Meine neuen Lieblings-Ohrstöpsel

Den Sport Earbuds von Bose mangelt es etwas an Ausdauer. Ansonsten kann man diese für Sportler entwickelten True-Wireless-Kopfhörer nur empfehlen.

Für den Sport und oft auch für Spaziergänge mit geringen sportlichen Ambitionen verwende ich seit längerem Kopfhörer von Bose. Ursprünglich ein kabelgebundenes Modell, dann seit 2017 die hier besprochen Bluetooth-Variante namens SoundSport. Ich habe mich darum gefreut, das Nachfolgemodell testen zu können. Das habe ich für die grosse Kopfhörer-Typologie bei den Tamedia-Blättern (🔒💰) getan.

Dieses Nachfolgemodell heisst Bose Sport Earbuds (Amazon Affiliate). Sie kosten um die 160 Euro bzw. etwa 186 Franken bei Digitec. Und sie haben sich gegenüber dem Vorgänger stark verändert.

Man könnte sagen, dass eine gewisse Airpodifizierung stattgefunden hat: Das Nackenkabel, das die beiden Kapseln verbunden hat, ist verschwunden. Die Earbuds verwenden nun die sogenannte True-Wireless-Bauweise. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass man zwei getrennte Ohrteile hat, die durch kein Kabel verbunden sind.

Warum man gar keine Kabel haben will

True Wireless hat zwei unbestreitbare Vorteile: Das Kabel ist oft lästig, indem es dazu neigt, in der Kleidung hängenzubleiben. Und es ist auch eine lästige Schwachstelle: Wenn Kabel zu oft geknickt werden, dann gehen sie kaputt und man muss einen ansonsten noch voll funktionsfähigen Kopfhörer der Entsorgung überantworten. Bei den klassischen, kabelgebundenen Modellen ist mir das andauernd passiert.

Einen Sensor für die Trageerkennung gibt es nur rechts (der ist allerdings oben im unscharfen Bereich. Der fokussierte Bereich ist der Magnet mit den Ladekontakten.

True Wireless hat aber auch einen grossen Nachteil: Nämlich die Verlustgefahr. Wenn der Stöpsel aus dem Ohr fällt, gibt es nichts, das ihn davon abhalten würde, durch eine Tolle (🇩🇪🇦🇹: Gulli)  in der Kanalisation zu verschwinden.

Er könnte auch auf die Strasse spicken und überfahren werden. Oder, Gott bewahre!, in einem frischen Hundehaufen landen.

Das Kabel ist weg – der Vorgänger, die Soundsport und das aktuelle Modell.

Darum war ich sehr skeptisch, ob die True-Wireless-Bauweise für einen Sportkopfhörer eine gute Idee ist. Der Sitz der SoundSport war zwar in Ordnung, aber nicht überragend.

Es ist mir mit dem Vorgängermodell immer wieder passiert, dass mir einer der beiden Ohrstöpsel (meistens der linke) aus dem Ohr gerutscht ist. Vor allem bei Nässe war das nur durch eine Kappe oder ein Stirnband zu verhindern. Dank des Nackenkabels war das zwar störend, hat aber nie zum Verlust des Kopfhörers geführt, weil er immer an meinen Schultern oder am anderen Ohr hängen geblieben ist.

Kickboxen? Was ist mit dem Kickboxen?

Beim True-Wireless-Kopfhörer  wäre das schlicht unakzeptabel: Ein solches Modell muss drin bleiben, auch wenn man rennt, abrupte Richtungswechsel vollführt oder meinetwegen einen dreifachen Salto über einen unerwartet auftauchenden Riss im Erdboden vollführt. Und Bose zählt auch selbstbewusst die Sportarten auf, für die man ihn verwenden kann: Laufen, Gewichtheben, Wandern, Radfahren und Yoga, beispielsweise. Nicht aufgeführt ist Kickboxen, was mir aber einleuchtet.

Trotz meiner Bedenken habe ich die Sport Earbuds unter Realbedingungen, also mit einer echten Verlustgefahr beim Joggen getestet. Und zu meiner nicht geringen Überraschung sind sie drin geblieben – und zwar, ohne dass ich Vorsicht hätte walten lassen müssen.

Selfies während des Rennens sind keine sonderlich schlaue Sache.

Ich bin mit ihnen mehrere Stunden Joggen gegangen, ohne dass mich Verlustängste geplagt hätten. Mir ist nur einmal einer rausgespickt, als ich während des Rennens Selfies gemacht habe. Was sowieso eine selten doofe Idee gewesen war und zu einer ungewohnten Kopfhaltung geführt hat. Den Sturz in den Dreck hat die Kapsel problemlos überstanden.

Damit haben die Sport Earbuds die Feuertaufe mit Bravour bestanden. Natürlich mit der Einschränkung, dass ich nur für mich sprechen kann. Wie gut der Sitz bei anderen Leuten ist, lässt sich aus meinen Erfahrungen nicht ableiten. Es gibt unterschiedlich geformte Ohrmuscheln, und es ist absolut denkbar, dass die Erfahrungen anderer Nutzer nicht so positiv sind.

Perfekter Sitz, auch bei meinen nicht ganz symmetrischen Ohren

Was mich trotzdem positiv stimmt, ist der Umstand, dass der Sitz bei mir auf beiden Seiten gut war. Meine Ohren sind nämlich nicht ganz symmetrisch, was beim Vorgängermodell einen deutlichen Unterschied gemacht hat – das ist IMHO nämlich der Grund, weswegen bei dem der linke Stöpsel nicht so gut sitzt.

Am Klang ist nichts auszusetzen. Sowohl für Musik als auch für Podcasts klingen die Earbuds gut – und meines Erachtens deutlich besser als etwa die hier besprochenen Airpods von Apple.

