Bin ich ein guter Blogger?

Wie es sich für einen guten Blogger gehört, beantworte ich hier eine Frage, die gar niemand gestellt hat.

Zugegeben: Der Zeitpunkt für diese Frage ist absonderlich. Denn ich blogge nun schon seit bald 14 Jahre. Ein guter Moment für eine kritische Selbstbeäugung wäre sechs Monate nach dem Start des Blogs. Oder meinetwegen nach einem Jahr. Dann könnte man sich fragen, ob diese Beschäftigung irgend einen Nutzen für die Welt hat. Oder wenigstens für einen selbst.

Aber was soll bei einer Manöverkritik nach mehr als einer Dekade noch herauskommen? Die Erkenntnis, dass ich all die Zeit besser mit Mandalamalen oder dem Ausstopfen der Beutetiere unserer Nachbarskatze verbracht hätte?

Der Punkt ist nun der, dass ich nicht selbst auf die Idee gekommen bin, mich einer Evaluation zu unterziehen. Ich wurde vom Blogosphäre mit dieser Aufgabe konfrontiert. Konkret vom Blogpost You’re a Good Writer But Not a Good Blogger. Und da ich erst gedacht habe, dieser Blogpost stamme vom geschätzten Nilay Patel, habe ich sie als hochoffiziellen Auftrag aufgefasst. Der Mann ist Chef bei «The Verge», und die meisten Themen, die er aufwirft, sind bedenkenswert.

Nun, ich habe genauer gelesen und festgestellt, dass der Autor des Blogposts nicht Nilay, sondern Neil Patel heisst und in dem nicht so geschätzten Gebiet der Suchmaschinenoptimierung tätig ist. Aber sollte ich deswegen einen Rückzieher machen?

Eigentlich ja. Denn niemand will sich von einem SEO-Experten aus dem Busch klopfen lassen, der als Punkt fünf seines heldenhaften Einsatzes für gepflegtes Bloggertum unverfroren sein eigenes Gewerbe, die Suchmaschinenoptimierung, ins Spiel bringt. Doch weil ich mir an dieser Stelle bereits diverse Gedanken gemacht habe, erblickt dieser Blogpost jetzt trotzdem das Licht der Welt.

Was der Herr Patel meint, ist, dass ein Blogger nicht nur das Schreiben beherrschen muss. Er muss auch Netzwerker, Selbstvermarkter, Geschäftsmann und Verleger sein. Das ist nun keine spektakuläre Erkenntnis, selbst wenn der SEO-Mensch sie in seinem mindestens 5000 Zeichen zu langen Beitrag als solche inszeniert.

Nein, natürlich muss auch jeder andere Autor mehr können als nur Worte auf ein Papier oder einen Bildschirm zu bringen:

— Ein Journalist sollte recherchieren, mit Informanten und Quellen umgehen und das Redaktionssystem bedienen können. Und er muss in der Lage sein, ruhigen Blutes an der Redaktionskonferenz teilzunehmen.

— Ein Buchautor braucht das Talent, seine Manuskripte zu verkaufen und mit Verlagen zu verhandeln. Er sollte bei einer Lesung eine nicht allzu schlechte Figur abgeben. Und wenn er einmal in eine Fernsehsendung eingeladen wird, wäre es gut, wenn er vor der Kamera einen geraden Satz herausbekommt.

— Ein Drehbuchautor wiederum kommt nicht umhin, damit klarkommen zu müssen, wenn ihm der Regisseur, Produzent und der Script Doctor ins Handwerk pfuschen. Und ja: Auch der Schuster muss neben seinem Leisten auch das Business beherrschen.

Das Schöne am Bloggen ist allerdings, dass man es nicht nur als Profi, sondern auch als Amateur betreiben darf. Man muss nicht unbedingt reich, berühmt und einflussreich werden – zumal man mit dieser Absicht heute eh nicht mehr die Laufbahn des Bloggers, sondern jene des Youtubers oder Influencers einschlagen würde.

Und damit sind wir beim Punkt: Ich schätze je länger je mehr diese kleinen Blogs, die scheinbar völlig ambitionslos in reiner Selbstgenügsamkeit vor sich hin existieren.

Das mag eine Gegenreaktion auf all die Leute sein, die das Internet als das erstbeste Instrument für ihre Selbstverwirklichung betrachten. Die auf Fans und Anhänger aus sind und vergöttert werden wollen. Die gehen mir zunehmend auf den Wecker – siehe auch Instagram und ich, wir haben uns nichts mehr zu sagen.

Klar: Ich bin auch nicht frei von Eitelkeiten. Und ich freue mich, wenn ein Post aus meinem Blog erfolgreich ist oder die Zugriffszahlen in der Tendenz nach oben zeigen. Ich gehe nicht so weit wie jene Künstler, die das totale Desinteresse des Publikums als Beweis für ihre Avantgarde nehmen.

Aber das nur nebenbei. Hauptsächlich finde ich es schön, dass es nicht Leute wie Neil Patel sind, die bestimmen, wer ein guter Blogger ist und welche Erfolgsfaktoren darüber bestimmen. Nein, das darf jeder ganz allein entscheiden.

Und darum ist die Antwort auf die eingangs gestellte Frage eindeutig: Ich bin ein guter Blogger. Es sollte viel mehr Blogs wie dieses hier geben.

Beitragsbild: Wenn er zufällig Blogger sein sollte, dann muss er ein guter Blogger sein (Andrea Piacquadio, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „Bin ich ein guter Blogger?“

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