Offline-Versager sind sie alle

Dann halt ein Paperback vom Bahnhofkiosk – oder was soll man sonst tun, wenn man erst von Netflix und dann von Audible im Stich gelassen wird?

Wir waren in den Ferien. Und zwar in Edgehausen, dem Hauptort der Provinz Bitgetröpfel in der Region Netzlos in Offlineistan.

Nein, das ist natürlich eine Übertreibung. Das Land, in dem wir in den Ferien waren, hat zwar beim Netzausbau nicht den besten Ruf. Aber dass ich quasi offline war, lag einerseits an meiner Entscheidung, ein klein wenig Internet-Detoxing zu betreiben und kein Roaming-Datenpaket zu buchen. Andererseits war das Hotel schuld.

Dieses Hotel wartet in der Lobby mit einem temporeichen WLAN auf, an dem es nichts zu mäkeln gibt – der geneigte Stipvisiteur könnte somit zum Schluss kommen, dass das einzig relevante Kriterium für die Wahl des Gästehauses (nebst der Frage, ob die Laken für neue Gäste jeweils gewechselt werden) erfüllt ist. Dumm nur: Bis ins Zimmer reicht die Versorgung nicht. Genau vor der Tür sackt die Datenrate ins Bodenlose. Und in den Stosszeiten (also allen Stunden ausser 2:00 bis 4:30 Uhr) kommt nur selten überhaupt ein Datenpaket durch. Surfen endet mit einen Timeout und Videostreaming mit einer leicht verzögerten Vorführung von ungefähr 10 Frames pro Viertelstunde.

Aber egal, dachte ich. Mit ein bisschen Vorbereitung lässt sich das lösen. Ich nehme also das iPad herunter in die Lobby. Die Idee: Einige Folgen der gerade aktuellen Serien offline zu laden. Die würden wir uns am Abend zu Gemüte führen, wenn das WLAN hoffnungslos überlastet ist.

Ich habe aber nicht damit gerechnet, dass das schöne Offline-Feature von Netflix auf ganzer Linie – das heisst, bei zwei von unseren zwei aktuellen Serienhits – komplett versagt.

Erstens bei Shtisel: Das ist eine Fernsehserie aus Israel, die uns Netflix nach Vollendung von «Unorthodox» (siehe Wer will sich von einem Algorithmus bevormunden lassen?) vorgeschlagen hat – und die ohne Zweifel als würdiger Vorläufer gelten darf und die Hauptdarstellerin aus jener Serie, Shira Haas, in einer Nebenrolle glänzen lässt. Die Offline-Wiedergabe ist unbrauchbar: Es fehlen die deutschen Untertitel. Wenn man also keine Lust hat, vorgängig noch schnell einen Crashkurs in Hebräisch zu absolvieren, versteht man bis auf einige wenige Lehnwörter nichts. Seltsamerweise funktionieren die hebräischen Untertitel. Doch das ist natürlich bloss eine interessante Beobachtung, aber keine Lösung fürs Problem.

Zweitens bei Community: Diese in den ersten Staffeln hervorragende Comedyserie, in der John Oliver in einigen Folgen einen Gastauftritt hat, bleibt während der Wiedergabe stecken. Typischerweise ist erst der Ton weg, dann bleibt das Bild stehen. Das passiert erst nur selten, aber ungefähr nach der Hälfte andauernd.

Man würde meinen, eine heruntergeladene Videodatei abzuspielen, sei kein so grosses Ding.

Anfänglich lässt sich das Problem lösen, indem man zehn Sekunden nach vorne springt – doch nach dem fünften bis zehnten Mal funktioniert auch das nicht mehr. Dann bricht die Wiedergabe mit einer Fehlermeldung (AVF:11800) ab. Die hier präsentierte Lösung hilft leider nicht.

Das hat die frustrierende Folge, dass wir mit vier zur Hälfte geschauten Folgen aus den Ferien zurückgekommen sind.

Aber gut: Man kann das als Zeichen nehmen, eine Netflix-Pause einzulegen. Ich habe schliesslich meine Audible-App und genügend Bücher dabei. Unter anderem The Ballad of Songbirds and Snakes. Das Prequel zu den «Hunger Games» habe ich vor einigen Wochen angefangen, bin aber nicht weitergekommen. Die Geschichte will mich nicht in ihren Bann schlagen. Während ich mich hervorragend mit dem 16-jährigen Mädchen (Katniss Everdeen) identifizieren konnte, lässt mich der 18-jährige Coriolanus Snow komplett kalt.

Doch auch Audible hat mich im Stich gelassen. Erst ist die App bei der Suche abgestürzt – dann auch beim Öffnen der Bibliothek. Das hat den Effekt, dass sich das Buch nicht wechseln lässt. Dieses Problem ist nicht neu – die Audible-App muss ungefähr einmal pro Jahr neu installiert werden, damit sie wieder einigermassen funktioniert. Und das ist normalerweise keine grosse Sache – ausser, wenn man sich entscheiden muss, ob man sich nun noch einmal die Mund-Nasen-Maske übers Gesicht stülpen und nun im Pyjama in die Lobby schlurfen mag, um dort die App und in der Folge auch das gerade aktuelle Buch noch einmal herunterzuladen…


Meine erste Vermutung: Der Absturz liegt am Umlaut im Autorennamen. Doch die App stürzte danach auch bei allen anderen Gelegenheiten ab.

Beitragsbild: Funktioniert offline und sogar ohne Strom (Prasanna Kumar, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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