So radikalisieren sich die Verschwörungstheoretiker

Einer setzt immer noch eins drauf. Das gilt auch bei den Verschwörungstheoretikern, wie ein besonders illusteres Video zeigt.

Beitragsbild: Ein grosser Verschwörungstheoretiker wird man nach dem Matroska-Prinzip – indem man immer noch mal eins draufsetzt (Matryoshka Russian Dolls, Marco Verch/Flickr.com, CC BY 2.0).

Es tut mir leid, dass es schon wieder um diese Dinge geht, die sich im Internet ganz unten ablagern – um Lügen, Falschinformationen und Verschwörungsmythen. Aber es muss sein.

Ich habe nämlich letzte Woche ein Video zugespielt erhalten, das «KenFM» und die «Swiss Propaganda Research» geradezu vernünftig und differenziert aussehen lässt. Ich habe mir den Clip mit völligem Unverständnis angeschaut. Nach der Sichtung hätte ich Stein und Bein geschworen, dass es keinen Menschen auf diesem Planeten gibt, der auf solchen Humbug hereinfällt.

Doch es ist unverkennbar, dass der Mann im Video ein Publikum bespielt, das ihn als eine Art Aufklärer betrachtet. Er behauptet, es seien Millionen – was ich, wie eigentlich alles aus seinem Mund, nicht ohne handfeste, objektive Beweise glauben würde. Es liegt somit an meiner Fantasielosigkeit: Ich kann mir keine Welt vorstellen, in der sich Leute auf solchen Habakuk stürzen.

Doch sie tun es. Das bestätigt mir auch mein Freund aus den sozialen Medien: Er hat den Link zum Video nicht mit einem ironischen oder zynischen, sondern mit einer ernsthaften Empfehlung bekommen.

Also, es geht um einen Herrn, der sich selbst Leonard Coldwell nennt und sich mit Doktortitel und Professur vorstellt. Dem Artikel von Wikipedia zufolge heisst er Bernd Klein und «kann weder ein abgeschlossenes Medizinstudium, noch eine Approbation nachweisen. Seine Befähigung zur Ausübung der Heilkunde ist ebenfalls nicht belegt».

Der Clip, mit dem der Mann in mein Bewusstsein gedrungen ist, nennt sich «Notfall-Video»: Klein, Coldwell oder wie immer man ihn nennen will, sorgt sich derart um den Informationszustand von uns allen, dass er quasi Erste-Hilfe-Aufklärung leisten muss.

Daraufhin folgt eine Salve an Desinformation, die man erst einmal bewältigen muss: Kein Mensch sein an Corona gestorben, sagt er. Entweder existiert das Virus nicht oder es ist völlig harmlos und wird durch das UV-Licht der Sonne abgetötet. Trotzdem sind wir alle so gut wie tot, weil mit dem Virus die Zwangsimpfung kommt: «Und mit der Impfung kommt der Mikrochip!»

Natürlich fallen auch die üblichen Namen Bill Gates und George Soros. Abgerundet wird dieses Meisterwerk an verschwörungstheoretischer Meme-Verdichtung durch eine dicke Ladung Reichsbürgerquatsch, der besagt, dass uns die Polizisten, die uns zu Social Distancing anhalten, gar nichts zu befehlen haben, weil sie bloss Angestellte einer Firma sind.

Der Mann ruft seine Anhänger dazu auf, die behördlichen Anordnungen in den Wind zu schlagen und sich zu treffen und zu umarmen, weil das «das Immunsystem stärke». Leute, die sich hingegen an den Lockdown halten, müssen sich beschimpfen lassen: «Ihr Feiglinge, ihr widert mich an!»

An wen richten sich Videos wie dieses?

Es scheint mir klar, dass die eingefleischten Verschwörungstheoretiker das Zielpublikum sind. Wer ein Neuling in der Szene ist, wird abgeschreckt. Wer gekommen ist, um zu hören, dass das Corinavirus nur ein «Hoax», ein Schwindel ist, der verkraftet nicht auch noch die ganze Reichsbürger-Ideologie. Da muss erst einmal die Dissonanz zu der Darstellung in den seriösen Medien überwunden werden – und man will nicht gleichzeitig auch noch die Behauptung schlucken müssen, die Bundesrepublik Deutschland sei kein souveräner Staat.

