Das iPad Pro: Da ist noch Luft nach oben

Das iPad hat neulich seinen zehnten Geburtstag gefeiert. Ich habe dazu ein paar Stimmen gesammelt, und ergänze an dieser Stelle gerne die differenzierte Analyse der Apple-Freaks des «Bits und so»-Podcasts: Die erinnern daran, in welcher Stimmung wir waren, als Steve Jobs vor zehn Jahren dieses magische Gerät angekündigt hat.

Und sie erwähnen zu Recht, dass wir uns damals mit einem Ding namens Netbooks herumgeschlagen mussten. Diese meist extrem untermotorisierten Laptops, die für ihren Zweck dann doch reichlich viel Gewicht und Bauhöhe mitbrachten, waren nicht die reine Freude. Auch darum hat das iPad – beziehungsweise der Slate, wie man diese neue Geräteklasse vor der Ankündigung Jobs‘ noch spekulativ bezeichnet hat – einen Nerv getroffen.

Das iPad hat diese Erwartungen nur ansatzweise erfüllt: Das finde ich, und auch die Podcaster von «Bits und so» sind, obwohl sie teils eingefleischte Nutzer sind, zu einer ähnlichen Einschätzung gelangt.

Aber da man nicht bis in alle Ewigkeit auf seinen vorgefertigten Meinungen bestehen sollte, habe ich mir vorgenommen, auch einmal das iPad Pro einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Da ich mein Urteil vor allem anhand der Tauglichkeit für ernsthaftes Arbeiten abhängig mache, ist das nur fair – denn mein privates iPad (sechste Generation, mit 32 GB Speicher) ist nun nicht die ultimative Power-Maschine.

Photoshop im iPad-Pro-Format.

Ich habe von Apple für diesen Zweck ein iPad Pro dritter Generation mit 12,9 Zoll als Testgerät erhalten. Adobe konnte ich eine CC-Lizenz zu Rezensionszwecken für die iPad-Variante von Photoshop abschwatzen. Das ist eine gute Ausgangslage, dass ich die beiden Welten vergleichen und den klassischen Ansatz mit dem Desktop-Computing der modernen Arbeitsweise auf einem High-End-Tablet gegenüberstellen kann.

Photoshop werde ich noch gesondert unter die Lupe nehmen. Und natürlich will ich auch die eine oder andere Stift-optimierte App vorstellen.

Hier jedenfalls meine drei wichtigsten Eindrücke:

Ich war verblüfft, dass sich das iPad Pro nicht einfach als grosses iPad, sondern als anderes Gerät anfühlt. Dass es keinen Home-Knopf gibt, habe ich vor dem Test als eher nebensächliches Detail betrachtet. Das war eine Fehleinschätzung: Es wertet die Arbeit im Querformat deutlich auf. Zwar kann man auch am normalen iPad problemlos quer arbeiten – natürlich. Doch der Home-Knopf ist in dieser Haltung nicht optimal zu benutzen, ganz gleichgültig, ob man ihn nun rechts oder links hält.

Das Pro-Modell legt nun nahe, dass man es völlig gleichgültig ist, wie herum man es benutzt. Zu diesem Eindruck trägt auch der viel dünnere Rand bei. Er stimmt zwar nicht ganz, weil je nach Position die Entsperrung per Face-ID besser oder schlechter funktioniert – aber es gibt einem gefühlt mehr Freiheit.

Der Unterschied zwischen 12,9 Zoll und 9,7 Zoll klingt nicht nach arg viel. Aber in der Praxis ist es wie A4 statt A5.

Auch das grössere Display macht einen grösseren Unterschied, als ich gedacht hätte. Das iPad Pro ist zwar nicht ganz so gross wie ein A4-Blatt – aber es fehlt auch nicht mehr viel.

Das normale iPad mit 9,7Zoll-Display ist ungefähr so gross wie ein A5-Block. Das ist nach den exakten Abmessungen nicht genau halb so gross – aber genauso fühlt es sich an.

Auch das gibt einem als Nutzer mehr Freiheiten, wenn man schreibt oder seine Notizen ordnet. Aber fürs Zeichnen und kreative Arbeiten bringt es noch mehr. Man kann sich auf einem grossen Blatt Papier einfach besser austoben als auf einem kleinen Zettelchen.

