Mit einer App die Kinder schützen?

Microsoft hat sein Family Safety-Programm ausgebaut und von Windows auf Android und iOS ausgeweitet. Ich habe es mir angesehen und übe Kritik – sowohl an den technischen Details wie an der grundsätzlichen Idee, Kinder zu überwachen und einzuschränken.

Das sind die Einstellungen, die Vater Matthias für Sohn Matthias treffen kann.

Mit dieser Besprechung hier tue ich mich schwer. Es geht um  Microsoft Family Safety. Mein Problem mit der App ist, dass ich nicht sicher bin, ob ich die grundsätzliche Idee gut finde und gutheissen kann.

Aber zum Glück muss jede Familie für sich selbst entscheiden, ob eine solche App eingesetzt werden soll. Und darum gibt es hier eine möglichst neutrale Besprechung – mit meiner persönlichen Meinung am Schluss.

Also, zu den Fakten: Microsoft Family Safety gibt es fürs iPhone und iPad und für Android. In Windows sind die korrespondierenden Funktionen von Haus aus integriert. Man findet sie in der App Windows-Sicherheit im Abschnitt Familienoptionen. Klickt man auf Familieneinstellungen anzeigen, landet man auf account.microsoft.com/family, dem Online-Dashboard für die Familienfunktionen. Nebenbei bemerkt gibt es hier auch die Möglichkeit, Notizen via Onenote zu teilen, und einen Familienkalender anzulegen.

Die App will fünf Aufgaben erfüllen:

  1. Der wöchentliche Aktivitätsbericht zeigt auf, mit welchen Apps die Kinder ihre Zeit verbringen.
  2. Die Bildschirmzeit lässt sich mittels Zeitlimits auch reglementieren.
  3. Web- und Suchfilter blockieren unerwünschte Suchresultate. Alternativ kann man die Webaktivitäten auf eine Auswahl an zulässigen Sites beschränken.
  4. Eltern werden über Online-Käufe informiert und müssen diese abnicken.
  5. Über die Standortfreigabe erfährt man, wo sich die Familienmitglieder aufhalten.

Das erinnert stark an die Bildschirmzeit von Apple, die mit iOS 12 eingeführt worden ist und die mit der Familienfreigabe und den Beschränkungen (Kindersicherung) verwoben ist, um die Aktivitäten der Jungmannschaft zu kontrollieren und einzuschränken.

Der Vorteil von Family Safety ist, dass Microsofts Lösung auch plattfomübergreifend in Kombination mit einem Android-Gerät funktioniert – zumindest theoretisch. In der Praxis gibt es dazu einige Einschränkungen, die ich weiter unten noch erwähnen werde.  Der Nachteil ist, dass das Einrichten und Konfigurieren im Vergleich deutlich aufwändiger ist.

Ein Familienangehöriger kann entweder Organisator oder Mitglied sein.

Hat man die App installiert, muss man sie einrichten. Diese Aufgabe besteht darin, die real vorhandene Familie in Digital nachzubilden, sprich: Die Familienangehörigen hinzuzufügen. Dazu gibt man eine E-Mail-Adresse an. Das kann, muss aber keine mit einem Microsoft-Account verknüpfte Adresse sein.

Für die Anmeldung muss jedoch Microsoft-Account vorhanden sein. Ganz nebenbei sorgt Microsoft via Family Safety auch dafür, dass die Kinder schon einmal mit einem Konto ausgestattet werden.

Für jeden hinzugefügten Angehörigen bestimmt man, ob es sich um einen Organisator oder ein Mitglied handelt. Klassischerweise handelt es sich bei den Organisatoren um die Eltern bzw. die Erziehungsberechtigten und bei den Mitgliedern um den Nachwuchs. Entsprechend darf der Organisator Einstellungen festlegen und ändern. Die Mitglieder ihrerseits werden quasi verwaltet – dürfen aber je nach Alter auch gewisse Vorgaben treffen.

Was die Nutzer in der Family-Safety-App zu sehen bekommen, hängt nun von ihrer Rolle ab.

Die Familie aus Sicht eines Organisators. (Man beachte: Der präsupponierte Sohn heisst unpraktischerweise genauso wie der Vater.

Der Organisator erhält unter dem Titel Ihre Familie eine Übersicht der Mitglieder. Tippt man ein Mitglied an, sieht man unter Bildschirmzeit die Aktivitäten am Gerät, plus darunter die eingerichteten Inhaltsfilter.

Android verzeichnet keine App-Aktivitäten – obwohl Sohn Matthias ein paar Apps benutzt hat.

Ein Mitglied sieht nur seine eigenen Angaben: Die Bildschirmzeit und den Inhaltsfilter, App-Verwendung, sowie Web- und Suchaktivitäten.

In den Einstellungen darf ein Mitglied je nach Alter Änderungen vornehmen, zum Beispiel die Aktivitätsberichterstattung abschalten.

