Dieser Nachrichtenwächter hat einen fatalen Fehler

Newsguard ist eine Initiative gegen Fakenews, die inzwischen auch deutschsprachige Informationsquellen auf ihre Glaubwürdigkeit hin abklopft. Das wäre verdienstvoll – doch leider habe ich etwas Grundsätzliches auszusetzen.

Im Beitrag Wie der Browser vor Fakenews warnt habe ich vor gut anderthalb Jahren auf Newsguard hingewiesen. Das ist eine Initiative gegen Falschnachrichten im Internet.

Das Kernstück ist eine Erweiterung, die es für Firefox, für Google Chrome, Edge, Safari und für andere Browser gibt. Sie zeigt via Adressleiste zu der geöffneten Website eine Bewertung an. Ein grünes Schild bedeutet, dass die Quelle verlässlich ist. Bei Websites, die gelegentlich oder regelmässig Desinformation verbreiten, erscheint hingegen eine rote Warnung.

Diese Einstufung ist auf vielen Websites auch bei Links ersichtlich: Newsguard zeichnet Resultate in Google aus und klinkt sich auch in Facebook ein. Man sieht sofort, ob eine Quelle als verlässlich beurteilt wird oder ob man ihr mit Vorsicht begegnen sollte.

Ich habe in meinem Beitrag ein ausführliches Urteil abgegeben: Ich sehe einige Probleme mit dem Ansatz von Newsguard, die ich ausführlich darlege. Im Grundsatz befürworte ich die Initiative und finde sie sinnvoll, um den Nutzern zu helfen, einen kritischen Umgang mit Quellen zu pflegen und ihre Medienkompetenz zu schulen.

Das Verdickt zum «Tagesanzeiger»: Alles okay, ausser, dass zu wenig über die Autoren bekannt ist.

Meine Hauptkritik bezog sich auf die Menge der beurteilten Websites. Die war zum Zeitpunkt meines Tests noch gering. Es gab Bewertungen für die grossen amerikanischen Newsplattformen.

Doch die Online-Medien aus dem deutschsprachigen Raum wurden als noch nicht überprüft gekennzeichnet. Das hat den Nutzen für die Anwender hierzulande logischerweise massiv geschmälert.

Die Einschätzung zu «Swiss Policy Research» lässt keine Fragen offen.

Nun kann ich berichten, dass sich die Situation stark verbessert hat. Im Herbst sind viele deutschsprachige Medien dazugekommen: Stern, Spiegel, Süddeutsche Zeitung und ähnliche haben nun alle ein grünes Schild erhalten. KenFM und Swiss Policy Research (siehe auch Ein Schweizer Liebling der Verschwörungstheoretiker) werden mit dem roten Schild als unjournalistisch und problematisch markiert, wie sich das gehört.

Das ist erfreulich – auch wenn die Abdeckung noch immer recht grosse Lücken aufweist. Bei den seriösen Medien aus der Schweiz wurde die «Republik» wurde noch nicht unter die Lupe genommen. Bei den Quellen am fragwürdigen Ende harren das «New Swiss Journal» (Einmal Hetze, immer Hetze?) oder Rubikon.news der Überprüfung. Aber wenn die Newsguard-Leute in ihrer Arbeit weiterfahren, wird die deutschsprachige Medienlandschaft in absehbarer Zeit recht gut erschlossen sein.

Doch leider bleibt es an dieser Stelle nicht beim Lob für Newsguard. Im Gegenteil. Die Erweiterung hat sehr an Nutzen eingebüsst: Sie setzt inzwischen nämlich auf ein Freemium-Modell.

Das dicke Haar in der Suppe: Hier sollte die Bewertung zur Website erscheinen. Stattdessen wird nur für die kostenpflichtige Mitgliedschaft geworben.

Als Gratisnutzer erhält man nur noch das Urteil, aber keinerlei Begründung. Man sieht das rote oder grüne Schild in der Adressleiste.

Doch wenn man den Mauszeiger darauf positioniert, erscheinen keine weiteren Informationen. Es gibt nur der Hinweis auf die bezahlte Mitgliedschaft. Diese Mitgliedschaft kann man während zwei Wochen testen, doch auch dafür muss man seine Kreditkarte hinterlegen. Lediglich bei den Popups in Google findet sich noch eine Bewertung.

Das macht Newsguard leider annähernd unbrauchbar: Wenn die Leute Medienkompetenz üben sollen, dann müssen sie lernen, Medien kritisch zu beurteilen – und das ist anhand eines roten oder grünen Schildes nicht möglich; für diesen Zweck ist die Einordnung unverzichtbar.

Nun verstehe ich natürlich, dass die Arbeit von Newsguard nicht gratis ist: Die seriöse Beurteilung der Medienplattformen ist aufwändig und kostet entsprechend Geld. Aber es ist meine Überzeugung, dass diese Dienstleistung für die Nutzer gratis sein müsste. Newsguard muss den Anspruch haben, auf breitester Front verwendet zu werden – von jedem Internetnutzer, der nur ansatzweise versteht, warum nicht alle Informationsquellen, die man im Web irgendwo findet, gleich verlässlich sind.

Aber dieses Ziel ist nicht zu erreichen, wenn man für die Mitgliedschaft bezahlen muss. 2.95 Euro kostet die pro Monat im Übrigen, was viel zu teuer ist. Ich würde fünf bis zehn Franken pro Jahr bezahlen. Aber nicht viel mehr – gerade auch deswegen, weil ich mir einbilde, in Sachen Medienkompetenz nicht ganz unbeleckt zu sein.

