Wie gut sind eigentlich die App-Tipps von Apple?

Eine kritische Würdigung der App-Besprechungen in der App-Store-App von iPhone und iPad – mit einem deftigen Seitenhieb auf Corporate Media.

In der App Store App von Apple gibt es den Reiter Heute, wo Spiele und Apps vorgestellt werden. Man findet dort die App des Tages und das Spiel des Tages. Und immer wieder finden sich auch Schwerpunkte wie Lern-Apps für Kinder oder ähnliche Dinge.

Candy Crush Saga? Wirklich?

Diese so genannten Storys werden von Redaktoren verfasst, die nicht namentlich genannt werden. Die Redaktoren, die Storys in Deutsch verfassen, sitzen dem Vernehmen nach in München  – so habe ich es zumindest einmal gehört. Einen Beleg für die Aussage habe ich auf die Schnelle nicht gefunden.

Ich lese diese Storys gelegentlich. Und ich finde sie leider nicht sonderlich gut.

Doch bevor ich das weiter ausführe, werde ich selbstverständlich gerne proaktiv den Einwand adressieren, der an dieser Stelle kommen muss.

Dieser Einwand lautet: «Natürlich, du kannst gar nicht anders, als diese Storys schlecht zu finden. Schliesslich fühlt ihr Journalisten euch bedroht, wenn Unternehmen sich direkt ans Publikum wenden – ihr bleibt dann aussen vor.»

Und der Einwand ist nicht von der Hand zu weisen. Was Apple da macht, ist eine Form von Corporate Media. Klassischere Varianten sind Kundenzeitschriften oder Unternehmens-Blogs. Im vorliegenden Fall gibt es die Besonderheit, dass Apple mit den Storys nicht die eigenen Produkte bespricht, sondern die der Geschäftspartner – sprich: Der Entwickler, die ihre Werke über den App-Store vertreiben. Aber das ändert nichts Grundlegendes an der Sache.

Es ist einleuchtend, dass jemand, der seine Tipps direkt aus der App-Store-App erhält, weniger auf die Berichterstattung in unabhängigen Medien und Blogs angewiesen ist. Mit den Storys tritt Apple in Konkurrenz zu den unabhängigen Medien und Bloggern.

Und Apple ist nicht das einzige Unternehmen, das das tut. Der Schweizer Online-Elektronikladen Digitec hat genügend junge Tech-Freaks in Sold und Brot, dass er an manche Pressekonferenzen mehr Personal und Equipment entsenden kann als gestandene Redaktionen. Darf man sich da nicht ein bisschen ärgern? Ich finde schon. Übrigens: Was ich wirklich schlecht finde bei Digitec ist die Tatsache, dass die Berichte über die Artikel nicht in einem gesonderten Bereich erscheinen, sondern auf der Front zwischen einzelne Produkte, Angebote und Aktionen gemischt werden. Aber darüber werde ich mich gesondert auslassen müssen.

Das Problem mit den Unternehmensverlagen ist nicht, dass sie schlechtere Arbeit leisten als die unabhängigen Medien. Im Gegenteil: Das Problem ist, dass sie teils richtig gute Arbeit leisten.

Kein Wunder: Sie werden über die Marketing-Kostenstelle finanziert – und zwar mit jenem Geld, das nicht mehr für die Werbung auf den herkömmlichen Kanälen ausgegeben wird. Sie können mit der grösseren Kelle anrühren und werden auf internen Kanälen mit Informationen versorgt, die den unabhängigen Medien gar nicht zur Verfügung stehen. Das macht sie erst richtig attraktiv und zu einer ernsthaften Konkurrenz.

Solche Corporate-Kanäle haben einen anderen Auftrag als unabhängige Medien. Sie werden Kritikpunkte totschweigen oder herunterspielen und sind anders als unabhängige Medien nicht darum bemüht, ein Gesamtbild abzuliefern.

Die Themenwahl ist unvermeidlicherweise einseitig: Denn welcher Corporate-Kanal wird darauf hinweisen, wenn es bei der Konkurrenz das bessere Produkt, das günstigere Schnäppchen, den faireren Service oder das angenehmere Kundenerlebnis gibt? Eben.

Die Zunahme des Corporate Publishing führt zur Bildung von jenen Filterblasen, die auf breiter Front beklagt werden. Klar, solche Filterblasen sind im Tech-Bereich nicht so schlimm wie bei politischen und gesellschaftlichen Belangen. Trotzdem verringern sie die Mündigkeit des Publikums – woran letztlich wieder einfach «die Medien» Schuld tragen.

