Einmal Hetze, immer Hetze?

Eine Knacknuss für uns Freunde der angewandten Medienkompetenz: Darf man Desinformations- und Fakenews-Quellen global ächten – oder muss man bereit sein, begründete Ausnahmen zu machen?

Beitragsbild: Pegida Frankfurt April 2015 von Opposition 24/Flickr.com, CC BY 2.0

Hier im Blog ging es (hier, hier und hier) um Websites, die ihren Teil zur Vielfalt des Internets beitragen – bei denen ich aber Gegenposition einnehme, wenn sie mir in den sozialen Medien begegnen.

Denn ich finde, dass wir Nutzer von Facebook, Twitter und Co. die Beiträge sorgfältig auswählen sollten, die wir unseren Freunden und Followern unterbreiten. Es braucht einen kritischen Umgang mit den Quellen. Wir sollten die Motive kennen, die hinter einer Veröffentlichung stehen: Geht es um Information, Aufklärung, persönliche Meinung oder meinetwegen auch um Unterhaltung? Oder geht es um das Gegenteil?

Das Gegenteil von Information ist die Desinformation. Bei der spielen Fakten eine untergeordnete oder gar keine Rolle. Das Ziel ist, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und in eine bestimmte Richtung zu lenken. Und daher ist die Gefahr gross, dass man durch eine Weiterverbreitung in den sozialen Medien die öffentliche Meinungsbildung nicht fördert, sondern behindert – und Leute mit Reichweite belohnt, deren Motive fragwürdig sind.

Und um das auch mal gesagt zu haben: Jeder meiner Freunde auf Facebook und Twitter darf den grässlichsten Mist posten – wenn er dafür einen guten Grund hat und ich erkennen kann, dass eine kritische Auseinandersetzung beabsichtigt ist. Auf jeden Fall ist auch eine Triggerwarnung sinnvoll: Schliesslich hat man nicht zu jeder Tages- oder Nachtzeit Lust, sich über einen Online-Schwachfug aufzuregen.

Helm statt Maske? Wirklich?

Der heutige Fall ist einfach und knifflig gleichzeitig. Einfach ist er deswegen, weil die Freundin, die auf meinen kritischen Hinweis hin sofort signalisiert hat, dass sie Bescheid weiss. Es hat kein zermürbendes Hin und Her gebraucht, weil sie eine mündige Internetnutzerin ist, in dem fraglichen Fall die Quelle aber nicht näher überprüft hat.

Knifflig ist er, weil er eine schwer zu beantwortende Frage aufwirft. Nämlich: Wie weit soll oder darf man Medium und Autor trennen? Oder anders gefragt: Kann auf einem problematischen Medium ein diskussionswürdiger Beitrag erscheinen?

Zuerst zum Medium, das den Betrag veröffentlicht hat: Es ist das «New Swiss Journal». Das ist im September 2019 vom Medienjournalisten Benjamin von Wyl durchleuchtet worden:

Die grösste publizistische Leistung von «New Swiss Journal» besteht also darin, Journalist*innen die Lauterkeit abzusprechen. «New Swiss Journal» ist ein Anti-Journalismus-Portal. Während er [der Betreiber] auf das Schlagwort bei «New Swiss Journal» bisher verzichtet hat, steht es in einem neueren Facebook-Post von «Kampagne 19»: «Lügenpresse».

Inzwischen findet man das Wort «Lügenpresse» öfters beim «New Swiss Journal». Google zählt es 64-mal, zum Beispiel im Text «Mehr Lügenpresse geht nicht», wo auch von «Lügenjournalist» die Rede ist.

Meiner Meinung nach diskreditiert die wiederholte, unkritische Verwendung dieses Begriffs ein Medium – und zwar nicht deswegen, weil er eine Schmähung beinhaltet. Es muss erlaubt sein, andere hart anzugehen und zu beleidigen. Von dieser Regel sind nicht einmal Journalisten ausgenommen, zumal es in der Tat auch solche gibt, die schon gelogen haben.

Aber «Lügenpresse» ist ein vorbelasteter Kampfbegriff, wie Wikipedia ausführlich erklärt. Er gehörte zum Vokabular der Nationalsozialisten und wird heute noch immer in einem ähnlichen Kontext benutzt: Wer ihn verwendet, verortet sich in einem rechtsextremen und rechtspopulistischen Umfeld. Daraus muss man schliessen, dass es nicht um Information geht, sondern um einen politischen Kampf und um Agitation. Über den Betreiber des «New Swiss Journal», Martin Widmer, hat die «Tageswoche» 2018 geurteilt, er schreibe «seit Jahren fast alles und jeden nieder».

Zweitens zum Autor: Der fragliche Artikel ist ein Gastbeitrag von einem Mann, der oft in renommierten Medien publiziert hat. Es handelt sich um Beda M. Stadler: Er ist Biologe, emeritierter Professor, ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern, hat eine Wikipedia-Seite und in der Schweizer Mediendatenbank finden sich diverse Medien, die seine Thesen auch in letzter Zeit aufgegriffen haben. Mit anderen Worten: Eine legitime Stimme.

Das ist für uns Freunde der angewandten Medienkompetenz eine Knacknuss: Darf man Quellen quasi global bannen – oder muss begründete Ausnahme machen? Im vorliegenden Fall, weil der Autor bei der Wahl des Mediums für seinen Gastbeitrag womöglich eine unglückliche Wahl getroffen hat, aber trotzdem etwas zu sagen hat?

Es gilt meines Erachtens der gleiche Massstab wie fürs Posten von fragwürdigen Inhalten: Wenn gute Gründe erkennbar sind, dann ja. Ein Beispiel ist der ehemalige SP-Präsident Peter Bodenmann, der für die «Weltwoche» eine Kolumne schreibt. Seit Chefredaktor Roger Köppel sich als SVP-Rechtsaussen betätigt, ist die Publikation für meine Begriffe nur noch ganz knapp auf dem Terrain der legitimen Medien zu verorten. Aber dass sie auch einem politisch Andersdenkenden eine Plattform gibt, rechne ich ihr positiv an – auch wenn man darüber streiten kann, ob die Kolumne bloss ein Feigenblatt ist.

Im Fall von Beda M. Stadler sehe ich keine kritische Auseinandersetzung mit dem Medium. Im Gegenteil: Er vertritt die Thesen, die das «New Swiss Journal» andauernd vertritt, und die wir zur Genüge kennen. Die Quintessenz im Text ist folgende:

Um der Pandemie Herr zu werden, reiche eine Strategie aus, die sich auf den Schutz der über 65-jährigen Risikopersonen beschränke.

Klar ist auch, dass mit dem Scheitern des Schweden-Modells diese Aussage widerlegt ist. Und darum darf man es sich in dem Fall tatsächlich einfach machen. Es lohnt sich nicht, sich mit dem Text zu beschäftigen, und man sollte das «New Swiss Journal» von der Lektüreliste streichen.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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