Wie man sich auf Twitter nicht kurz fasst

Sind Threads auf Twitter sinnvoll oder eine Verluderung der Sitten? Und falls man ihnen etwas abgewinnen kann: Zwei Tricks, wie man sie komfortabel liest und schreibt.

Ein Twitter-Thread ist eine Verkettung mehrerer Tweets, die dann zum Einsatz kommt, wenn ein einziger Tweet mit seinen 280 Zeichen für die Botschaft nicht ausreicht. Die Idee ist, dass man seinem eigenen Tweet Antworten hinzufügt. Auf diese Weise entsteht eine mehr oder minder solide verbundene Kette von Tweets.

Wie das «Diggit Magazine» aufzeigt, haben einige Änderungen an der Funktionsweise des Mikrobloggingdienstes dazu beigetragen, dass sich Threads leichter schreiben und lesen lassen. Es hilft, dass bei Antworten der Name des angesprochenen Twitter-Nutzers nicht mehr am Anfang des Tweets angezeigt wird, sondern in eine Extra-Zeile gewandert ist.

Da ist es nur folgerichtig, dass Threads nicht mehr nur als inoffizieller Hack gelten, sondern direkt unterstützt werden. Über den Plus-Knopf kann man einem Tweet automatisch weitere Beiträge hinzufügen. Das macht es einfacher, den Überblick zu bewahren.

Besonders komfortabel finde ich Twitter-Threads aber trotzdem nicht – weder für den Verfasser noch für den Leser. Ich würde die altgediente Methode daher vorziehen: Die geht so, dass sich die Leute in einem Blogbeitrag über ein Thema auslassen und dann diesen Beitrag verlinken. Ich gebe aber zu, dass es einige Gründe gibt, die gegen das Verlinken und für den Thread sprechen. Nämlich:

  • Es gibt Leute, die kein eigenes Blog haben.
  • Man kann den Thread direkt an Ort und Stelle lesen und kommentieren.
  • Es ist klar, dass der Thread vom fraglichen Nutzer stammt. Im Gegensatz dazu nehmen die meisten Leute bei einer verlinkten Quelle an, dass es sich um etwas handelt, dass der Twitter-Nutzer gefunden und gelesen, aber nicht selbst geschrieben hat.
  • Die Hürden für einen Shitstorm oder für einen viralen Twitter-Sturm sind bei einem Thread kleiner. Umgekehrt liegen sie bei einem reinen Textlink ungleich höher – wenn schon, müsste man noch ein Bild oder Meme dazupacken. Und selbst dann ist fraglich, wie viele Leute den verlinkten Beitrag wirklich lesen.
  • Und schliesslich wirken Threader viel hipper als Verlinker.

Und übrigens: Ich habe versucht herauszufinden, welches der längste Thread aller Zeiten ist. Eine eindeutige Antwort habe ich nicht gefunden. Aber die längeren Exemplare kommen leicht auf über hundert Einzeltweet. Der hier besteht aus 135 normalen und fünf PS-Tweets. Hut ab!

Also, es bleibt anzuerkennen, dass Twitter-Threads eine legitime Ausdrucksform sind. Und es gibt Möglichkeiten, sowohl das Lesen als auch das Schreiben komfortabler zu gestalten.

Der Anfang des besagten Threads, wie man ihn bei threadreaderapp.com zu Lesen bekommt.

Beim Lesen hilft threadreaderapp.com: Man gibt den Link zu einem Tweet ein – oder sucht direkt im Feld nach einem Stichwort – und erhält vom gewünschten Thread dann eine einigermassen angenehm lesbare Darstellung. Die könnte man sogar als PDF herunterladen. Doch dafür würde es eine Mitgliedschaft brauchen, für die man drei US-Dollar im Monat oder 30 Dollar im Jahr zahlt. Aber ein so grosser Fan der Threads bin ich nun auch wieder nicht. Eine Spende via Paypal werde ich mir aber überlegen.

Threadreaderapp.com hält auf der Hauptseite Threads bereit, die gerade oft gelesen und geteilt werden. Das ist eine gute Anlaufstelle für Leute, die gerade nicht in Stimmung für Kurzfutter sind.

Eins steht jedenfalls ausser Frage: Twitter sollte threadreaderapp.com kaufen und integrieren.

Ein fertiger Text wie dieser Blogpost hier wird automatisch in eine Serie von Tweets umgewandelt.

Beim Schreiben unterstützt einen getchirrapp.com: Man hat einen Editor zur Verfügung, in dem man seinen Text fortlaufend schreibt. Rechts daneben sieht man, wie er nach Tweets aufgeteilt aussieht. Der Publish-Knopf veröffentlicht den Sermon dann.

Das Schreiben direkt in der Webapp wäre mir etwas zu träge. Aber man kann seinen Text auch anderswo schreiben (sogar in Word) und einkopieren.

Die App macht von Haus aus eine vernünftige Segmentierung, bei der Satzenden und Absätze berücksichtigt werden. Dieser Beitrag hier hätte übrigens 19 Tweets zur Folge. Ja, ich gebe zu: Das ist noch nicht einmal ansatzweise beeindruckend.

PS: Man kann auch die automatische Nummerierung der Tweets ein- und ausschalten. Nummeriert wäre dieser Thread immerhin zwanzig Tweets lang.

Beitragsbild: Ein guter Ratschlag, den wir heute mal nicht befolgen (Nimm Rücksicht auf Wartende – Fasse dich kurz! von Klaus Nahr/Wikimedia bzw. Flickr.com, CC BY-SA 2.0).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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