Was soll dieser Scheiss?

Die QAnon-Verschwörungstheorie gehört zu dem unerfreulichsten, was das Internet jemals hervorgebracht hat. Ein Podcast beleuchtet die Hintergründe – und erklärt Internetphänomene wie 8chan, die Normalos wie ich bis heute nicht verstanden haben.

Neulich habe ich Q Clearance entdeckt. Das ist ein Podcast über «QAnon», den es auch bei iTunes, Spotify und Google gibt.

«QAnon» seinerseits ist eine hirnrissige Verschwörungstheorie. Wikipedia beschreibt diese Theorie wie folgt: «Zentral ist die beleglose Behauptung, eine einflussreiche, weltweit agierende, satanistische Elite entführe Kinder, halte sie gefangen, foltere und ermorde sie, um aus ihrem Blut eine Verjüngungsdroge zu gewinnen.»

Die Heldenfigur der Leute, die an diese Verschwörungstheorie glauben, ist Donald Trump. Und bereits an dem Punkt stellt sich die Frage: Lohnt es sich überhaupt, sich mit dieser Verschwörungstheorie zu beschäftigen? Oder ist die Beschäftigung mit diesem Thema so sinnlos, dass man es besser gleich bleiben lässt?

Die Folge How to Extract Adrenochrome from Children des Skeptoid-Podcasts (siehe Ein besserer Aufklärer als Facebook) hat sich mit der zentralen Behauptung beschäftigt, es würde eine Droge aus Kindern extrahiert. Und der Befund ist eindeutig:

Wenn man bedenkt, wie einfach es ist herauszufinden, dass Adrenochrom als Freizeitdroge nichts taugt und dass niemand den Stoff zu diesem Zweck konsumiert, dass man ihn einfach und günstig kaufen kann, dann müssen wir uns fragen, ob die Gläubigen [dieser Theorie] überhaupt Anstrengungen unternehmen, ihre Fakten zu überprüfen, bevor sie sie  akzeptieren und in Youtube-Videos in die Welt hinausposaunen.

Die Antwort liegt auf der Hand: Nein, das tun die Gläubigen nicht. Das ist ein Merkmal der postfaktischen Zeit, dass ein solcher Stumpfsinn nicht als Totgeburt endet, sondern im Internet lebt, sich entwickelt und Kreise zieht. Da passt es ganz gut, dass Donald Trump die Galionsfigur dieser Leute ist.

«QAnon» ist eine Verschwörungstheorie, die – flapsig formuliert – keinen Spass macht. Ich meine das so, dass der Idee einer flachen Erde ein gewisser Charme innewohnt, genauso wie der Hohlerde. Und unterhaltsam ist auch die Vorstellung, das Deutsche auf dem Saturn wohnen könnten.

Sogar der gefälschten Mondlandung kann ich etwas abgewinnen. Da muss man sich wenigstens die Mühe machen, sich mit den Fakten auseinanderzusetzen und herausfinden, wie man sie alternativ deuten und erklären kann. Das ist, wenn man das als intellektuelles Spiel betrachtet und sich gedanklich nicht vereinnahmen lässt, sogar amüsant. Doch die kindermordenden Eliten, die selbstverständlich auch noch pädophil sind, die sind nicht amüsant, sondern nur im Sinn eines abartigen Glaubenskults erklärbar.

Also, der Befund ist eindeutig. Ein vernünftiger Mensch hat keinen Bock, sich mit diesem Thema und dem Ausmass der menschlichen Dummheit auseinanderzusetzen. Trotzdem habe ich den besagten Podcast in Angriff genommen. Und ich stelle ihn hier sogar vor.

Das kommt heraus, wenn alle dummen Verschwörungstheorien Gruppensex zusammen haben.

Der Grund für die Würdigung besteht darin, dass man in «Q Clearance» nicht nur etwas über die Verschwörungstheorie lernt, sondern sich auch mit der Internetkultur auseinandersetzt.

Um genauer zu sein: Man erfährt etwas über jene Aspekte der Internetkultur, die man selbst als intensiver Nutzer nicht unbedingt kennt – weil man selbst einen konstruktiven und menschenfreundlichen Umgang mit dem Netz pflegt.

Interessant finde ich die Hintergründe zu den Imageboards. Das sind Foren, bei denen sich die Leute nicht hauptsächlich mittels Text-Threads unterhalten, sondern Bilder tauschen. Bekannt ist 4chan, wo sich die «QAnon»-Hinterleute jedoch nur kurz aufgehalten haben. Ein Begriff ist nach mehreren Terroranschlägen, die dort angekündigt worden sind, auch 8chan (heute 8kun). Dort liefen die QAnon-Erfinder zur «Hochform» auf.

Dieser Teil des Internets ist und bleibt ein Mysterium für mich. Ich sehe theoretisch den Sinn eines virtuellen «Untergrunds», in dem auch Abseitiges diskutiert werden kann. Aber selbst habe ich keinerlei Lust, dort Zeit zu verbringen. Man muss damit rechnen, bei jedem zweiten Klick irgend einem Dreck zu begegnen. Und man muss sich mit dem seltsamen Jargon und den Gepflogenheiten auseinandersetzen, um überhaupt zu verstehen, was und wie das läuft. Wie in vielen Subkulturen, die sich durch bestimmte Codes von der Allgemeinheit abgrenzen und abschotten.

Darum ist es eine gute Sache, wenn man sich mittels eines Podcasts mit dieser Kultur vertraut machen kann. Und das macht «Q Clearance» ganz gut. Der Podast ist eine Produktion von iHeartRadio. Das ist eine Art Dachorganisation des grössten Radionetzwerks der USA.

Etwas nervig ist, dass die Folgen erst einmal mit Werbung anfangen – aber da haben die Amis definitiv eine höhere Schmerzgrenze als wir. Der Podcast stammt von Jake Hanrahan, ein Kriegsreporter und Dokumentarfilmer, der mit Popular Front auch einen Podcast über die moderne Kriegsführung betreibt.

Beitragsbild: Ehimetalor Akhere Unuabona, Unsplash-Lizenz

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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