Womit wir beim Publikum wären. Klar, kann man ihm nun die Verantwortung übergeben und fordern, dass ein mündiger Medienkonsument solche Mechanismen gefälligst zu durchschauen hat. Man kann Medienkompetenz fordern – und sollte das auch tun. Und man kann mit dem Finger auf die Medien selbst zeigen, die sich beim Native Advertising leider auch nicht mit Ruhm bekleckern.

Das stimmt – ist in dem Fall aber bloss ein Ablenkungsmanöver. Ich nehme das Publikum in Schutz, weil es wirklich schwierig ist, solche Hintergründe zu erkennen. Und ich fordere von den Unternehmen, dass sie Verantwortung übernehmen und zumindest transparent machen, wie ihr Corporate Publishing operiert – und dass das eher zum Marketing denn zum Journalismus zu zählen ist.

Also, nun aber endlich zu meiner Kritik an den App-Store-Storys. Ich habe mich erstens darüber gewundert, dass neulich Candy Crush Saga vorgestellt wurde. Dieses Spiel müsste inzwischen doch wirklich jeder kennen. Und mit seinen aggressiven Free-to-Play-Mechanismen ist es nicht gerade ein Vorzeigespiel. Wenn schon, dann müsste man die besten Alternativen zu «Candy Crush» präsentieren.

Die Frage bleibt unbeantwortet: Warum sammelt Airtime so viele Daten?

Das eigentliche Ärgernis war die App des Tages in diesem Tipp hier: Die heisst Airtime und erlaubt es bis zu zehn Leuten, gemeinsam Streams anzusehen, Musik zu hören oder Fotos zu tauschen. Das klingt interessant und nach einer hervorragenden Ergänzung zu den Möglichkeiten, die ich in meinem Beitrag #StayTheFuckHome – und trotzdem reisst der Kontakt nicht ab vorgestellt habe. Ich habe sie darum auch gleich ausprobiert.

Schon ganz am Anfang hat mich gestört, dass man beim Einrichten seine Telefonnummer angeben muss. Ist das nötig für eine solche App? Schliesslich ist es möglich, die Leute für einen gemeinsamen virtuellen Video-Abend über einen simplen Link zu versammeln.

Die App verlangte in einem nächsten Schritt, dass man zwingend mindestens drei Leute aus seinem Adressbuch auswählt. Wenn man das nicht tun möchte, kommt man an der Stelle nicht weiter.

Das empfand ich als Nötigung, weswegen ich den Test abgebrochen habe. Denn was passiert mit den ausgewählten Adressen? Werden die Leute angeschrieben, in einer Datenbank erfasst oder künftig sogar mit Spam versorgt? Das bleibt unklar. Doch eines ist offensichtlich: Wenn man eine Datensammel-Aktion würde starten wollen, dann würde man es genauso tun wie diese Airtime-App.

In einem Artikel müsste man auf die Datenschutzfragen eingehen und allfällige Bedenken adressieren – oder zumindest erklären, warum es sich trotzdem lohnt, so viele persönliche Angaben zu machen. Doch der Artikel schreibt nur, dass sich die «Privatsphäreeinstellungen ganz nach Bedarf ändern» lassen.

Das ist oberflächlich und zu wenig kritisch. Und Apple muss es sich gefallen lassen, an den eigenen Massstäben gemessen zu werden. Und zu denen gehört nun einmal, dass der Datenschutz hochgehalten wird. Das darf nicht nur im Grossen gelten – es muss auch im Kleinen zutreffen, wie bei den Storys im App-Store.

Ein Punkt, der mich an dieser Stelle nicht loslässt: Wissen die Apple-Redaktoren mehr als ich? Sprich: Haben sie Zugriff auf Interna des Unternehmens? Wissen sie beispielsweise, ob im Review-Prozess der App für die Store-Zulassung der Punkt der Datensammelei untersucht worden ist und was dabei herauskam? Das wäre entscheidend, ob man die Besprechung der Airtime-App als vertrauenswürdig oder als blauäugig einschätzt.

Eine abschliessende Frage: Wie wählt Apple die Apps aus, die so prominent vorgestellt werden? Auch da fände ich es sinnvoll, wenn das transparent gemacht würde – weil Apple nicht irgend ein Blog betreibt, sondern Gatekeeper im Store ist.

Bislang kann man über diese Frage nur spekulieren. In Beitrag How to get featured on the App Store Today tab (aus einem mir nicht näher bekannten Blog) erfährt man zumindest ein bisschen etwas:

Wie jedes kommerzielle Unternehmen ist Apple an Einnahmen und daran interessiert, das Image von iOS als Plattform mit hochwertigen Apps und Spielen hochzuhalten. Aus diesem Grund werden bezahlte Apps oder Apps mit In-App-Käufen mit grösserer Wahrscheinlichkeit vorgestellt, insbesondere wenn diese Apps hohe Bewertungen haben und für andere Produkte wie das iPad oder den Apple Watch verfügbar sind.

