Zur Hölle mit dem User Journey Mapping

Was man gegen das Tracking in den Apps tun kann – und warum es endlich ein Umdenken bei den Datensammlern braucht.

Das Tracking in Apps ist ein Thema, das mich seit einiger Zeit beschäftigt. Denn wenn man sieht, wie minutiös unsere Aktivitäten beim Surfen protokolliert, analysiert und monetarisiert werden, dann braucht man sich keine Illusionen zu machen.

Im Gegenteil: Es liegt auf der Hand, dass das gleiche auch bei der Nutzung von Apps an Tablets und Handys geschieht. Und auch die Desktop-Betriebssysteme sind nicht ausgeklammert, wie die gelegentlichen scheuen Anfragen zeigen, ob man denn nicht «Insights mit den Entwicklern teile wolle».

Im Web haben wir immerhin Möglichkeiten, Gegensteuer zu geben. Einige davon habe ich im Beitrag Den Datensammlern eine lange Nase! beschrieben. Bei den Apps sind die Einflussmöglichkeiten geringer. Das liegt daran, dass sie direkt vom Betriebssystem ausgeführt werden und keinen Browser benötigen. Denn dieser Browser ist der Verbündete von uns Nutzern, wenn es um die Beschränkung des Trackings geht. Wir können ihn anweisen, unerwünschte Module nicht zu laden und Gegensteuer geben.

Diese Möglichkeit gibt es bei Apps nicht. Eine App ist im Vergleich zu einer Website eine Blackbox. Und da die mobilen Betriebssysteme weniger über interne Vorgänge preisgeben als die Desktop-Systeme, sind wir Nutzer den Aktivitäten der Datensammler ausgeliefert. Naja, nicht ganz: Man kann von aussen Einfluss nehmen, indem die Verbindungen zu unerwünschten Servern gekappt werden. Das lässt sich mit einem werbeblockierenden DNS-Server (Netzsperren für Werbung) oder mit einem Pi-hole bewerkstelligen – doch beides ist technisch anspruchsvoll.

Apple zieht die Schrauben an

Apple bewegt sich in die richtige Richtung. Anfänglich hat der iPhone-Konzern den Werbern und Datensammlern ihre Arbeit leicht gemacht, indem die sogar Zugriff auf eine unveränderliche Gerätenummer hatten. Über die Jahre ist Apple restriktiver geworden, wie ich im Beitrag Danke Apple! dargelegt habe.

Mit iOS 14 gibt es nun in den Einstellungen bei Datenschutz unter Tracking die Möglichkeit, die Option Apps erlauben, Tracking anzufordern abzuschalten.

Die – und ein paar andere Optionen, die den Schutz der Privatsphäre fördern, sind Thema im Video:


So verhindern Sie, dass Ihre Apps Sie ausspionieren

So erfreulich der Trend bei Apple ist: Es gibt noch viel zu tun. In Apps, in denen man mit einem Login angemeldet ist, bestehen weiterhin Trackingmöglichkeiten. Entsprechend werden die Hersteller der Apps mit zunehmender Vehemenz auffordern, uns doch zu registrieren, viele persönliche Daten preiszugeben und möglichst auch unser Facebook-Konto und andere Social-Media-Konten zu verknüpfen.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin der Ansicht, dass ein legitimes Interesse der Anbieter von Apps und Websites besteht, Informationen über die Nutzer und ihre Vorlieben und Interessen herauszufinden.

Ja: Auch hier wird getrackt (wenigstens ein bisschen)

Ich verwende auf dieser Website Jetpack von WordPress, weil es dort ein Stastikmodul gibt. Das liefert Erkenntnisse darüber, welche Inhalte auf Resonanz stossen und welche nicht. Und die Statistik zeigt auf, wie sich das Publikumsinteresse über die Zeit entwickelt.

Diese Informationen sind für die Anbieter von Inhalten wichtig. Sie sorgen dafür, dass wir nicht am öffentlichen Interesse vorbeischreiben. Und klar: Welchen Einfluss diese Informationen haben, steht auf einem anderen Blatt. Bei den Medien, die von Werbung leben und von Klicks getrieben werden, sind sie die alles bestimmende Masseinheit.

Bei einem Blog wie meinem sind sie annähernd irrelevant: Der Jetpack-Statistik zum Trotz leiste ich mir weiterhin den Luxus, über das zu schreiben, was mich interessiert. Dennoch wäre es falsch, sich überhaupt nicht um die Zahlen zu kümmern. Es würde bedeuten, dass mir das Publikum schnurz wäre. Und das wäre einfach nur arrogant.

Um ein Gespür fürs Publikum zu haben, brauche ich aber nicht zu wissen, was jeden einzelnen von euch interessiert. Mir kann komplett egal sein, was ihr auf anderen Websites tut. Ich muss euch nicht persönlich identifizieren und mit euren Facebook-, Twitter-, Google- oder Spotify-Konten in Verbindung bringen können.

Ich kenne weder euer Alter noch das Geschlecht oder den Wohnort. Ich finde es spannend zu sehen, aus welchen Ländern ihr kommt. Aber so richtig nützlich ist diese Information auch nicht, zumal ich mich zwangsläufig an ein deutschsprechendes Publikum in Zentraleuropa richte.

Marie, 29, alleinerziehend

Und ja, ich weiss, dass es Marketingmenschen gibt, die mit Personas operieren – das sind prototypische Nutzer wie Maria, 29, alleinerziehend mit drei Kindern, die mit diesem Blog hier absolut gar nichts anfangen kann, weil sie als Alleinerziehende ihre Zeit in vernünftigere Dinge investieren muss, als ein Pi-hole aufzusetzen oder sich um die Schalter und Menüs in den hinteren Einstellungsseiten ihres Smartphones zu kümmern.

Oder das User journey Mapping: Man schaut sich an, wie Leute eine Website oder sonst ein Produkt nutzen und wo sie welche Schwierigkeiten haben. Ja, klar, das mag helfen, Schwachstellen zu identifizieren. Aber mit etwas gesundem Menschenverstand würde man die auch mit einer vernünftigen Herangehensweise finden, ohne deswegen so viele Daten zu sammeln, wie nur irgendwie möglich ist.

Fazit: Was vorgeblich zum Nutzen des Anwenders ist – und ihm helfen soll, indem er ein möglichst einleuchtend zu bedienendes Produkt zur Verfügung hat –, ist eine wohlfeile Ausrede für diese ungenierte Datensammelei.

Ich plädiere fürs Weniger-Wissen: Statt alles zu wissen, braucht man die richtigen Daten und Informationen. Und ein gewisses Selbstvertrauen, dass man etwas anzubieten hat, was einen Wert hat: Dann kann es einem nämlich auch egal sein, ob es von Maria, 29, oder von Chavier, 62, in Anspruch genommen wird.


Ein Nachschlag zu diesem Thema gibt es morgen

Ein Webdienst verrät, welche Berechtigungen eine App anfordert und welche Tracker eingebaut sind. Und die Erkenntnisse, die sich daraus ergeben, waren für mich absolut schockierend.

Den Beitrag dazu gibt es morgen: App Tracking: Es ist noch viel, viel schlimmer

Beitragsbild: Liebe Datensammler, bitte hier entlang (Jon Tyson, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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