Und gerade die Internetnutzer, die es am nötigsten hätten, dürften die geringste Zahlungsbereitschaft aufweisen. Denn Leute, die ab und zu gern Verschwörungstheorien und Fakenews in Umlauf bringen, hätten in Newsguard einen Spielverderber: Sie müssten sich mit den Warnungen auseinandersetzen und diese aktiv ignorieren, wenn sie denn ihren Quatsch weiterhin würden posten wollen.

Fazit: Ich verstehe beim besten Willen nicht, was sich die Newsguard-Macher hier überlegt haben. So bringt es nichts – und sicherlich gäbe es andere Finanzierungsquellen – Stiftungen, Spenden, Fördermittel –, dank denen man die Erweiterungen den Nutzern gratis zur Verfügung stellen könnte. Das ist für mich eine Enttäuschung. Ich würde die Verwendung von Newsguard gerne propagieren und die Erweiterung mit Nachdruck empfehlen. Aber dafür müsste sie zwingend als «Service Public» funktionieren.


Update vom 20. 10.

Zu diesem Beitrag habe ich von Mediensprecherin Marie Richter eine ausführliche Replik bekommen, aus der ich zwei Punkte ergänzen möchte.

Erstens: «Sie schrieben, dass erst kürzlich viele der grossen deutschen Medien von uns bewertet wurden. Tatsächlich sind die grossen deutschen Medien bereits seit Mai 2019 mit einem Newsguard-Label versehen. Seither haben wir unser deutschsprachiges Angebot in grossen Schritten auf mittlerweile 260 Website-Bewertungen ausgebaut. Damit decken wir 94 Prozent des Online-Engagements ab (Likes, Shares, Kommentare), das deutschsprachige Nachrichtenbeiträge in sozialen Netzwerken generieren. Wie Sie jedoch richtig schreiben, kommen ständig Webseiten hinzu (Rubikon.news ist mittlerweile ebenfalls bewertet, das nur als Hinweis) und unsere Datenbank wird fortlaufend erweitert und aktualisiert.»

Zweitens: Zur Kritik am Geschäftsmodell nimmt die Mediensprecherin Marie Richter ebenfalls Stellung – und da ich die Ausführungen einleuchtend finde, zitiere ich sie gern im Wortlaut:

«Unsere Gründer haben mehr als 10 Millionen US-Dollar investiert, um den jetzigen Service mit mehr als 6000 Mediensteckbriefen, die regelmässig aktualisiert werden, anbieten zu können. Da Newsguards Bewertungsprozess jedoch sehr aufwändig ist und wir die Daten unserer Nutzer weder erfassen noch weiterverkaufen (unser einziges Produkt sind die Mediensteckbriefe), müssen wir aus den Mediensteckbriefen Einnahmen erzielen, um unsere Informationen weiter bereitstellen zu können.

Nichtsdestotrotz ist es unser Ziel, Newsguard so vielen Benutzern wie möglich zugänglich zu machen ⁠– und zwar durch Partnerschaften und Lizenzabkommen. Die Gründung einer Stiftung, die Sie ansprachen, bietet zwar eine Finanzierungsmöglichkeit, für Newsguard hat ein privatwirtschaftlicher Ansatz jedoch klare Vorteile. Dazu gehören z.B. die Diversifikation der Finanzierung, also eine Unabhängigkeit von Großspendern, die gleichzeitig unsere journalistische Unabhängigkeit garantiert.

Unser Modell basiert also darauf, dass Unternehmen wie Microsoft oder das britische Telekommunikationsunternehmen BT unsere Daten lizenzieren und sie ihren Kunden zur Verfügung stellen. Millionen von Nutzerinnen und Nutzern haben bereits diesen kostenfreien Zugang:

  • Newsguard ist dank unserer Partnerschaft mit Microsoft völlig kostenlos im Microsoft Edge-Browser nutzbar.
  • Besucher öffentlicher Bibliotheken, die eine Partnerschaft mit Newsguard eingehen, können Newsguard kostenlos auf Bibliothekscomputern über unser gemeinnütziges Medienkompetenz-Programm nutzen. Darüber haben mehr als 7 Millionen Benutzer in 750 Bibliotheken weltweit Zugriff auf unsere Bewertungen und Mediensteckbriefe (wobei hier anzumerken ist, dass dieses sich in Deutschland noch im Aufbau befindet).
  • Über unsere Partnerschaft mit Turnitin, einem grossen Unternehmen für Bildungstechnologie, haben mehr als 30 Millionen von Lehrkräften und Studenten an Schulen und Universitäten auf der ganzen Welt kostenlosen Zugriff auf Newsguard.
  • In Grossbritannien können Kunden von BT (British Telecom) im Rahmen einer Lizenzvereinbarung kostenlos auf Newsguard zugreifen.

Wir gehen davon aus, weitere Kooperationen mit führenden Internetanbietern, digitalen Plattformen, Bibliotheken und Bildungsunternehmen in der nahen Zukunft bekannt geben zu können. Durch diese Partnerschaften haben wir mehr Menschen erreicht und neue Nutzer gewonnen, als zu der Zeit, als Newsguard noch kostenlos verfügbar war. »

Beitragsbild: Hier kommen keine Fakenews durch (Bogdan Kupriet, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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