Das löst dann allerdings ein E-Mail an den Organisator aus, in dem steht: «Ihr Kind Matthias hat die Aktivitätsberichterstattung deaktiviert».

Ältere Kinder dürfen das Aktivitätsprotokoll abschalten – die Eltern erhalten aber umgehend Bescheid.

Also, so weit die grundlegenden Funktionen. Nun wie angedroht meine persönliche Meinung dazu. Und die bezieht sich auf zwei Aspekte:

Nämlich erstens einen technischen: Die App kann meines Erachtens die geweckten Erwartungen nicht erfüllen. Es stehen nämlich nicht alle Funktionen auf allen Plattformen zur Verfügung:

  • Die Bildschirmzeit lässt sich für Apps und Spiele unter Windows, Xbox und bei Android begrenzen, nicht aber bei iOS.
  • Die Beschränkungen bei den Online-Aktivitäten und der Websuche greifen nur bei Microsoft Edge und ebenfalls nur bei Windows 10 und Xbox One. Damit das überhaupt etwas bringt, müssen die anderen Browser aus dem Verkehr gezogen werden.
  • Die Kaufbenachrichtigungen erfolgen nur bei Apps und Spielen, die aus dem Xbox- und Microsoft-Store stammen.
  • Die Altersgrenze für Apps und Spiele gilt nur für Windows 10 und die Xbox (siehe dazu die FAQ).

Und klar, das ist nicht Microsofts Fehler. Diese Einschränkungen rühren daher, dass die Safety-App bei Android und iOS nicht die volle Hoheit über das Gerät innehat. Es reduziert den Nutzen aber massiv. Wenn ein Kind ein iPhone verwendet, kann man die App effektiv nur für die Standortnachverfolgung benutzen.

Zweitens die grundsätzliche Frage: Soll man seine Kinder überwachen und in ihren Aktivitäten einschränken oder hat das schon einen leicht faschistoiden Unterton?

Es ist klar, dass die Antwort auf diese Frage sehr davon abhängt, ob sie theoretisch gestellt wird und man über die Freiheit im allgemeinen und die Selbstbestimmung der Kinder im Spezielle philosophiert – oder ob man konkret vor der Situation steht, dass die Kinder im Netz Dinge tun, dass es den Teufel graust. Man will und muss die Kinder schützen. Und da kann es in der Tat passieren, dass man deutlich autoritärer auftritt, als man es im vorelterlichen Stadium jemals für möglich gehalten hätte.

Und ja, es hängt vom Kind ab: Von seinem Verantwortungsbewusstsein, seinen Freunden und davon, was die für einen Einfluss ausüben. Es gibt Kinder, die vor sich selbst geschützt werden müssen. Und darum finde ich es positiv, dass es die App gibt, und ich begrüsse auch die Möglichkeiten, die Apple mit der Bildschirmzeit in die Betriebssysteme eingebaut hat. Eine solche App zu verwenden, ist besser, als den Kindern die Geräte wegzunehmen.

Aber trotzdem muss ich die App nicht sympathisch finden. Und ich muss auch den Enthusiasmus von Liat Ben-Zur nicht teilen. Das ist die Frau, die hier schreibt, die App habe bei ihr einen Nerv getroffen. Ach, und nebenbei bemerkt hat Liat Ben-Zur einen wirklich beeindruckenden Job-Titel. Sie ist nämlich Corporate Vice President, Modern Life, Search, and Devices bei Microsoft.

Begrüssenswert finde ich aber, dass Microsoft sich dafür einsetzt, dass Eltern ihre Kinder ernst nehmen und nicht einfach bloss die Regeln festlegen, sondern den Kindern gewisse Rechte einräumen. Wie oben erwähnt, dürfen Kinder je nach Alter Optionen auch abschalten, und sie können die Berichte, die an die Eltern gehen, auch einsehen. Und die sieht Microsoft hier als Diskussionsgrundlage an:

Bleiben Sie über die digitalen Aktivitäten Ihrer Familie auf dem Laufenden. Auf dieser Grundlage lässt sich dann über angemessenes Onlineverhalten diskutieren.

Beitragsbild: Andrea Piacquadio, Pexels-Lizenz

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Mit einer App die Kinder schützen?“

  1. Ich bin froh, gibt es diese App, bzw. überhaupt die Möglichkeit, Bildschirmzeiten einzurichten. Mein Sohnemann gehört in die Kategorie „vor sich selber schützen“. Der würde sich hemmungslos stundenlang irgendwelche Gamer-Schreihälse auf Youtube reinziehen. Ob es jetzt die App tatsächlich braucht; „nützts nüt, so schadts nüt“ würde ich sagen. Ab und zu aus der Ferne nochmals 15 Minuten obendrauf zu geben, finde ich OK. Ob pädagogisch sinnvoll – weiss nicht. Aber ja, die Funktionen sind eingeschränkt und ich muss inzwischen zwei solche Bildschirmzeiten-Apps unterhalten; die von iOS und eben die von MIcrosoft.

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