Mit High-End-Kopfhörern wie den neulich getesteten Beoplay H95 habe ich sie nicht verglichen: Erstens, weil Ohrstöpsel mit einem Over-Ear-Kopfhörer aus Prinzip nicht mithalten können, zweitens, weil die Preisklasse eine andere ist und drittens, weil es beim Sport nicht auf den ultimativen Spitzensound ankommt. Beim Sport ist es nicht sinnvoll, wenn man im Klangerlebnis versinkt; ein bisschen etwas sollte man von der Umgebung schon mitbekommen.

Keine aktive Geräuschunterdrückung – kein Problem

Darum stört es mich auch nicht, dass die Earbuds keine aktive Geräuschunterdrückung haben. Bei den meisten Sportarten – besonders auch beim Laufen und Velofahren – ist es wichtig, sich akustisch nicht komplett von der Aussenwelt abzukapseln. Man muss hören, wenn sich von hinten ein Gefährt annähert oder einem jemand etwas zuruft. Es gibt immerhin eine passive Isolation durch die Ohreinsätze. Die filtern die Bässe deutlich stärker als die Höhen, wodurch sich die Umgebungsgeräusche etwas surreal anhören. Aber daran gewöhnt man sich.

In der Lade- und Transportbox – die zwischen den beiden Ohrteilen auch einen Knopf fürs Bluetooth-Pairing aufweist.

Wie bei True-Wireless-Modellen üblich, gehört zu den Earbuds eine Transportbox mit dazu, über die die Stöpsel auch geladen werden. Die Box ist deutlich grösser als die der Airpods (89 × 51 × 32 Millimeter versus 54 × 44 × 21 Millimeter), doch zum Glück hat sie noch knapp Jeanstaschenformat. Die Akkulaufzeit der Ohrstöpsel ist mit zwei Stunden etwas kurz. Und das ist auch mein Hauptkritikpunkt: Für einen Marathon reicht das nicht!

Der weisse Klecks rechts ist das Case der Airpods von Apple (und ja, mit meiner Lieblings-Blenden-Einstellung überstrahlen die ganz brutal).

Die Transportbox ihrerseits hat drei Stunden Reserve, was insgesamt nach Adam Riese fünf Stunden ergibt. Auch im Vergleich zu den Airpods ist das keine grandiose Leistung.

Die bringen es auf fünf Stunden, zusammen mit dem Ladecase ergeben sich so über 24 Stunden. Immerhin: Da man die Box per USB-C lädt, geht das relativ zügig: Nach 15 Minuten Ladezeit hat man wieder eine Reserve von zwei Stunden.

Gewisse Abstriche muss man im Vergleich zu den Vorgängern auch bei der Bedienung machen. Die SoundSport haben eine Fernsteuerung am Kabel mit Knöpfen für Play/Pause und für die Lautstärke. Mit doppeltem bzw. dreifachem Drücken der Wiedergabetaste springt man vorwärts und zurück.

Die Lautstärke lässt sich nicht per Touch ändern

Viel einzustellen gibt es nicht.

Die Earbuds ihrerseits werden durch Berührung auf den Aussenseiten gesteuert. Mit einem Doppeltippen links kann man sich entweder den Akkuladestand ansagen lassen oder vorwärts springen – welche von beiden Funktionen man bevorzugt, stellt man in der Bose Music-App ein (Android und iPhone).

Ein Doppeltippen rechts startet bzw. stoppt die Wiedergabe. Lässt man den Finger auf der Aussenseite, dann ruft man den Sprachassistenten (am iPhone Siri) auf den Plan oder lehnt einen eingehenden Anruf ab.

Das bedeutet, dass es an den Earbuds keine Möglichkeit gibt, die Lautstärke zu ändern¹ oder zurückzuspringen – es sei denn, man verwendet dafür Siri. Das ist ein kleiner Rückschritt, aber ein letztlich unvermeidlicher. Ohne das Kabel ist schlicht kein Platz für eine Fernbedienung mit Knöpfen.

Die Optionen zur Trageerkennung.

Es gibt eine Trageerkennung; das heisst, die Earbuds schalten sich automatisch ein, wenn man sie aus dem Kästchen nimmt und ins Ohr steckt. Nimmt man den rechten Hörer aus dem Ohr, pausiert die Wiedergabe, bis man ihn wieder einsetzt.

Mit dem linken funktioniert das nicht – weil es dort keinen Körpersensor gibt. Das könnte man als unnötige Sparmassnahme seitens Bose betrachten. Mich stört es nicht, zumal ich so entscheiden kann, ob ich die Wiedergabe anhalten will oder nicht, wenn ich mir einen Stöpsel aus dem Ohr nehme, um zum Beispiel kurz mit der Umwelt zu interagieren.

Fazit: Eine erfreuliche Weiterentwicklung, die ich empfehlen kann. Der grösste Kritikpunkt ist wie erwähnt die etwas gar kurze Batterielaufzeit, die sich hoffentlich über die Zeit nicht noch merklich reduziert – denn eine Joggingrunde müssen die Stöpsel überstehen, sonst hat alles keinen Sinn.

Je nach Platzierung des Smartphones stottert die Bluetooth-Verbindung manchmal etwas. Und die Möglichkeiten der erwähnten Bose Music-App dürfte noch zulegen: Manche hätten vielleicht anstelle der Sprachassistenten-Funktion lieber die Möglichkeit zurückzuspringen.

Fussnoten

1) Eine aktualisierte Firmware macht das inzwischen möglich. Besonders gut funktioniert das Wischen auf der Touch-Oberfläche meiner Erfahrung nach aber nicht.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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