Dieses Gerät ist toll für Leute mit einer gestalterischen Ader. Man muss kein Künstler sein – was ich bekanntlich auch nicht bin –, um die Vorteile anzuerkennen: Zeichnen, malen, illustrieren, skizzieren, das geht mit so einem grossen Tablet und dem Stift um Welten besser als mit einer Maus und einem berührungsunempfindlichen Bildschirm. Auch ein Tablet von Wacom fällt zurück, da man mit dem nicht seiner Hand bei der Arbeit zusehen kann.

Darum leuchtet mir ein, dass Leute wie Dana Rulf auf dieses Werkzeug schwören. Rulf hat im Nerdfunk erzählt, wie sie mittels iPad Pro bei Sitzungen, Workshops, Schulungen, Diskussionen, Konferenzen Zusammenfassungen in Bildform anfertigt. Da ist ein Tablet ideal; weil es im Gegensatz zu einem Papierblock eine Undo-Funktion aufweist.

Die Positionierung als «Computer», die Apple 2017 mit der «What’s a computer?»-Fernsehwerbungs-Kampagne angestrebt hat, ist meines Erachtens trotzdem falsch. Die Stärke des iPads ist nicht die universelle Eignung für alle denkbaren Aufgaben, wie man das vom klassischen Personal Computer her kennt. Das iPad Pro ist ein schönes Werkzeug für Künstler, Grafiker, Illustratoren und alle, die ihre motorischen Fähigkeiten direkt und unmittelbar einsetzen wollen, um ihren Output zu produzieren.

Damit sind wir bei den Schwächen:

Da brauche ich mich nicht allzu ausführlich zu wiederholen. Denn ich habe schon früher beschrieben, welche Unterschiede mich dazu treiben, anspruchsvolle Aufgaben auch weiterhin mit meinem Windows-PC oder meinem Macbook Pro zu erledigen:

  • Es ist das Multitasking, das gleichzeitig zu limitiert und zu umständlich ist.
  • Es ist das Dateisystem, das gemessen am Mac-Finder und Windows-Explorer mehr als primitiv ausfällt.
  • Und es ist die zu grosse Limitierung, was Anpassungsmöglichkeiten und Erweiterungen angeht. Sprich: Ich muss auf Programme wie PhraseExpress oder Ueli verzichten und kann keine Scripts programmieren (auch wenn die Kurzbefehle-App eine gewisse Verbesserung darstellt). Und Browser-Erweiterungen, die für meine tägliche Arbeit absolut essenziell sind, gibt es auch nicht.
Wenn man damit bloggt, unterfordert man dieses Gerät.

Was nun das iPad Pro angeht, finde ich die magnetische Fixierung des Stifts nicht überzeugend. Er hält da einfach zu wenig gut, als dass man das iPad einfach mal in einen Rucksack werfen oder auch nur ins Regal schieben könnte. Ich habe den Stift denn auch schon mehrfach verloren  – und auch im Moment habe ich keine Ahnung, wo er ist. Das bräuchte es eine zuverlässigere Befestigungsmöglichkeit.

Ansonsten ist mir aufgefallen, dass man das iPad Pro im Standby-Betrieb für meinen Geschmack zu wenig lang durchhält. Beim normalen  iPad klappt man das Cover zu, legt es beiseite und nimmt es zwei Tage später mit akzeptablem Akkustand wieder zur Hand. Beim iPad Pro ist in der Zeit der Akkustand viel stärker gesunken – sodass man es wahrscheinlich erst einmal aufladen muss. Ich würde vermuten, dass die Stromsparfunktionen von iOS der sehr leistungsfähigen und entsprechend energiehungrigen Hardware noch nicht so richtig gewachsen sind.

Fazit: Man hätte es nicht iPad Pro, sondern iPad Creative, oder etwas in der Art nennen sollen. Und Apple müsste sich endlich eine Lösung ausdenken, wie iPad OS den Erwartungen gerecht wird – oder eine Touch-Version von Mac OS entwickeln und die aufs iPad Creative bringen. Und dann hätte ich künftig auch nichts mehr zu schnöden…

Beitragsbild: Ins Fitnessstudio muss man deswegen nicht (Roberto Nickson/Unsplash, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Das iPad Pro: Da ist noch Luft nach oben“

  1. Für mich ideal da ich teilweise mit 300 seitigen Schemata zu tun habe und ein Laptop nur zur Darstellung arg unpraktisch war.Mittelsvpdf expert eine sehr gute app zum Bearbeiten von pdf’s
    Stimmt Laufzeit etwas lau aber Helligkeit runter und Auflösung auch runter dann läuft auch einen Arbeitstag lang,wlan und GSM natürlich aus.

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