Eine erstaunlich schlechte Google-App

Ein Augenschein der Google-News-App zeigt: Die ist tatsächlich genau so undifferenziert, wie ich erwartet habe.

Ich gehöre zu den altmodischen Leuten, die sich aktuelle Informationen nicht ausschliesslich von Facebook und Twitter um die Ohren hauen lassen. Ich verwende nach wie vor und weiterhin aus Überzeugung einen Feedreader mit den selbst kuratierten Nachrichtenquellen. Es sind dies im Moment Inoreader (Hier wirst du gefüttert!) und Lire RSS (Das Nonplusultra für RSS-Fans).

Zusätzlich habe ich Blendle im Einsatz (Mit dem News-Fastfood aufhören) und würde auch Readly empfehlen (Zeitschriften zum Flatrate-Tarif), obwohl mein Abo dort Ende 2019 ausgelaufen ist.

Nie richtig warm geworden bin ich mit Google News. Ich verwende zwar ganz gerne die «News»-Option von Googles Suchmaschine. Aber mit news.google.com freunde ich mich nicht an – auch wenn ich mich bemühe. So richtig festmachen kann ich gar nicht, warum dem nicht so ist. Irgendwie ist mir die Seite zu unübersichtlich, die Auswahl der News zu wenig zwingend und zu durchsetzt von Zeugs, das mir egal ist. Aber zugegeben, ich bin auch wenig tolerant: Wenn man mir mit mehr als einer halben Sportmeldung pro Tag kommt, ist man bei mir unten durch.

Aber es könnte immerhin sein, dass die Google-News-App weniger schlecht ist als die Website. Es gibt sie für Android und für iPhone und iPad. Doch auch bei der App fällt mir auf, dass die Auswahl an Nachrichten nicht meinem Geschmack entspricht.

Die Auswahl der News muss man in die eigenen Hände nehmen.

Es tauchen viele Meldungen von SRF auf, was nicht verkehrt ist. Daneben auch viel von «Blick» und Watson.ch, was ich noch knapp hinnehmen könnte. Dass der ganze Rest von Nau.ch und «20 Minuten» bestritten wird, aber selbst im Abschnitt «Winterthur» erst drei Meldungen der «Winterthurer Zeitung» auftauchen, bevor erstmals überhaupt der «Tagesanzeiger» vertreten ist, irritiert mich ziemlich. Und auch die NZZ ist bei meinen Stichproben in der Standardauswahl überhaupt nicht präsent.

Es ist offensichtlich: Google hat eine hochgradige Abneigung gegen die Tamedia, «20 Minuten» ausgeklammert. Der Landbote, immerhin die traditionsreichste Zeitung in dieser Stadt hier – und jene, die mir 1991 als Volontär meinen Einstieg in den Journalismus ermöglicht hat – kommt überhaupt nicht vor. Nicht, dass ich mich und meinen Arbeitgeber für den Nabel der Welt halten würde. Aber eine angemessene Vertretung des grössten Medienhauses der Schweiz ist das nicht.

Über die Gründe kann man, wie immer bei Google, nur spekulieren. Womöglich beherrscht die Konkurrenz die Disziplin der Suchmaschinenoptimierung besser. Vielleicht liegt es an der Paywall, die Google abschreckt. Eventuell ist die Beziehung der beiden Unternehmen irgendwie gestört – allerdings ist mir dazu nichts Näheres bekannt. Bei der Tamedia nutzen wir jedenfalls die G-Suite von Google.

Bei «Folge ich» passt man die Auswahl der Themen, Quellen und Orte an. Die Darstellung der ausgewählten Themen ist denkbar unglücklich: Man sieht nur dreieinhalb Themen aufs Mal.

Immerhin muss man nicht als gottgegeben hinnehmen, was einem die App serviert. In der Rubrik Folge ich kann man nicht nur Themen und Quellen auswählen, sondern bei Lokal auch Orte angeben, an denen man ein gesteigertes Interesse hat. Doch auch hier bekleckert sich Google nicht mit Ruhm. Unter den Orten ist zwar Thalheim im Aargau zu finden, nicht aber meine ehemalige Wohngemeinde Thalheim an der Thur. Wenn ich nach der Postleitzahl 8478 suche, schlägt Google Somlójenő in Ungarn, Washington in Utah, USA und Hildale in Utah, USA vor.

Das ist nun erstaunlich miserabel für ein Unternehmen, das auf einem derartigen Datenberg hockt wie Google. Ja, zugegeben: In Thalheim an der Thur passiert nur ungefähr alle fünfzehneinhalb Wochen etwas Nennenswertes. Doch gerade deswegen würde ich den Ort in der App hinterlegen wollen.

Über das Menü gibt man an, wovon man mehr, weniger oder nichts bekommen will.

Immerhin: Man kann un- oder weniger erwünschte Quellen und Themen zurückbinden. Dazu tippt man auf das Drei-Punkte-Menü, das bei jeder Meldung rechts unten erscheint. Über das Menü hat man die Möglichkeit, eine Quelle abzuwählen (Meldungen von XY ausblenden) oder abzuwerten (Weniger Meldungen wie diese). Bei Dingen, die man gut findet, darf man umgekehrt auf Mehr Meldungen wie diese tippen – und man kann Meldungen auch aufheben, indem man auf Für später speichern klickt.

Fazit: Es ist mir klar, dass es Geschmackssache ist, welchen Weg man vorzieht. Der komplett selbstbestimmten Weg im Feedreader macht anfänglich mehr Arbeit: Man muss seine Quellen selbst wählen und in der App hinterlegen. Google hingegen liefert von Anfang an eine Auswahl, die sich verfeinern lässt.

Mir liegt die Methode über den Feedreader deutlich besser: Da bekomme ich genau das, was ich will. Das Anpassen von Googles Auswahlsendung macht auf Dauer nicht weniger, sondern mehr Arbeit: Für eine individuelle Nachrichtensammlung muss man kontinuierlich angeben, was man mag und was nicht. Man kommt immer mal wieder in die Verlegenheit, Nonsense-Meldungen über irgendwelche Bachelorettes zu blockieren. Und dafür ist mir meine Zeit zu schade.

Beitragsbild: Ist das hier richtig sortiert? (AbsolutVision, Pexels-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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