Eine offene Video-Plattform, die Youtube an den Kragen will

Youtube setzt Milliarden um, steht trotzdem in der Kritik – und bekommt nun neue Konkurrenz.

Hat Youtube den Zenit  überschritten? Die Antwort auf diese Frage hängt von der Perspektive ab. Neulich hat Google zum ersten Mal konkrete Zahlen zur Videoplattform veröffentlicht (PDF): 15 Milliarden US-Dollar Umsatz waren es im letzten Jahr. Das sind knapp zehn Prozent des Umsatzes des Mutterkonzerns Alphabet von 162 Milliarden US-Dollar. Trotzdem: Falls ich im Dokument oben nichts übersehen habe, steht da nicht, wie viel Gewinn die Videoplattform abwirft.

Betrachtet man die Sache durch die finanzielle Brille, dann hat Youtube den Zenit nicht überschritten. Im Gegenteil: Die Plattform wächst und gewinnt weiterhin an Einfluss. Und auch Youtube Premium ist zwar kein durchschlagender Erfolg, aber mit 20 Millionen Abonnenten auch keine krachende Pleite.

Das Verdikt der Youtuber selbst fällt deutlich anders aus. Ich habe vor einiger Zeit den Stinkefinger gereckt. Und kürzlich bin ich über das Video «Why everyone is leaving Youtube» gestolpert. Da erklären Youtuber, weswegen sie Youtube nicht mehr mögen. Sie tun das auf Youtube, was  ironisch und widersprüchlich ist. Aber vermutlich auch unvermeidlich.

Schade ist allerdings, dass es sich hier um ein typisches Youtube-Youtuber-Video handelt: Es gibt viel Empörung, viel Pose und Selbstdarstellung, aber nur wenig Fleisch am Knochen. Falls ich die Sache richtig verstanden habe, stören sich die meisten an den unklaren Regeln zur Monetarisierung. Youtube sei voreingenommen gewissen Meinungen gegenüber und streiche Videos mit unerwünschten politischen Botschaften die Einnahmen.

Aber eben: Dass sich einzelne Zuträger ungerecht behandelt fühlen, ist bei einer Plattform mit Millionen Nutzern unvermeidlich. Ob Youtube wirklich die Rechten benachteiligt, wurde oft behauptet, aber nicht schlüssig bewiesen.

Ein zweiter Vorwurf scheint mir plausibel: Youtube bevorteile die Videos grosser Medienhäuser gegenüber den Clips der unabhängigen Youtuber. Diesen Vorwurf habe ich auch schon von anderer Seite gehört. Es scheint für einen Medienkonzern deutlich einfacher zu sein, ein Video in der Trending-Liste zu platzieren. Aber da dieser Algorithmus nicht offen gelegt ist, können wir nur spekulieren. Abgesehen bleibt die Frage offen, ob ein solcher Algorithmus überhaupt gerecht sein kann – und wie man «Gerechtigkeit» definieren würde.

Meine Prognose ist, dass Youtube uns erhalten bleibt, selbst wenn dieser Dienst allerlei Maken hat. Wer sollte ihn denn beerben? Vimeo wäre mutmasslich der aussichtsreichste Kandidat. Doch 90 Millionen User bei Vimeo im Vergleich zu 1,9 Milliarden bei Youtube ist ein riesiger Unterschied. Was die Zahl der Videos angeht, habe ich auf die Schnelle keine schlüssigen Angaben gefunden. Aber es ist offensichtlich, dass man viele der sehenswerten Dinge nur bei Youtube findet. Was mich angeht, zum Beispiel die Videos von John Oliver oder Stephen Colbert.

Da kann man sich fragen, wie gross die Erfolgsaussichten von lbry.tv sind: Das ist eine neue Videoplattform, die sich explizit an die Youtube-müden Nutzer richtet. Es sei Zeit, die Kontrolle von Youtube und Amazon zurückzugewinnen, steht bei lbry.com, dem Unternehmen hinter der neuen Plattform.

Gestandene Künstler, Benutzer mit Selbstachtung, Datenschutzbewusste, Computerfreaks, Freiheitsliebende, liebenswerte Verrückte und Leser kleiner grauer Texte überall wählen LBRY, weil die Plattform offen, fair und frei ist.

Nun, ich habe meine Zweifel, ob eine solche Plattform funktioniert, nur weil sie etwas Bekanntes auf eine freie und offene Weise tut. Das hat meines Wissens kaum je wirklich funktioniert: Libre Office ist im Vergleich zu Microsoft Office ein Zwerg. Linux auf den Desktops viel weniger verbreitet als Windows oder Mac. Und keines der alternativen sozialen Netzwerke, die gegen Facebook anstinken wollten, ist jemals nur ansatzweise relevant geworden.

Das Angebot ist noch ziemlich mau.

Also: Ich werde Lbry ausprobieren und näher ansehen, aber trotz meiner eigenen Youtube-Müdigkeit keine allzu grossen Hoffnungen in diese Plattform setzen. Es gibt auch bei Lbry eine eingebaute Cryptowährung namens Lbry Credits (LBC). Das erinnert ein bisschen an Steemit (Steemt die Kohle?) oder Dock.io (Die Zukunft oder ein zukünftiger Flop?).

Ich verstehe die Versuchung, eine solche Plattform auch gleich eine Art Ökosystem mit einer Content-Plattform zu verknüpfen. Aber ich glaube, dass das die Hürden für die breite Nutzerschaft massiv erhöht – wer einfach nur ein paar Clips ansehen will, wird nicht einsehen, weswegen er sich mit einem Wallet und den mutmasslich recht schwer zu verstehenden finanziellen Mechanismen einer solchen Plattform herumschlagen soll. Ich stelle daher auch Lbry die gleiche Prognose aus wie Steemit und Dock: Eine Spielwiese für Nerds, aber nicht mal im Ansatz aufgestellt, um dem grossen Gegner auch nur ein paar Tröpfchen Wasser abzugraben.

Beitragsbild: Steht inzwischen etwas schepps in der Landschaft (Kon Karampelas, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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