Was Trump mit Google gemeinsam hat

Rückblick der Woche 22: Trump haut Twitter auf die Finger; Bei Twitter kann man Tweets zeitgesteuert absetzen; Apple will durch eine Übernahme Siri unter die Arme greifen; Google bastelt am Page-Rank-Algorithmus

Trump haut Twitter auf die Finger

Trump hat einen dicken noch dickeren Hals bekommen, nachdem Twitter einen seiner Tweets gefact-checkt hat. Auf dieser Seite hier steht, dass die Behauptungen des Präsidenten unbegründet seien: Trump hatte angedeutet, dass Briefwahl und -abstimmungen – wie sie hierzulande seit Jahrzehnten praktiziert werden – Betrug und Fälschungen fördern würden. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom wollte diesen Weg erleichtern. Der Grund ist die Corona-Pandemie – aber natürlich ist die Möglichkeit, per Brief abzustimmen und zu wählen, generell eine gute Sache, weil sie die Stimmbeteiligung erhöht.

Der Präsident empfand das nun offenbar als persönliche Beleidigung. Und wie man es von ihm kennt, hat er gleich die ganze Macht seines Amts in Gang gesetzt, um Satisfaktion zu erlangen, wie das in den alten Mantel- und Degen-Filmen gern genannt wird. Er hat einen Erlass unterschrieben, der sich laut heise.de «in weiten Teilen so liest, als wäre er allen voran zum Lesegenuss einer bestimmten Person geschrieben: Donald Trump selbst.»

Der Erlass nennt sich Executive Order on Preventing Online Censorship, und will dem nach die Online-Zensur verhindern. Es ist bemerkenswert, dass Trump noch nicht einmal den Versuch unternimmt, seine persönliche Betroffenheit zu kaschieren. Im Gegenteil; es heisst ausdrücklich:

Twitter entscheidet sich nun selektiv dafür, bestimmte Tweets mit einem Warnhinweis zu versehen, der die politische Voreingenommenheit deutlich zum Ausdruck bringt. Wie berichtet wurde, hat Twitter anscheinend noch nie einen solchen Warnhinweis auf den Tweets eines anderen Politikers platziert.

Der Erlass hat den offensichtlichen Zweck, die Plattformbetreiber einzuschüchtern. Dazu wird die Handelsbehörde (Federal Trade Commission FTC) aufgeboten, den Plattformen gegebenenfalls den Marsch zu blasen:

Die FTC erwägt, gegebenenfalls und im Einklang mit dem anwendbaren Recht Massnahmen, um unlautere oder irreführende Handlungen oder Praktiken im Handel oder mit Auswirkungen auf den Handel gemäss Abschnitt 45 von Titel 15, United States Code, zu verbieten.

Einen Aspekt finde ich indes interessant: Die grossen Dienste, beispielsweise Google, haben sich früher immer darauf berufen, dass sie nur Vermittler sind und keine inhaltliche Verantwortung tragen. Der Erlass wirft die Frage auf, ob eine Plattform nicht zum «Herausgeber» wird, wenn sie anfängt, Dinge zu blockieren oder zu bewerten. Und über diese Behauptung sollten wir ernsthaft diskutieren.

Klar: Wenn man die Unternehmen tatsächlich auf eine reine Vermittlerrolle zurückbinden will, dann dürften sie nur offensichtlich illegale Dinge löschen, also typischerweise urheberrechtsverletzendes Material. Darüber hinaus wäre alles zulässig, insbesondere Fakenews und Hassrede. Man könnte natürlich auch den umgekehrten Schluss ziehen: Dass die Plattformen tatsächlich als Herausgeber zu betrachten sind und daher stärker in die Pflicht genommen werden müssten.


Bei Twitter kann man neuerdings Tweets zeitgesteuert absetzen

Noch am letzten Mittwoch habe ich in meinen dreckigen Tricks fürs Homeoffice (Abo+) die Möglichkeit erwähnt, Social-Media-Postings über den Tag zu verteilen, um einen geschäftigen Eindruck zu machen.

