Crowdfunding ohne leere Versprechen

Den Misserfolgen und den Stänkerern zum Trotz: Das Crowdfunding ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – wie Beispiele und Gegenbeispiele zeigen.

Im Beitrag Das stille Sterben bei Crowdfunding-Kampagnen mit meinen Crowdfunding-Investments beschäftigt, die auch nach Jahren noch keine Früchte getragen habe. Und da seither schon ein weiteres Jahr in die Lande gezogen ist, dachte ich,  ich könnte wieder einmal den Stand der Dinge in Erfahrung bringen.

Und, wenig überraschend: Es ist noch alles beim alten. Der Film «Wires for Empathy» ist ebenso wenig fertig geworden wie «Gbanga Famiglia Rise and Fall Game». Zum Film «Grabowski – Alles für die Familie» ist im Verlauf der letzten zwölf Monate auf Facebook ein dürres Statement veröffentlicht worden. Am 15. Mai hiess es, wegen Corona könne momentan nicht gedreht werden. Klar, das wäre derzeit auch meine Ausrede.

Es bleibt wohl dabei:  Diese Projekte waren Rohrkrepierer. Aber da die Hoffnung zuletzt stirbt, werde ich auch im November 2021 nach Lebens- und Fortschrittszeichen sehen.

Jedenfalls eine gute Gelegenheit, an dieser Stelle eine Crowdfunding-Plattform vorzustellen, bei der einem Enttäuschungen garantiert erspart bleiben. Sie heisst flopstarter.com, und stellt Projekte vor, die genau das halten, was sie versprechen – nämlich nichts.

Da ist zum Beispiel die Hangover Pill, die Kater-Pille: Sie lässt einen die Folgen einer Alkoholintoxikation spüren, ohne dass man sich die Mühe machen müsste, unbotmässige Mengen an entsprechenden Getränken zu konsumieren. My First Timesheet ist eine Stempelkarte, die Kinder mit den harschen Anforderungen des Lebens vertraut macht.

Interessant auch der 1D Printer: Er druckt nur Linien, die in einer Richtung verlaufen. Und Reverse Viagra befreit einen von einer lästigen, natürlichen Erektion. Nützlich nicht nur am FKK-Strand.

Auf Flopstarter bin ich gekommen, als sich eine Freundin auf Facebook darüber lustig gemacht hat, dass in einer Werbung «zeitlose Uhren» angepriesen wurden. Das sei unpraktisch, fände sie. Und man muss ihr recht geben.

Apropos: Ein Scherzkeks vor dem Herrn ist auch Ben Godar. Er hat auf Kickstarter ein Projekt lanciert, um sich von den Nutzern das Video für seine Kickstarter-Kampagne zu finanzieren – in der es um das Video geht:

Ja, da beisst sich die Katze in den Schwanz. Aber gemäss Mashable war es so, dass Ben Godar häufig angefragt wurde, Videos für solche Kampagnen produzieren, er es aber hätte gratis tun sollen – oder mit Bezahlung nur im Erfolgsfall.

Falls das hier so klingen sollte, als ob ich mich über die Schwarmfinanzierung lustig machen würde: Dem ist nicht so. Ich halte sie nach wie vor für ein spannendes Mittel, um interessante Projekte zum Fliegen zu bringen. Dass auch Absurditäten, Inkompetenz und Missbrauch auftreten, ist unvermeidlich – und die Parodien zeigen, dass die Schwarmfinanzierung in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Ich habe mich gefreut, dass hier in Winterthur der Albani-Club eine halbe Milliion Franken auftreiben konnte, um das Haus in der Steinberggasse zu kaufen, in dem er seit 1988 untergebracht ist. Und gerade in der Coronakrise ist Crowdfunding eine gute Methode, um einem lokal verwurzelten Unternehmen Hilfe zukommen zu lassen, wenn es das braucht. Eine Liste solcher Projekte findet sich zum Beispiel auf funders.ch.

Wenn man einfach nur spenden möchte, geht das ebenfalls: Bei der Glückskette gibt es zwei Corona-Projekte: Ein nationales für Betroffene in der Schweiz und ein internationales für weltweite Hilfe.

Beitragsbild: Hand hoch, wer schon mal Geld in einem gescheiterten Crowdfunding-Projekt versenkt hat (Josh Sorenson, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Crowdfunding ohne leere Versprechen“

  1. Interessanter Beitrag. Hast du dir mal das Kickstarterprojekt der Schweizer Firma Blom & Berger angeschaut? Es wurde versprochen, den besten Kopfhörer herzustellen. Wenn man die Kommentarspalte des Projekts oder der App querliest, entsteht der Eindruck, dort ist *vorsichtig* gesagt Schwindel im Spiel. Viele Baker haben nicht mal das Produkt bekommen. Der Kopfhörer, der nicht das leistet, was versprochen wurde, ist immer noch Handel und das schlimmste: Er wurde in den Medien „bezahlt“ hochgejubelt… Wäre sicher interessant, der Sache mal nachzugehen. Der SUpport ist aber auf Tauchstation …

    Ich habe den Pure nur gebraucht gekauft und bin deshalb weniger enttäuscht. Hàtte ich 299.– bezahlt, wäre ich beim Anwalt.

    Grüsse
    Oliver

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