Um den Herrn Leonard Coldwell auf sich wirken zu lassen, muss man die Vorstellung verinnerlicht haben, dass wir auf Schritt und Tritt betrogen werden, dass Verschwörungen nicht an einigen wenigen Orten, sondern überall lauern und dass hinter jeder False Flag-Operation noch eine schlimmere Täuschung lauert. Da kommt man nicht von jetzt auf sofort hin – sondern nur, wenn man sich intensiv und immer tiefer vom Strudel der alternativen Welterklärungsmodelle einsaugen einlässt.

Das wiederum lässt mich vermuten, dass ein anderer Klein, nämlich Podcaster Holger Klein, recht hat. Er stellt in seinen Sendungen gelegentlich die These auf, dass man auch vergleichsweise harmlose Irrlehren nicht stehen lassen darf, weil die als Einstiegsdroge für die härteren Sachen dienen. Ich zitiere diese Annahme gemäss diesem Blogpost:

Es gibt viele Orientierungslose und Denkfaule, die sich von solch einfachen Antworten in irrationale Gedankenwelten hineinziehen lassen und von dort aus über kurz oder lang den Anschluss an die Realität zu verlieren drohen, denn wer heute bereit ist, den einen Unsinn zu glauben, ist bald auch bereit, jeden anderen zu glauben, denn es fehlt ihm ein Massstab, um Sinn von Unsinn zu unterscheiden.

Das passt auch zur Aussage des Sozialpsychologen Serge Moscovici, der von einer «Verschwörungsmentalität» ausgeht: Personen, die einer Verschwörungstheorie anhängen, neigen dazu, anderen Verschwörungstheorien Glauben zu schenken (Die Psychologie der Verschwörungstheorien).

Die vergleichsweise harmlosen Theorien ebnen den Weg. Zum Beispiel die Vorstellung, dass die Mondlandung gefälscht ist und 9/11 ein Attentat unter falscher Flagge. Diese Ideen zu glauben, tut hierzulande niemandem weh. Sie haben keine negativen Auswirkungen, ausser, dass sie das Klima ein bisschen vergiften und den Diskurs erschweren.

Ganz anders sieht es aus, wenn eine Pandemie infrage gestellt und die Hygienemassnahmen abgelehnt wird. Das ist eine echte Gefahr und kein lustiges Gedankenexperiment mehr. Darum bleibt uns nichts anderes übrig, als auch den Anfängen zu wehren.

Und ja natürlich: Der Weg vom harmlosen Unsinn zum harten Verschwörungstheoretiker-Dreck ist nicht zwingend. Es gibt Leute, die sich zu den Truthern zählen und 9/11 «aufklären» wollen, aber vor den Thesen der Reichsbürger zurückschrecken. Doch auch wenn es nur ein kleiner Teil ist, der sich radikalisieren lässt, ist das bedrohlich genug.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

3 Gedanken zu „So radikalisieren sich die Verschwörungstheoretiker“

  1. Viele Leute brauchen dringend mehr Medienkompetenz. Letzte Woche hat mir ein Kollege erzählt, seine 30-jährige Tochter habe ihn auf einen bevorstehenden viertägigen Stromunterbruch aufmerksam gemacht. Wegen Corona müssten alle Kraftwerke neu gestartet werden und man mache bei der Gelegenheit gleich Wartungsarbeiten. Das sie ihr mehrfach per WhatsApp mitgeteilt worden und auch auf Facebook gebe es Artikel dazu.

    Seine Tochter hat zwar kein Studium, arbeitet aber in einem normalen Beruf und galt bis jetzt nicht als besonders dumm.

    Weshalb glauben Leute so etwas?