Genau zum richtigen Moment stellt Twitter nun die Möglichkeit vor, Tweets zu einem späteren Zeitpunkt abzusetzen. Twitter hat die Funktion gestern in einem Video vorgestellt:

Sie ist indes ganz einfach zu benutzen: Man tippt aufs Symbol mit Uhr und Kalender und wählt im Zeitplan Datum und Uhrzeit für die Veröffentlichung. Die geplanten Tweets lassen sich bearbeiten, aber offenbar nur dort, wo man sie auch erfasst hat (App oder Web). Das ist, so leid es mir tut, viel praktischer als Buffer.com.


Apple will durch eine Übernahme Siri unter die Arme greifen

Apple hat das Start-up Inductiv Inc. aus Ontario übernommen, das sich mit maschinellem Lernen befasst. Die neuen Mitarbeiter sollen sich damit beschäftigen, die digitale Assistentin Siri zu verbessern. Apple hat das gegenüber Bloomberg bestätigt: «Wir kaufen gelegentlich kleine Technologie-Unternehmen und wir diskutieren unsere Pläne und Absichten nicht.»

Inductiv war gemäss Bloomberg von Professoren von Stanford und den Unis in Waterloo und Wisconsin gegründet worden. Sie beschäftigen sich dort ebenfalls mit dem maschinellen Lernen, was die Vermutung, dass es um die Verbesserung der in den letzten Jahren stagnierenden Siri einleuchtend macht.


Google bastelt am Page-Rank-Algorithmus

«The Verge» schreibt, Google werde ab dem nächsten Jahr beim Ranking der Websites in den Suchresultaten ein neuer Wert namens Page experience einfliessen lassen. Der soll ausdrücken, wie angenehm das Nutzererlebnis mit einer Seite ist. Es gibt dazu einige technisch klingende Messwerte wie Largest Contentful Paint (wie schnell wird der Hauptteil der Seite angezeigt), First Input Delay (wie lange dauert es, bis man mit der Seite interagieren kann und Cumulative Layout Shift (wie schlimm hüpfen Elemente auf der Seite herum, während sie sich aufbaut).

Diese Werte gehören zu den Web Vitals, den «Vitalparametern» einer Website. Die widerspiegeln, wie «gesund» man als Nutzer eine Website erlebt: Erscheint sie flott und flink oder schleppt sie sich dahin, bis sie endlich am Bildschirm erscheint?

Über die medizinische Analogie muss man nicht unbedingt begeistert sein. Die Idee finde ich allerdings gut: Überfrachtete, langsam landende und unsere Nerven strapazierende Websites sind ein Ärgernis.

Es bleibt allerdings der alte Diskussionspunkt: Ist es sinnvoll, wenn Google formale Merkmale bei der Bewertung miteinbezieht oder sollte es allein um die Vermittlung der besten Inhalte gehen?

Oder anders gefragt: Ist es in meinem Sinn als Internetnutzer, wenn mir die Google-Suche ein Resultat mit hervorragenden Informationen erst weiter hinten in der Liste anzeigt, weil die Seite langsam lädt? Diese Frage werden sehr viele Nutzer wahrscheinlich mit Nein beantworten.

Und schliesslich muss die Frage erlaubt sein, wer Google zum Wächter über das Web ernannt hat. Die Page Experience soll eine erzieherische Massnahme haben – genauso, wie die Koalition für bessere Werbung (Coalition for Better Ads) oder die Abstrafung von Websites, die keine Verschlüsselung verwenden.

Aber warum sollte es an Google sein, die Webbetreiber zu erziehen? Ich warne davor: Der einzige Grund ist die Machtposition – und da unterscheiden sich Google und Trump eben kein bisschen, wenn sie diese in die Waagschale werfen, um eigene Interessen durchzusetzen. Auch wenn Googles Interessen in diesem Fall zufällig auch meine Interessen sind.

Beitragsbild: Ist es Zufall, dass in Englisch das Wort für das Lineal, mit dem man uns in der Schule früher auf die Finger gehauen hat, das gleiche Wort ist wie für Herrscher (Inactive account ID 249, Pixabay-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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