Ein sinnvolles Hobby für unsere PCs und Macs

Bei den Ausserirdischen fängt es an – und mit der Bekämpfung von Covid-19 hört es hoffentlich noch längst nicht auf: Das Potenzial des vernetzten Rechnens.

Das Prinzip des verteilten Rechnens ist euch sicher bekannt: Statt eines einzigen gigantomanischen Supercomputers verwendet man viele normale Computer, die sich parallel an einer Teilaufgabe zu schaffen machen. Der Clou dabei: Diese Computer erledigen diese Aufgabe nebenbei; quasi als Hobby.

Dieses Prinzip ist nicht neu. Das bekannteste Projekt ist Seti@home. Das läuft bzw. lief seit Mai 1999. Ich bin irgendwann anfangs 2001 dazugestossen. Am 19. Februar 2001 habe ich im Artikel «Von Freund zu Freund tauschen» Folgendes geschrieben:

Projekt Seti@home («Search for Extraterrestrial Intelligence at home»; Suche nach ausserirdischer Intelligenz zu Hause) benutzt eine P2P-Technik, um die Daten auszuwerten, die durch die Beobachtung des Weltalls anfallen. Teilnehmer stellen die Rechenkapazität ihrer PCs zur Verfügung. Ein Bildschirmschoner wird aktiv, wenn der Computer nicht benützt wird, und verwendet dessen Rechenleistung für die Datenanalyse.

Eigentlich ging es im Artikel über die Möglichkeiten der Peer-to-Peer-Technologie. Die Musiktauschbörse Napster, Gnutella und BearShare. Man müsste einwenden, dass das verteilte Rechnen etwas grundsätzlich anderes ist als das Tauschen von Inhalten ohne zentralen Server.

Warum ich das damals in einen Topf geworfen habe, ist mir heute nicht mehr einsichtig. Vermutlich wollte ich eine möglichst breite Palette an lustigen Internet-Apps abseits des klassischen Webs beleuchten. Vielleicht ging es darum, dem etwas anrüchigen Thema der Musiktauschbörsen mit den dort gehandelten geklauten MP3-Dateien einen seriösen Anspruch zu verleihen. Aber ob da die Jagd nach Ausserirdischen das richtige Mittel war?

Zu meiner Ehrenrettung ist zu sagen, dass ich am 28. November 2005 das World Community Grid noch einmal separat vorgestellt habe.

Jedenfalls war ich damals selbst ein begeisterter Nutzer des Boinc-Clients der Berkeley-Universität und des World Communty Grid. Der Boinc-Client basierte auf der ursprünglichen Seti@home-Idee, wurde aber für viele weitere Projekte geöffnet. Nebst Astrowissenschaften kamen fast alle Bereiche der Naturwissenschaften zum Zug, zum Beispiel auch die Klimaforschung. Schnell stand das Projekt auch im Dienst der Medizin; zum Beispiel bei der Forschung nach Krebsmedikamenten. Da liegt es nur nahe, das Prinzip auch für die Bekämpfung des Coronavirus einzusetzen.

Wie das geht und wie man selbst mitwirken kann, erkläre ich in diesem Patentrezept-Video:


Wie Ihr Computer im Kampf gegen Corona helfen kann

Ich erinnere mich, insgesamt über ein Jahr an Rechenzeit gespendet zu haben. Leider hat das Einloggen beim World Community Grid mit meinen ursprünglichen Zugangsdaten nicht mehr geklappt. Vermutlich wurde mein Benutzerkonto wegen Inaktivität irgendwann einmal gelöscht. Schade – und der Grund, weswegen meine Grusszügigkeit an dieser Stelle leider unbesungen bleiben muss.

Aber darum geht es schliesslich auch nicht. Sondern darum, einen Beitrag ans Gemeinwohl zu leisten, der sicher sinnvoller ist, als Bitcoins oder Dogecoins zu schürfen.

Also, darum hier eine Übersicht der Möglichkeiten, um seine Rechenleistung zu spenden:

Eine gute Sache – die, nebenbei bemerkt, aber auch aufzeigt, dass die neuen, mobilen Plattformen nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Die Clients für das verteilte Rechnen gibt es für Windows, Mac und Linux.

Der Folding@home-Client rechnet im Dienst der Covid-19-Bekämpfung.

… kleiner Exkurs an dieser Stelle: Bei Linux ist das verteilte Rechnen besonders verwurzelt. Das ist nicht überraschend. Denn natürlich sind die Anwender eines Betriebssystems, das von der Community gepflegt wird, dem Gemeinschaftsgedanken besonders zugetan. Das zeigt sich übrigens deutlich in der Betriebssystem-Statistik von Folding@home: Windows ist führend, doch Linux hat einen Anteil von mehr als einem Viertel. Mac OS ist weit abgeschlagen.

Also: Verteiltes Rechnen ist eine Aufgabe für den klassischen PC. Die mobilen Plattformen haben nicht viel zu melden. Es gibt die Clients von Boinc und Folding@home auch für Android, doch natürlich will nicht unbedingt sein Handy für diesen Zweck verwenden.

Fürs iPad, das gerade in der Pro-Variante leistungsfähig genug wäre, gibt es den Client nicht. Klar; denn iPad OS ist für diesen Zweck denkbar ungeeignet: Eine App im Hintergrund wird vom Betriebssystem gedrosselt und gestoppt, sodass sie ihren Zweck nicht erfüllen kann.

Und das zeigt unmissverständlich auf, dass das iPad eben kein Computer ist.

Beitragsbild: Dem rücken wir mit unseren CPUs auf den Pelz! (Vektor Kunst, Pixabay-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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