejenigen zu Filmen, die mich auch interessieren. Was aber zum Glück ganz einfach ist, da sich jede Folge im Hauptteil um ein Kinowerk dreht. Empfehlenswert sind IMHO auch die Episoden zu The Fly und Last Action Hero von 1993. Und ich freue mich auch schon auf die Folge zu Solaris.

Noch drei Anmerkungen:

Gesponsort wird der Podcast von Letterboxd. Das ist eine Film-Community und eine Art soziales Netzwerk für Filmfans, das ich vor Urzeiten im Beitrag Keinen schlechten Film zweimal sehen! vorgestellt habe.

Beitragsbild: So weit sich das anhand des Fotos sagen lässt, sind das wahrscheinlich eher 35-mm- und keine 70-mm-Filme (Pxhere, CC0).

Erstens gibt es auch einen Schweizer Filmpodcast namens 70mm (iTunes). Er hat es von Mai bis Juni 2012 auf ganze sechs Folgen gebracht, zu den Filmen «Ohne Limit», «American Pie 4 Klassentreffen», «21 Jump Street», «Men in Black 3», «Thor» und «Der Diktator» von Sacha Baron Cohen. Das waren damals scheinbar die Neuveröffentlichungen.

Und ja, es ist unbefriedigend, wenn man einfach das aktuelle Kinoprogramm durchhecheln muss: Das würde ich in meinem Filmpodcast niemals tun. Trotzdem habe ich vor, mir ein Ohr voll zu gönnen. Falls hier ein unerkanntes Kleinod einen unverdienten Tod gestorben ist, werde ich es euch wissen lassen.

Zweitens haben mich die Filmfreunde aus den USA auf ein Phänomen aufmerksam gemacht, das mir gänzlich unbekannt war, das mir aber unmittelbar eingeleuchtet hat: Das sind die Fan-Edits: Bei denen schneidet ein Fan den Film noch einmal und entfernt Szenen, fügt neue Elemente hinzu oder baut die Abfolge der Szenen um.

Die Motivation dürfte von Fall zu Fall unterschiedlich sein: In einfachsten Fall würde man einfach nur Längen beseitigen oder störendes Product-Placement eliminieren. In einem komplexeren Fall würde man Probleme mit der Geschichte beheben wollen. Ein einleuchtendes Beispiel dafür ist The Hobbit: The Tolkien Edit, in denen die Peter Jacksons Extravaganzen eliminiert worden sind. Das Resultat ist ein einziger, vierstündiger Film.

Und dann kann man sich natürlich auch eine Situation vorstellen, in der ein Film eine neue und andere Aussage erhalten soll. Das Beispiel in «70mm» drehte sich um «Last Action Hero»: Bei dem Film wollte der eine Podcaster den Jungen, Austin O’Brien alias Danny Madigan eliminieren, weil das ein schlechter Schauspieler ist und eine unnötige Rolle sei.

Fazit: Ein spannendes Ding, mit dem ich mich unbedingt noch beschäftigen muss. Vielleicht schneide ich sogar ein paar eigene Fan-Edits – ein paar Filme hätte ich schon im Auge. Aber vorher muss ich unbedingt meine Rechtsschutzversicherung aufdatieren!

Eine gute Anlaufstelle für Fan-Edits ist übrigens fanedit.org.

Beitragsbild: Dreht heute überhaupt noch irgendjemand auf Zelluloid? (Dansamu, Pixabay-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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