Einleuchtend, aber eben nicht die Kriterien, mit dem ein unabhängiger Rezensent die Objekte für seine Besprechungen aussucht. Wenig überraschend ist auch …

… dass der Anteil der kostenlosen Apps 46 Prozent beträgt, während bei Spielen nur 8 Prozent aller vorgestellten Spiele völlig kostenlos waren.

Mit anderen Worten: Es geht nicht um unabhängige Berichterstattung. Das Ziel dieses Corporate Publishing besteht darin, den Store-Umsatz zu erhöhen.

Fazit: Ihr dürft gerne weiterhin in der Heute-Rubrik der App stöbern. Ich mache es auch. Aber haltet gleichzeitig den unabhängigen Medien die Stange und sorgt dafür, dass euer Lieblingsblogger genug Lob, Liebe – und vielleicht ein paar Rappen – für seine Arbeit erhält.

Beitragsbild: Pixabay, Pexels-Lizenz

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

3 Gedanken zu „Wie gut sind eigentlich die App-Tipps von Apple?“

  1. Ich würde diese App-Empfehlungen nicht als „Journalismus“, sondern neumodisch als „Content Marketing“ bezeichnen. Dann sieht man auch gleich, um was es geht: um Umsatzgenerierung und nicht darum, die besten Apps vorzustellen.

  2. Ich bin ja einer dieser Digitec-Redaktoren und ich war noch nie so unabhängig wie jetzt. Ich kann Produkte, die unsere Firma selbst verkauft, nach Lust und Laune in die Pfanne hauen, wenn ich das will. Überhaupt bestimme ich meine Themen und die Art der Umsetzung völlig frei.

    Wenn wir eine Messe besuchen, gehen Reise und Unterkunft in der Regel auf Kosten der Redaktion. Nicht wie bei vielen sogenannt unabhängigen Medien, die sich von einem Hersteller einladen und in ein Fünfsternhotel einquartieren lassen. Selbstverständlich ohne Gegenleistung, man ist ja unabhängig… Auch kommt kein Anzeigenverkäufer ans Pult und findet so: «Firma XY schaltet im nächsten Heft eine doppelseitige Anzeige – just saying. Du kannst natürlich schreiben, was du willst. Ich wollte es nur erwähnen.»

    Wenn Unternehmen über ihre eigenen Produkte schreiben, kannst du das mit der Unabhängigkeit natürlich vergessen. Aber gerade bei Apple und Digitec ist das ja nicht der Fall. Hier ist weniger die Unabhängigkeit der Knackpunkt, sondern die Firmenkultur. Als Journalist in einem Unternehmen, das kein Medienhaus ist, befindest du dich an einem Ort, wo 99% der Mitarbeiter nicht journalistisch denken und ticken. Die teilweise gar nicht verstehen, wie wir arbeiten und was unsere Anforderungen sind. Ein typischer Konflikt ist zum Beispiel, dass die meisten Mitarbeiter ihre Aufgaben monatelang im Voraus planen und alles mit akribischen Termintabellen definiert haben wollen. Und die dann nicht verstehen, warum es die Redaktoren nicht auch so machen. Vielleicht halten sie uns für unsorgfältige Chaoten. Dabei geht im Journalismus halt nicht anders.

    Die von dir kritisierte Vermischung von Aktionen und redaktionellen Beiträgen auf der Homepage ist ebenfalls ein Resultat davon, dass das Unternehmen als ganzes halt nicht journalistisch denkt. Die Front wird nicht von einem Blattmacher gestaltet, sondern von IT-Nerds (respektive vom Algorithmus, den sie ausgetüftelt haben).

    «Das Problem mit den Unternehmensverlagen ist nicht, dass sie schlechtere Arbeit leisten als die unabhängigen Medien. Im Gegenteil: Das Problem ist, dass sie teils richtig gute Arbeit leisten.»

    Aus meiner Sicht ist das Problem, dass die Medienhäuser ausgerechnet bei ihrer Kernkompetenz sparen. Sie machen es der neuen Konkurrenz viel zu einfach. Ich würde mich bei einem klassischen Medienhaus wahrscheinlich eher zu Hause fühlen. Aber dort einen Job zu bekommen, ist praktisch unmöglich, nachdem die sich alle kaputtgespart haben …

    1. Da kann ich dir nicht widersprechen – vor allem nicht beim letzten Abschnitt, wo ich es besonders gern täte. 😉

      Aus Tranzparenzgründen sei gesagt, dass wir beide uns kennen – und ich weiss, dass du mit dem journalistischen Handwerk bestens vertraut bist.

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