  2. Wer nicht glaubt, was die Elite vorgibt, wird als Verschwörungstheoretiker, minderwertig, dumm etc. hingestellt.

    „Ein Problem für sich war und ist überhaupt der einseitige Gebrauch, schlimmer: der einseitige Gebrauch und Missbrauch von Macht und Recht.“ (s. Internet, Institut für Rechtspolitik)
    Zur aktuellen Lage der Demokratie, vgl. auch das Video [Link gelöscht]
    Die allgemeine Bevölkerung weiß nicht, was passiert und sie weiß nicht, dass sie es nicht weiß.
    Die Verhältnisse sind nicht so, wie sie im Schulunterricht gelehrt werden. Wir sind beim Recht des Stärkeren, also wieder dort, wo die alten Griechen zur Zeit von Solon und Platon gestartet sind. Also Fehlende Volkssouveränität und fehlende Möglichkeit der Verfassungsänderung trotz Grundgesetz, fehlende Öffentlichkeit, fehlende Rechenschaftspflicht der Exekutive, Auswahl der Amtsträger durch das Volk existiert nicht, keine Aufklärung, Gewaltenteilung ist weitgehend ausgehölt, Anbindung der Exekutive an das demokratische Gesetz gibt es nicht, die Exekutive hat sich verselbstständigt, die UN-Charta wird nicht eingehalten, das Völkerrecht ist eigentlich nur noch für Sonntagsreden.
    Dass Rechtsbrüche und Rechtsbeugungen systemkonform sind, kann man im täglichen Leben und im (noch nicht umfassend zensierten) Internet erfahren.
    Um die Elitendemokratie durchzusetzen, wird uns eingeredet, dass Demokratie durch unser Wahlsystem gewährleistet wird und die Mehrheit die Minderheit dominieren würde.
    Demokratie ist ein funktionierender öffentlicher Debattenraum. Dieser darf nicht durch Interessengruppen dominiert oder eingeschränkt werden.
    Es besteht die Tendenz, Missstände kleinzureden, Opfern selbst die Schuld zu geben sowie diejenigen negativ einzuschätzen, die die Verhältnisse ändern wollen. Das hatte bisher und hat auch weiterhin Vorteile. Ein demokratischer Dialog ist allerdings nicht das „Fertigmachen“ oder Ausschalten von Kritikern.
    „Demokratie“ hat egalitäre Prozeduren bereitzustellen, um auf friedlichem Wege unterschiedliche Positionen für ein politisches Handeln miteinander in Einklang zu bringen.
    Dazu muss Macht radikal eingehegt werden. Machtstrukturen haben sich der Existenzberechtigung zu stellen mit Rechenschaftspflichtigkeit, evtl. ein Verfahren ähnlich dem im antiken Griechenland bestandenen sogenannten „Scherbengericht“, mit dem Zweck, unliebsame oder zu mächtige Bürger aus dem politischen Leben zu entfernen.
    Demokratie wird allerdings nur von oben gewährt, wenn der Druck von unten groß genug ist und die Gefahr einer Revolution besteht.
    Die Alternative ist immer die Barbarei. Passivität bedeutet die Entscheidung für die Barbarei.

    1. Ich habe deinen Link zu einem Video von Rainer Mausfeld gelöscht, da ich diesem Mann skeptisch gegenüberstehe und mit meinem Blog keine Weiterverbreitung von irgendwelchen Youtube-Clips betreibe. Ich werde mir das Video aber bei Gelegenheit zu Gemüte führen und es allenfalls hier im Blog besprechen, wenn ich denke, dass sich daraus irgend einen Erkenntnisgewinn ergibt.

      Deinen Kommentar lasse ich stehen, so krude er auch ist: Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie Verschwörungstheoretiker operieren. Ich sage hier mit keinem einzigen Wort, dass man «glaben sollte, was die Elite vorgibt». Ob Eliten oder nicht, alle müssen sich an Fakten orientieren und diese in die Diskussion einbringen. Den Herrn Klein bzw. «Leonard Coldwell» stelle ich nicht als dumm, sondern als gefährlich hin. Und die Leute, die ihm glauben, sind nicht per se dumm, aber zu sehr von falschem Gedankengut beeinflusst.

      Der Rest des Kommentars hat absolut nichts mit meinem Blogpost zu tun. Ich werde keine weiteren Kommentare in dieser Art und Weise freischalten – ihr könnt es euch also gerne sparen, sie hier einzutippen. Wer an einer ernsthaften Diskussion interessiert ist, darf sich aber sehr gern einbringen.

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