Twitter, nur ohne den Zahlenverhau

Eine Browser-Erweiterung entfernt die Anzahl Likes, Retweets und Follower aus der Benutzeroberfläche von Twitter. Das klingt unsinnig – ist es aber nicht.

Der scharfsinnige, hier schon einmal erwähnte Ezra Klein hat mich auf eine Browser-Erweiterung namens Twitter Demetricator aufmerksam gemacht, die es für Firefox und für Google Chrome gibt.

Na, wie viele Likes hat dieser Tweet wohl eingesammelt?

Sie blendet bei den Retweets, Antworten und Favoriten die Zahlenangaben aus. Man erfährt auch nicht mehr, wie viele Follower ein Account hat und wie vielen Leute er folgt.

Das klingt auf den ersten Blick völlig unsinnig. Als Twitter-Nutzer ist man gewohnt, diese Informationen bei Relevanzabwägungen routinemässig miteinzubeziehen. Wenn etwas mit vielen Herzchen versehen oder häufig retweetet wurde, dann beurteilen wir es als wichtiger als Meldungen, die scheinbar unbeachtet durch die Zeitleiste flutschen.

Der Urheber der Erweiterung ist ein Künstler namens Ben Grosser. Er schreibt:

Die Twitter-Benutzeroberfläche ist voll von Zahlen. Diese Zahlen, oder Metriken, messen und präsentieren unseren sozialen Wert und unsere Aktivitäten und zählen Follower, Vorlieben, Retweets und mehr. Aber welche Auswirkungen haben sie, wem wir folgen, was wir posten oder wie wir uns fühlen, wenn wir die Website nutzen?

Das ist eine berechtigte Frage. Wir alle neigen dazu, diesen Zahlen eine Art objektive Wahrheit zuzugestehen. Die unterschwellige Annahme besagt, dass The wisdom of crowds, die Weisheit der Vielen am Werk ist. Und wenn viele Leute etwas gut finden, dann muss zumindest etwas dran sein.

Das ist gleichzeitig richtig und kompletter Unsinn.

Wenn ich meine eigenen Tweets anschaue, dann zählen diejenigen mit vielen Herzchen und Retweets tendenziell durchaus zu meinen originelleren Werken. Bei den Tweets, die keine grossen Reaktionen ausgelöst haben, ist viel Belangloses dabei.

Aber eben: Das gilt nicht absolut. Es gibt auch einige Tweets, die ich in aller Bescheidenheit als originell taxieren darf, die aber komplett untergegangen sind. Vielleicht habe ich sie im falschen Moment abgesetzt. Vielleicht war die Aufmerksamkeit meiner Follower gerade anderswo. Denkbar ist auch, dass manch ein toller Tweet einfach nicht in meine Bubble passte.

Diese Metriken bei Twitter und in den sozialen Medien implizieren auch eine Vergleichbarkeit: Ein Tweet mit fünftausend Likes ist besser als einer mit 300. Oder?

Nein, auch das stimmt nicht. Ein Beispiel: Wenn der Tweet mit 300 Likes von einem rätoromanisch schreibenden Bergbauer abgesetzt wurde, der Tweet mit 5000 Likes aber von Donald Trump in seinem Idiom, das dem amerikanischen Englisch in gewisser Weise ähnelt, dann war – relativ gesehen – der Bergbauer um Potenzen erfolgreicher. Er hat seine Bubble gerockt, während Trump in seiner bloss ein laues Aufmerksamkeits-Lüftchen verursacht hat.

Erfolgreich sind in den sozialen Medien jene Leute, die ein Händchen für das so genannte Community Building hat. (Building wäre hier mit Aufbau und nicht mit Gebäude zu übersetzen; danke für die Kenntnisnahme.)

Diese Leute operieren mit einer konsistenten Botschaft zu einem bestimmten Thema. Ein typisches, völlig willkürlich gewähltes Beispiel wäre ein Gadget-Freak, der sich gerne über Apple-Produkte auslässt und leicht zu begeistern ist. Er kann dann mit seiner Crowd jede Neuerung abfeiern.

Ich selbst bin ein Anti-Beispiel, was das Community Building angeht. Ich finde ab und zu zwar auch Gefallen an Apple-Produkten. Aber dann wiederum breche ich eine Lanze für Raspbian und den Raspberry Pi. Als Nächstes habe ich eine politische Meinung, dann geht es um Microsoft, dann zoffe ich mich mit Verschwörungstheoretikern und danach geht es um Hörbücher und um Podcasts. Dieses Wechselbad geht den Leuten irgendwann auf den Wecker – wie könnte es anders sein.

Kommt noch ein weiteres Problem dazu. Das wird durch den etwas derben Spruch von Dieter Hildebrandt ganz gut auf den Punkt gebracht:

Leute, fresst Scheisse, Millionen Fliegen können nicht irren!

Wenn man sich die Musikhitparade anhört, dann kommt man zur Vermutung, dass viele Leute diesem Aufruf gefolgt sind.

Etwas weniger zynisch ausgedrückt: Das Resultat ist in aller Regel wirklich nicht gut, wenn man sich allein am Massengeschmack orientiert. Das sieht man beim Formatradio, aber auch bei den Clickbait-Medien oder beim rein werbefinanzierten Fernsehen. Und ich verrate kein Geheimnis, wenn ich hier schreibe, dass auch die seriösen Medien sich schwertun,  die Klick- und View-Zahlen mit den anderen Kriterien für die journalistische Berichterstattung auszutarieren.

Der eingangs erwähnte Ezra Klein findet, mit der Demetrisierung sei Twitter viel nützlicher für ihn geworden, weil nicht an allem «Signale der sozialen Popularität kleben» würden:

Ich halte das für einleuchtend, und ich habe derzeit den Demetricator mal ein- und mal ausgeschaltet. (Das lässt sich über das Icon in der Browser-Symbolleiste leicht umschalten.) Ich frage mich allerdings, ob so eine Erweiterung nicht reine Symptombekämpfung ist. Denn jene Leute, die für ein Like noch den grössten Unsinn schreiben, die wissen ja nicht, dass ich gar nicht sehe, wie viele Likes sie gerade wieder eingesammelt haben.

Wäre es nicht sinnvoller, wenn die sozialen Medien diese Zahlen selbst zurückfahren würden? Letztes Jahr konnte man lesen, dass Instagram dazu übergegangen ist, in manchen Ländern die Zahl der Likes zu reduzieren. Wird das die Beklemmung lösen? fragte die «New York Times».

Es ging bei Instagram, falls ich das richtig verstanden habe, hauptsächlich darum, die Macht der Influencer zu beschneiden. Es ist sogar Instagram aufgegangen, dass dieses Phänomen komplett ausser Kontrolle geraten ist.

Aber ich glaube nicht, dass die Metriken auch bei Facebook und Twitter ganz verschwinden werden. Und irgendwie würde ich ihnen nachtrauern. Allen Einwänden zum Trotz: Ich schätze jegliche Form von Metadaten. Meines Erachtens bräuchte es noch mehr davon: Angaben zur Relevanz, zur geistigen Tiefe, zum Neuigkeitsgehalt, zur Schärfe der Argumentation, zum Humor und zur Empathie – solche Dinge. Wenn die sich nur so einfach erheben lassen würden wie ein Like und ein Retweet!

Beitragsbild: Tut man es für die Sache – oder nur für die Reaktionen des Publikums? (Cristian Dina, Pexels-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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