Spotify, gib mal meine Daten her

Die Datenschutz-Grundverordnung gibt uns Nutzern¹ ein interessantes Recht: Nämlich das Recht auf Datenportabilität. Wir sollten die Möglichkeit bekommen, unsere Daten aus Webdiensten abzuziehen und selbst weiterzunutzen oder bei einem anderen Dienstleister zu deponieren.

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen. Denn wieso würden wir Nutzer überhaupt auf die Idee kommen, einem Dienst unsere Daten anzuvertrauen, wenn wir nicht sicher sein können, dass wir sie zurückbekommen, wenn wir das wünschen?

Aber offensichtlich machen sich nur wenige Leute diese Gedanken. Wir sind von proprietären Dateiformaten und anderen Lock-In-Mechanismen schon derartig darauf konditioniert, dass Datenportabilität nicht existiert, dass wir eine beträchtliche Akzeptanz und Leidensfähigkeit entwickelt haben.

Das soll aber nicht heissen, dass das so bleiben muss. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Exportfunktionen bei diversen Diensten zu testen und sie zu besprechen: Im Beitrag Der Fluch der Datensilos geht es um Sportdaten, die man mit seinen Wearables und Sporttrackern sammelt. Bei Raus geht, rein aber nicht bespreche ich die Takeout-Funktionen von Apple und Google. Und schon 2013 gab es Takeout-Funktionen bei Facebook, Twitter und Google. Die habe ich seinerzeit im Beitrag Eine Sicherheitskopie der Cloud vorgestellt.

Heute geht es um Spotify. Da scheinen mir die Exportmöglichkeiten besonders wichtig zu sein – allein deswegen, damit man nicht seine gesamte virtuelle Musiksammlung verliert, wenn ein Dienst unerwartet eingestellt werden sollte oder man, aus welchen Gründen auch immer, den Zugang zu seinem Konto verliert. Ohne zu viel zu verraten: Ich habe dazu ein Patentrezept-Video in der Mache.

Bei Spotify ist die Sache auch besonders knifflig. Ich habe schon letztes Jahr versucht, an meine Daten zu gelangen, bin damit aber erst einmal gescheitert. Ich musste zuerst herausfinden, wie ich mein Spotify-Konto von Facebook entkopple, damit der Export der Daten überhaupt möglich wurde. Nachdem das geklappt hat, habe ich nun eine Kopie meiner Daten auf der Festplatte.

Also: Für den Export geht man am besten via Browser zu den Einstellungen seines Spotify-Kontos. Dort, unter Datenschutz, gibt es im Abschnitt «Deine Daten herunterladen» die Möglichkeit, die Daten anzufordern. Man muss dieses Begehren über ein Mail bestätigen, dass man an die hinterlegte Adresse zugeschickt erhält. Dann wartet man bis zu dreissig Tage, bis Spotify dieses Archiv erstellt hat. Sobald das passiert ist, bekommt man eine Mailnachricht zugeschickt und kann das Archiv dann endlich herunterladen.

Für meinen Geschmack ist dieses Prozedere etwas gar umständlich. Aber immerhin: Es funktioniert.

Ich habe ein Archiv erhalten, dass 504 KB gross ist. Das hat mich verblüfft. Ich habe eine deutlich grössere Datei erwartet. Ich bin zahlender Kunde, seit Spotify im November 2011 in die Schweiz gekommen ist. Und wir nutzen den Dienst intensiv; annähernd täglich. Müssten da nicht mehr Daten zusammengekommen sein?

Die von Spotify exportieren Daten in einer ersten Analyse.

Entpackt ist das Archiv 2,32 MB gross. Es sind zehn Dateien: Eine PDF-Datei mit nutzlosen Erklärungen und folgende Dateien im Json-Format. Das ist deutlich kompakter als z.B. XML, was die kleine Datenmenge zu einem gewissen Grad relativiert.

Playlist1: Hier stecken meine Spotify-Wiedergabelisten. Zu jeder Liste gibt es einen Eintrag mit dem Namen, ein Zuletzt-Verändert-Datum und eine Aufzählung der Einträge mit Titel, Künstler und Album. Falls die Datei mit einer lokalen Datei verknüpft ist, gibt es einen entsprechenden Eintrag. (Es ist möglich, auch lokale Dateien in eine Spotify-Playlist einzufügen. Ich habe diese Möglichkeit in meinem Spotify-Tipps-Video hier vorgestellt.)

