Mit Studio-Link klingt Radio besser

Die Qualitätsoffensive beim Nerdfunk war ein voller Erfolg: Wir haben Skype in die Wüste geschickt und auf Studio-Link umgestellt.

Derzeit ist vieles anders. Auch bei Radio Stadtfilter. Dort ist der Sendebetrieb eingeschränkt, weil … naja, ihr könnt es euch ausmalen. Der Nerdfunk soll aber weitergehen. Das ist uns wichtig. Erstens, weil der digitale Aufklärungsbedarf in Zeiten von Homeoffice und Videoconferencing hoch ist. Und zweitens, weil wir der Ansicht sind, dass man so ein Projekt durchziehen muss, so lange es nur geht.

Und dieser Tage ist es zum Glück gar keine so grosse Sache, eine Sendung in sendefähiger Qualität von zu Hause aus zu produzieren. Ich habe vor gut vier Jahren im Btwareüro eine Studioecke eingerichtet, die den etwas grossspurigen Namen Bruehlgarden Studios trägt.

Mit einer Sache war ich aber unzufrieden. Die Verbindung zu meinen beiden Mitstreitern Kevin Rechsteiner und Digichris habe ich bisher mittels Skype aufgebaut. Das funktioniert unkompliziert. Aber es ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Erstens ist die Audioqualität mässig. Und zweitens gibt es eine recht grosse Latenz (Verzögerung).

Darum haben wir Alternativen evaluiert. Mumble ist eine freie Alternative zu Skype. Wir haben sie ausprobiert, waren mit der Tonqualität aber nicht  glücklich; und auch das Einrichten und Konfigurieren erwies sich als eher umständlich. Den nächsten Versuch haben wir mit Studio Link gestartet. Und das war ein voller Erfolg – auch den Zuhörern ist die qualitative Verbesserung sofort aufgefallen.

Studio Link ist eine Software für Audioverbindungen, die den Ansprüchen von Radiojournalisten, Podcastern und anderen Profis gerecht werden will. Es gibt sie für Windows, Mac und Linux. Man kann auch mobile Geräte verwenden. Dafür gibt es die Cloud Softphone-App (für iPhone/iPad und Android), die sich aber nur für Gäste und nicht für den Produzenten der Sendung eignet.

Simple Oberfläche – aber alles, was man braucht.

Startet man Studio Link, öffnet sich ein Konsolenfenster, plus der Browser. Im Browser erscheinen die Bedienelemente: Das Eingabefeld für die Telefonnummer bzw. die ID der Gäste, über das man die Verbindungen aufbaut. Dann Pegel für das eigene Audiosignal und die Signale der Aussenstellen. Plus einen Knopf für die Aufnahme und für das Live-Streaming.

Die Konfiguration von Input und Output – die so nur an «richtigen» Computern und nicht an Tablets möglich ist.

Und das ist auch alles, was man braucht – abgesehen von der Konfiguration der Audio-Schnittstellen, die man über den Knopf Interface aufruft. Dort wählt man bei Windows den Treiber, den Eingang (Input) und den Ausgang (Output). In meinem Fall verwende ich Wasapi (siehe auch Immer Ärger mit Soundaufnahmen bei Windows), den analogen Audio-Eingang, an dem mein Mischpult und das Mikrofon hängt und den USB-Audioausgang, an dem ich den Kopfhörer angestöpselt habe.

Nebst der besseren Aufnahmequalität hat Studio Link noch zwei grosse Vorteile:

Erstens die separate Aufnahme aller Teilnehmer. Im Aufnahmeordner findet man nach Beenden der Aufzeichnung die eigene Tonspur (local.flac), plus die Spuren der Gäste (remote-track-x.flac; x steht für eine Nummer von 1 bis 6.) Zum Einsatz kommt das verlustfrei komprimierende Flac-Format, das sich auch zur Produktion und Archivierung der Originaldateien eignet.

Etwas irritierend ist, dass immer sechs Remote-Spuren aufgezeichnet werden, auch wenn man weniger Verbindungen verwendet hat. Das sei technisch begründet, heisst es auf den Hilfeseiten. Es stört aber auch nicht weiter, da man an der Dateigrösse sofort sieht, welches die leeren Spuren sind, und die einfach löschen kann.

Um die Spuren zusammenzumischen, zieht man sie bei Audacity in ein neues Projekt und exportiert alles als neue Datei. Alternativ kann man sich die Spuren auch über ein Multitrack-Projekt von Auphonic zusammenrechnen. Ich habe das probehalber durchgespielt, fand den Aufwand aber zu gross, weil ich die Aufnahme vorab via Audacity trimmen wollte. Falls man die Aufnahme so hinkriegt, dass man sie ohne weitere Eingriffe veröffentlichen kann, dann spricht nichts dagegen, die Spuren von Auphonic mixen zu lassen.

Übrigens: Wenn die Gesprächsteilnehmer ihr Ende auch aufnehmen, kann man hinterher mit wenig Aufwand einen Double-Ender (bzw. in unserem Fall einen Triple-Ender) produzieren. Man tauscht dann die Remote-Tracks durch die lokalen Spuren der Gäste aus, die man von ihnen zugeschickt erhalten hat. Das hat zur Folge, dass man von allen Gästen die lokale Qualität hat und Verbindungsaussetzer und -störungen, wie sie immer mal wieder auftreten, in der fertigen Produktion nicht zu hören sind.

Zweiter Vorteil für mich: Da ich mein Mikrofon über das Mischpult angeschlossen habe, kann ich auch Jingles und Musik zuspielen – und zwar, ohne dass sich das alte N-1-Problem stellt: Studio-Link routet die Audiosignale automatisch richtig.

Kleines Problem: Sich selbst hört man im Mix, wahrscheinlich wegen der Latenz, nicht. Das hat zur Folge, dass man auch die Einspieler nicht zu hören bekommt. Eine sehr triviale Lösung ist, sich unter den am Computer angeschlossenen Kopfhörer einen Ohrhörer zu stecken, der mit dem Mischpult verbunden ist. Ja, ein richtige Tonmeister fällt bei diesem Hack wahrscheinlich tot um. Aber man braucht es ihm ja nicht zu verraten.

Fazit: Eine echte Verbesserung, von der der Nerdfunk auch nach dem Corona-Sonderprogramm noch profitieren wird. Es gibt Studio-Link in einer kostenlosen Version, wo man allerdings seine Benutzer-ID nicht nach Wunsch wählen kann, sondern mit einer kryptischen alphanumerischen Kennung leben muss. Die kostenpflichtigen Varianten heissen Basic, Standard und Pro und kosten 1-4, 5-9 bzw. 10 Euro.

Ich habe mir gleich Basic gebucht. Ich hoffe zwar, dass wir bald wieder ganz ohne Internettelefonie live aus dem Studio senden können. Aber innovative, nützliche Dienste wie diesen sollte man unbedingt unterstützen!

Beitragsbild: Nicht, dass es bei dem Empfangsgerät auf maximierte Tonqualität ankäme (Eric Nopanen, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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