SearchQueries: Die letzten Suchläufe, mit Hinweis aufs benutzte Gerät und angeklickte Fundstelle. Die Liste geht nur ein paar Dutzend Einträge (und bei mir ungefähr zwei Monate) zurück.

StreamingHistory0 und StreamingHistory1: Die Liste mit den gestreamten Musikstücken. Sie enthält den Namen des Künstlers, den Titel des Tracks und den Endzeitpunkt (das Ende der Wiedergabe), plus die Wiedergabezeit in Millisekunden, die wichtig für die Abrechnung sein dürfte.

Ich nehme an, dass die Liste aus technischen Gründen zweigeteilt ist. Die Datei 0 fängt am 2.5.2018 an und geht bis zum 29.12.2019. Die Datei 1  setzt am 29.12.2019 fort und geht bis zum 16.1.2020. Das dürfte der Zeitpunkt gewesen sein, an dem die Liste exportiert wurde.

Daraus ergibt sich, dass man gut anderthalb Jahre seiner Streaming-Historie exportiert erhält. Wenn man die Historie lückenlos archivieren will, sollte man den Export ungefähr einmal pro Jahr durchführen.

Userdata: 13 Einträge zu meinem Nutzerkonto, unter anderem mein Nutzername in Form einer Zahl, das Land, die E-Mail-Adresse und die Konstante createdFromFacebook, die offensichtlich angibt, dass mein Benutzerkonto seinerzeit via Facebook eröffnet wurde.

YourLibrary: Diese Datei dürfte der Bibliothek entsprechen. Spotify beschreibt die wie folgt: «Wenn du einen Song, eine Playlist oder ein Album mit ‹Gefällt mir› markierst oder einem Künstler oder Podcast folgst, findest du diese Inhalte in deiner Bibliothek.»

DuoNewFamily: Die Datei ist bei mir leer. Ich nehme an, dass sie mit dem Premium-Familiy-Abo zusammenhängt.

Follow: Den Künstlern, denen ich folge.

Payments: Meine Kreditkarte, zum Glück nicht mit vollständiger Nummer.

Fazit: Das sind sicher nicht alle Daten, die Spotify über mich hat. Beispielsweise fehlen die Informationen, anhand mein Mix der Woche und die anderen automatischen Playlists zusammengestellt wird. Es ist anzunehmen, dass die für uns normale Nutzer schwer- bis unverständlich wären. Aber trotzdem will ich als Datenfan so viel bekommen, wie ich kriegen kann.

Bedauerlich finde ich, dass die Wiedergabe-Historie nicht bis zum Anfang zurückreicht. Ob Spotify diese Daten nicht mehr hat oder nicht herausrückt, kann ich nicht beurteilen. Es wäre eine gute Idee, diese Historie selbst zu sichern, zum Beispiel via Ifttt. Das ist offenbar aber nicht möglich.

Und ja, es bleibt die Frage, was einem solche Json-Dateien nützen. Man muss in der Lage sein, sie zu interpretieren, wenn man sie direkt nutzen möchte. Das ist allerdings keine grosse Hexerei: Wer von geschwungenen Klammern und Einrückungen nicht abgeschreckt wird, dürfte mit diesem Format sehr schnell zurechtkommen. Ausserdem kann man Json auch in andere Formate konvertieren, zum Beispiel CSV. Und das lässt sich dann wiederum in Excel importieren.

Trotzdem wäre ein Tool nützlich, das zum Beispiel aus der Wiedergabeliste die beliebtesten Songs extrahiert und es einem erlaubt, die in einem Rutsch im iTunes Music Store zu kaufen: Dann könnte man ohne viel Aufwand vom Streamingmodus zurück zum «Ich besitze meine Musik selbst»-Modus wechseln…

Beitragsbild: Fixelgraphy, Unsplash-Lizenz


¹ Natürlich mit folgender Einschränkung, die für meine Ausführungen jedoch nicht relevant ist: Die Schweiz ist nicht in der EU, wo die Datenschutz-Grundverordnung erlassen wurde. Schweizer Unternehmen und Nutzer sind dennoch von der Regelung betroffen. Die Details liest man am besten in Martin Steigers Blogpost nach: Übersicht: EU-Datenschutz-Grundverordnung und ihre Auswirkungen auf die Schweiz

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Kommentar verfassen